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Wie Hamburgs Ladenbesitzer durch die Corona-Krise kommen

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Am Mühlenkamp in Winterhude hoffen die Geschäftsinhaber, bald bis 23 Uhr
öffnen zu dürfen.

Am Mühlenkamp in Winterhude hoffen die Geschäftsinhaber, bald bis 23 Uhr öffnen zu dürfen.

Foto: Hernandez

Viele inhabergeführte Geschäfte haben ihre Rücklagen aufgebraucht. Längere Öffnungszeiten geplant. Lieferdienste als Online-Konkurrenz.

Hamburg. Schon im Frühjahr, als noch niemand wusste, dass die Zeit nach dem Lockdown in Wahrheit nur die Zeit vor dem nächsten Lockdown sein würde, waren die Sorgen um die Zukunft der kleinen Stadtteilzentren groß. Städteforscher wie Dieter Läpple von der HafenCity Universität Hamburg (HCU) etwa fürchteten die Verödung der Quartiere. Nun jährt sich die Corona-Pandemie schon bald, und eine Ende ist derzeit noch nicht in Sicht.

Klar ist nur: Hamburgs Quartiere erleiden zum zweiten Mal einen harten Lockdown. Viele inhabergeführte Geschäfte haben ihre Rücklagen lange aufgebraucht, und die Perspektive auf schnelle Besserung fehlt. Gleichzeitig haben viele Hamburgerinnen und Hamburger in der Corona-Pandemie so stark wie nie die Bedeutung der Nahversorgung um die Ecke erfahren, haben Schaufenstershopping gemacht und den Mittagstisch per Box nach Hause mitgenommen.

Die Frage ist: Hat das alles gereicht? Wie werden die Quartiere nach der erneuten Vollbremsung aussehen? Das Hamburger Abendblatt sprach mit drei bekannten Quartieren, die sich organisiert haben und gebündelt Antworten geben können.

Til Bernstein, Zweiter Vorsitzender des Vereins Osterstraße

„Die kleinen Zentren leben sehr stark von den Menschen in der Nachbarschaft, besonders in Pandemiezeiten, in denen viele im Homeoffice arbeiten. Wir vom Verein Osterstraße haben zu Beginn des Lockdown-light eine kleine Umfrage an der Osterstraße gemacht. Die ist sicherlich nicht repräsentativ, aber sie zeigt, dass die Händler eben sehr unterschiedlich von der Krise getroffen wurden. Geschäfte, die Langzeit und Luxusgüter wie hochwertige Bettwäsche und Decken verkaufen, haben ein gutes Geschäft gemacht, ebenso der Spielwarenladen und die Glaserei. Schlimm sieht es zum Teil für die Gastronomie und die Modegeschäfte aus. Das hängt aus meiner Sicht zum Teil eng zusammen. Zum Shopping gehört eben auch für viele der Genuss, bei einem Kaffee nochmal darüber nachzudenken, welche Hose es nun sein soll.

Ganz grundsätzlich glaube ich, dass das dicke Ende auch deutlich nach Ende dieses Lockdowns kommen kann, wenn viele denken, dass alles überstanden ist. Viele hangeln sich jetzt von Monat zu Monat, sind mit allen Kosten immer einen Tick in Verzug und werden sich vielleicht in ein paar Monaten eingestehen müssen, dass es nicht gereicht hat. Wir haben schon jetzt ein paar Schließungen an der Osterstraße, zum Teil definitiv coronabedingt. In der Pandemie hat sich gezeigt, dass die besonders gut gefahren sind, die sich schnell anpassen konnten, sei es mit Schaufenstershopping oder einem schnell eingerichteten Radkurier. Klar ist aber: In der Pandemie hat auch der letzte begriffen, dass es bequem ist, im Internet zu bestellen. Um da mithalten zu können, brauchen wir sehr gute Ideen. Eine davon könnte ein Zusammenschluss à la „Osterstraßen-Amazon“ sein. Wir sind da dran, aber es hapert zum Teil schon daran, dass die Warensysteme nicht richtig gepflegt sind.“

Hamburgs Corona-Regeln:

