Hamburg

Abitur im Zeichen der Corona-Pandemie: Widrige Umstände

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Przcmek Gerdosz mit seiner Freundin Valerie Wöbking an der Sophie Barat Schule

Przcmek Gerdosz mit seiner Freundin Valerie Wöbking an der Sophie Barat Schule

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Ob Abschluss 2020 oder 2021 – die Umstände zum Lernen sind aktuell schwierig. Fünf junge Menschen aus Hamburg berichten.

Hamburg.  Die einen haben es schon hinter sich, haben ihr Abitur unter Corona-Bedingungen im Frühjahr gemacht, den anderen steht das noch bevor – möglicherweise unter noch widrigeren Umständen. Die Abiturienten 2020 und 2021 sind besonders von der Pandemie betroffen. Noch nie hat es eine Generation nach dem Krieg gegeben, für die nun vieles anders läuft, die vor einer großen Ungewissheit steht.

Die Pandemie hat die Träume und Hoffnungen vieler Schulabgänger vorerst zunichtegemacht. Wie es einigen ergangen ist, die ihr Abitur in diesem Jahr gemacht haben und wie es denen geht, die im kommenden Jahr ihren Schulabschluss machen wollen, darüber hat das Abendblatt mit fünf jungen Menschen gesprochen. Vor allem die Abiturienten 2021 machen sich große Sorgen. Erleichterungen für sie sind derzeit nicht angedacht. „Aktuell sehen wir dafür noch keinen Anlass, Anpassungen sind aber je nach Länge der (weitgehenden) Aussetzung des Präsenzbetriebs nicht auszuschließen. Wir haben die weitere Entwicklung genau im Blick“, so Behördensprecher Peter Albrecht.


Hanna Brüggemann, 19 Jahre aus Klein Borstel, Abi 2020, Stadtteilschule Alter Teichweg
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Eigentlich wäre sie nun in Kanada und bereits ein halbes Jahr unterwegs auf Reisen, auch um ihre frühere Austauschfamilie in Winnipeg zu besuchen. Das war der Plan vor Corona. Die Pandemie hat dieses Vorhaben zunichtegemacht. Stattdessen jobbt Hanna an ihrer alten Schule in der Lernförderung, hilft so wie an diesem Vormittag Schülern einer 10. Klasse in Englisch. Manchmal macht sie auch kleinere Vertretungen und unterstützt die Lehrer. „Das macht Spaß“, sagt sie. 20 Stunden in der Woche arbeitet sie hier, die übrige Zeit bastelt sie an ihrem Transporter, baut ihn gemeinsam mit ihrem Vater aus, um damit dann irgendwann auf Europareise zu gehen. Hanna ist pragmatisch.

Als im März der erste Lockdown kam, hatte sie ihr Vorabi bereits geschrieben, es fehlten nur noch einige Klausuren. „Viel an Unterricht hatte ich gar nicht verpasst“, sagt sie. Aber natürlich fehlte dennoch ganz viel, viel Soziales. „Wir hatten Abitur und keine richtige Feier. Schade war, dass wir die anderen aus dem Jahrgang nicht mehr gesehen haben.“ Ihre Gemütslage damals? „Ich war einfach nur froh, dass ich Abitur hatte. Es war alles irreal. Wir haben nie gefeiert. Abitur? Habe ich das wirklich? Das frage ich mich manchmal immer noch.“

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Sie war zwar traurig, dass aus ihrer Kanadareise nichts wurde, „aber es gab ja einen guten Grund. Es ging einfach nicht.“ Auch das Wildwasserpaddeln, ein gemeinsames Hobby ihrer Familie, war kaum möglich. Wie es weitergeht? „Ob ich nächstes Jahr studiere, Lehramt vielleicht, weiß ich noch nicht.“ Auf ein Onlinestudium hat sie keine Lust. „Dann schon eher eine Ausbildung. Freunde, die angefangen haben zu studieren, sitzen da jetzt allein zu Hause. Eine studiert eigentlich in den Niederlanden und macht das nun von hier aus.“ Keine Option für Hanna. Sie bleibt entspannt: „Ich stresse mich jetzt nicht, irgendetwas werde ich schon finden.“


Przemek Gendosz (20), Sophie-Barat-Schule, und Valerie Wöbking (18), katholische St. Ansgar Schule, Abi 2021

Den ersten Lockdown im März fanden Przemek und seine Freundin Valerie sehr belastend und nun schon wieder. „Uns werden drei oder vier Monate des Schuljahres weggenommen. Am Anfang war das noch okay, weil man ausschlafen und zur Ruhe kommen konnte. Aber jetzt geht es um unser Abitur“, sagt Przemek. „Und ich brauche Unterricht und muss mit jemandem über die Themen reden. Fernunterricht ist nichts für mich“, sagt Valerie. Der Druck auf beide ist enorm: „Man will ja ein gutes Zeugnis haben, und jede Zensur ist relevant fürs Abitur“, sagt Przemek. Hinzu kommt, dass er bereits zwei Wochen in Quarantäne war und daher auch viel Unterrichtsstoff versäumt hat. „Ich habe zwar zu Hause gelernt, aber meine beiden Geschwister eben auch, und meine Mutter war auch zu Hause, da kam unsere Internetkapazität an ihre Grenzen.“ Das Lernen zu Hause ist nicht immer einfach. Die Lehrer hätten sich zwar wahnsinnig angestrengt, aber es lief eben doch nicht alles rund im Fernunterricht während der Quarantäne.