Die aktuellen Corona-Regeln für Hamburg im Überblick

  • Alle Regeln, die im Rahmen der Eindämmungsverordnung bis zum 10. Januar gelten sollten, werden grundsätzlich bis zum 14. Februar verlängert – ein Großteil des Einzelhandels bleibt geschlossen, bestellte Waren dürfen aber abgeholt werden. "Körpernahe Dienstleistungen" wie Friseure, Nagel-, Massage- und Tattoo-Studios dürfen nicht angeboten werden. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen bleiben geschlossen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit bleibt verboten.
  • Kontaktregeln Angehörige eines Haushalts dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausnahmen für Kinder gibt es nicht.
  • Die Maskenpflicht wird angepasst: Stoffmasken reichen in den meisten Fällen nicht mehr aus. Stattdessen müssen medizinische Masken (mindestens OP-Masken, auch FFP2- oder KN95-Masken sind möglich) getragen werden. Bis zum 1. Februar gilt eine Übergangsphase, danach werden Verstöße mit Bußgeldern geahndet.
  • Kitas und Schulen: Die Präsenzpflicht an den Schulen bleibt aufgehoben, stattdessen soll so weit wie möglich Distanzunterricht gegeben werden. Kinder sollen – wann immer möglich – zu Hause betreut werden. Die Kitas wechseln in die "erweiterte Notbetreuung". Die privat organisierte Kinderbetreuung in Kleingruppen bleibt gestattet.
  • Arbeitgeber sind angehalten, so weit wie möglich ein Arbeiten von zu Hause aus zu ermöglichen. Zusätzlich soll eine neue Bundesverordnung Arbeitgeber dazu verpflichten, Homeoffice anzubieten, so weit das möglich ist. Betriebskantinen dürfen nur öffnen, wenn sie für den Arbeitsablauf zwingend erforderlich sind.
  • Sollte die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert über 200 steigen, müsste eine Ausgangsbeschränkung erlassen werden, die den Bewegungsradius auf 15 Kilometer rund um den Wohnort einschränkt. Wie genau diese Regel in Hamburg angewandt würde, ist noch nicht bekannt – der Senat will darüber entscheiden, sollte sich die Inzidenz dem Grenzwert annähern.
  • Senioren- und Pflegeeinrichtungen sollen mehrmals pro Woche Personal und Besucher testen. Das war in Hamburg schon verpflichtend und gilt nun bundesweit.
  • Zwei-Test-Strategie bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten: Ein Corona-Test direkt nach der Einreise ist verpflichtend, die zehntägige Quarantäne kann frühestens fünf Tage nach der Einreise durch einen weiteren Test verkürzt werden. Die Kosten für die Tests werden nicht übernommen.

Bernd Kroll, Interessensgemeinschaft rund um den Mühlenkamp

„Unsere Geschäfte spüren eine große Kundentreue, das ist vielleicht das Schönste in diesen Zeiten. Die Resonanz auf die Plakatkampagne ‚Ich kaufe mit Herz, ich kaufe lokal“, die wir Anfang Dezember gestartet haben, war ebenfalls überwältigend. Im Vergleich zur Innenstadt profitieren unsere Geschäfte klar von der Nähe zu unseren Kunden. Aber am Ende wird die Frage sein, ob das reicht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Dass das Weihnachtsgeschäft nicht voll umfänglich möglich war, war für viele sehr bitter, in dieser Zeit machen nicht wenige rund 50 Prozent des Jahresumsatzes. Und leider sind die Hilfen für November und Dezember bei kaum einem angekommen.

Es gibt noch andere Probleme: Derzeit ist der Plan, dass die Gertigstraße den Sommer über umgebaut werden soll. Dann, wenn die Händler endlich und hoffentlich das Geschäft nachholen können werden. Und da sagen wir ganz klar: Wenn die Baustelle kommt, überlebt es das gesamte Quartier nicht. Derzeit laufen die Gespräche, ob die Umbauarbeiten zumindest nach 2022 verschoben werden können, aber das ist derzeit noch unklar. Für die längerfristige Zukunft wird entscheidend sein, dass der stationäre Handel dieselben Möglichkeiten bekommt wie der Onlinehandel. Konkret: Das Ladenöffnungsgesetz muss weg. Damit soll niemand dazu verdonnert werden, bis 23 Uhr geöffnet zu haben – aber es würde zumindest die Möglichkeit dazu geben.“

Klaus-Peter Sydow, Interessensgemeinschaft Große Bergstraße

„Im Frühjahr dachten wir noch, dass es alles vielleicht in ein paar Monaten durch sein würde. Das war eine Fehleinschätzung, und inzwischen zeigt sich das Ausmaß der Pandemie an der Großen Bergstraße sehr deutlich: Wir verzeichnen tatsächlich einen extremen Leerstand. Insgesamt sechs große Leerstandsflächen gibt es auf der Meile bis zum Altonaer Bahnhof.

Wir von der Interessensgemeinschaft führen natürlich viele Gespräche im Moment. Die Unsicherheit bei vielen Gewerbetreibenden ist groß, das ist schon zu spüren. Aber nicht alles läuft schlecht: Das Portal „Altona bringt‘s“, das wir im ersten Lockdown zusammen mit der Ottenser Hauptstraße und dem Mercado ins Leben gerufen haben, wird derzeit wieder gut angenommen. Außerdem sehen wir eine große Kundentreue. Viele Menschen versuchen, Kontakt zu ‚ihrem‘ Geschäft zu halten auch wenn das gerade schwierig ist.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Der Tenor ist ganz klar: ,Wenn es losgeht, dann kommen wir wieder.‘ Dennoch befürchte ich, dass es hier nach Corona anders aussehen wird. Denn natürlich wird es zunächst einen Nachhol-Effekt geben, aber das wird nicht ewig halten. Davon würde ich jedenfalls nicht ausgehen. Ich sehe hier die Politik in der Pflicht, mit uns gemeinsam an konstruktiven Lösungen zu arbeiten, damit wir diese Krise bewältigen. Alleine werden wir es nicht schaffen.“

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