Schon beim Vorabi hat Valerie gemerkt, wie viel Stoff ihr fehlt. „Ich habe Lücken in Ökologie und Nachhaltigkeit. Alles, was wir im Fernunterricht im Frühjahr dazu bekamen, war ein Zettel. Und das war jetzt Thema in der Klausur.“ Die Rückmeldung der Lehrer bescheinigt den Schülern zwar, dass sie inhaltlich gut dastehen, aber beim methodischen Vorgehen Lücken hätten. „Das konnte der Fernunterricht eben nicht auffangen“, sagt Valerie. Sie und ihr Freund machen sich große Sorgen um ihr Abitur. „Nehmen die Rücksicht auf uns? Wird es Erleichterungen geben? Der Schulsenator meint zwar, wir hätten keine Defizite. Aber das sehen wir anders. Wie können wir die gleichen Voraussetzungen haben wie die Jahrgänge vor uns, wenn ganze Jahrgänge in Quarantäne waren?“ Wenn sie das Abitur dann schaffen, will Valerie erst einmal bei ihrer Oma im niedersächsischen Bückeburg entspannen und den Führerschein machen. Genauere Pläne hat sie noch nicht.

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Przemek denkt an ein duales Studium, Richtung Wirtschaft. „Ich habe mich damit abgefunden, dass mein Abi nicht so doll wird.“ Party, Freunde treffen, alles, was junge Leute machen, fällt auch weg.

Und dann sagt Valerie etwas, das über das bloße Lernen, über das Abitur hinausgeht und das die Schulabgänger 2021 besonders traurig macht: „Unsere Reisen nach Madrid oder Rom wurden abgesagt. Wir können keine Erinnerungen schaffen. Unsere Erinnerung wird sein, wie wir allein zu Hause vor unseren Laptops sitzen, um so die Welt zu retten“, sagt Valerie.


Tobias Schwen (19), Abiturient 2020 aus Lemsahl-Mellingstedt

Irgendwie lief alles rund bei Tobias Schwen. Als es in den ersten Lockdown im März ging, war er mit den meisten Klausuren am Heinrich-Heine-Gymnasium in Poppenbüttel ohnehin durch. In der ersten Januarwoche hatte er zuvor noch ein Praktikum gemacht, das schließlich in einen Ausbildungsvertrag mündete. Jetzt ist er Auszubildender für Fachelektronik für Energie- und Gebäudetechnik. Gelassen hat er das alles hingenommen: „Der Lockdown hatte mich nicht großartig gestört. Die unterrichtsfreie Zeit hat mir bei der Abiturvorbereitung geholfen.“

Der Austausch mit Mitschülern allerdings habe schon gefehlt. Derzeit arbeitet er trotz des Lockdowns weiter im Betrieb Landhof Walter in Tangstedt. Wie es an der Berufsschule in Bad Oldesloe weitergeht, weiß er nicht. „Ich denke, die stellen auch um auf Fernunterricht.“ Sein Zwillingsbruder allerdings hat noch keinen genauen Plan. Auch er hat dieses Jahr Abitur gemacht und ist noch in der Orientierungsphase. „Andere aus meinem Jahrgang machen ein Freiwilliges Soziales Jahr oder studieren.“ Auch Tobias vermisst die Abi-Feier, die Mottowochen, eben alles, was zum Abitur genauso gehört wie die Zensuren. Ob der Jahrgang das alles nachholt? „Das wäre schön. Wir hatten ja nur eine kleine Feier ohne den ganzen Jahrgang. Und so ist es auch noch kein richtiger Abschluss.“


Fynn Held (19), Abi 2021, Stadtteilschule Blankenese

Fynn ist eine Ausnahme. Anders als die meisten in seinem Jahrgang hat er bereits einen genauen Plan für die Zeit nach dem Abitur 2021 und einen Ausbildungsplatz zum Schifffahrtskaufmann bei Hamburg Süd. „Die meisten wissen noch nicht, wie es weitergeht.“ Mit dem jetzigen Lockdown geht er gelassen um. Aber eine optimale Vorbereitung aufs Abitur sei kaum möglich, „wir haben im Frühjahr zu viel Unterrichtsstoff verpasst." Deshalb fordert Fynn auch eine Änderung des Abiturs 2021. „Denkbar ist doch, auf Wunsch eine schriftliche Prüfung durch eine mündliche zu ersetzen.“

Es geht ihm nicht darum, das Abi leichter zu machen, sondern darum, es den Umständen anzupassen. Das Vorabi lief gut, „wir hatten ja nur Themen aus dem vergangenen Semester, da gab es keinen Unterrichtsausfall.“ Er zweifelt daran, dass die Schule ein sicherer Ort ist. „Wir saßen bis zum Lockdown mit 30 anderen Schülern in einem Kurs, das waren zu viele Menschen.“ Ihn ärgert, dass Entscheidungen getroffen wurden, ohne mit den Schülern zu sprechen. „Wir wurden nie miteinbezogen. Wieso wurden die Klassen nicht längst halbiert?“

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