Corona-Pandemie

Um ihr Café zu retten, jobben diese Eppendorfer bei Budni

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Vanessa Seifert
Die Geschwister Kathrin und Chris Balz vor ihrem Café am Lehmweg. Im Mai 2016 hatten sie eröffnet.

Die Geschwister Kathrin und Chris Balz vor ihrem Café am Lehmweg. Im Mai 2016 hatten sie eröffnet.

Foto: Malte Dibbern

Die Geschwister Kathrin und Chris gehen einen ungewöhnlichen Weg, um ihr Café nicht der Corona-Pandemie zum Opfer fallen zu lassen.

Hamburg. „Kennen wir uns nicht?“ oder „Haben wir uns nicht schon mal woanders gesehen?“ Das sei sie häufig gefragt worden, während sie Deodorants, Toilettenpapier und Rasierklingen einscannte, erzählt Kathrin Balz. „Schon möglich“, habe sie dann lächelnd geantwortet und manchmal erzählt, dass sie normalerweise tatsächlich nicht an der Kasse sitze, sondern hinterm Tresen stehe. In ihrem eigenen Café, dem Balz und Balz am Lehmweg, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder Chris vor viereinhalb Jahren eröffnet hat.

„Normalerweise“, das war die Zeit vor Corona. Vor dem ersten Lockdown im Frühjahr. „Plötzlich ist die Tür zu, und es kommt nichts mehr rein“, erinnert sich Kathrin Balz. Keine Gäste, kein Geld. Doch zu Hause rumzusitzen und auf staatliche Hilfe zu warten, das sei nicht ihr Ding. „Wir haben uns schnell Aushilfsjobs gesucht, damit wir über die Runden kommen und unser Laden überlebt.“

Während Kathrin in der Budnikowsky-Filiale am Eppendorfer Baum arbeitet, in der eben auch viele ihrer Stammgäste aus dem Café einkaufen, füllt ihr Bruder Chris in einem Budni-Markt in Horn die Regale auf. Knapp sechs Wochen lang helfen die Geschwister in den Drogerien aus und unterstützen in ihrer Freizeit noch die soziale Initiative „Deintopf“, die Essen an Bedürftige ausgibt. „Wir wollten was Sinnvolles tun. Klar, bei Budni haben wir Geld verdient, aber die brauchten auch dringend Personal zu dieser Zeit.“

„In Hamburg sind die Gäste einfach treu"

An diesem Sonnabend schließt das Balz und Balz wieder, in den vergangenen Tagen haben die Geschwister noch Kaffee und Speisen zum Mitnehmen verkauft. Dass sie demnächst wieder bei Budni kassiert, schließt Kathrin Balz nicht ganz aus. „Das wird ein langer Winter, und man weiß doch noch gar nicht, ob es am 10. Januar wirklich wieder losgehen kann.“ Für die 40-Jährige und ihren fünf Jahre jüngeren Bruder ist entscheidend, dass der Traum vom eigenen Café nicht platzt. Zu lange, zu hart haben sie dafür gearbeitet. Allein die Suche nach einer passenden Fläche sei damals schwierig gewesen.

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„Als Existenzgründer, die ein Café aufmachen wollen, gehört man vermutlich nicht zu den allerliebsten Mietern.“ Die Geschwister, deren Eltern eine Fleischerei mit Gasthaus und Pension in Nordhessen führen und die dadurch von Anfang an gelernt haben, wie Gastlichkeit und Betriebswirtschaft funktionieren, finden schließlich das kleine Ladenlokal ganz in der Nähe der Hoheluftchaussee. 70 Quadratmeter, eng und gemütlich bestuhlt mit knapp 30 Plätzen. „Wir hatten anfangs schon ein bisschen Bammel, ob es anläuft“, sagen Kathrin, die gelernte Hotelfachfrau, und Chris, der Restaurantfachmann, der vorher einige Zeit in Berlin gearbeitet hat.

Doch die Sorge ist unbegründet, wie sich schnell herausstellt. Die Mitarbeiter aus den umliegenden Büros am Falkenried, aus den Arztpraxen und Agenturen in der Straße stehen ganz bald Schlange für den guten Kaffee, die hausgemachten Zimtschnecken, die frisch belegten Stullen und den Apfelstreuselkuchen, der schmeckt wie bei Großmutter. „Balzi“, wie Kathrin ihren Bruder liebevoll nennt (und er sie auch ...), habe darin gleich einen Unterschied zur Hauptstadt ausgemacht. „In Hamburg sind die Gäste einfach treu. Wenn sie einmal gut finden, was du machst, dann kommen sie auch immer wieder.“ Sofern sie können, sofern sie dürfen. Ohne Corona.

„Wer uns helfen will, der kann Gutscheine kaufen"

Doch nicht nur die Zahl der Gäste wächst, sondern auch die der Mitarbeiter: Bald arbeiten fünf feste und „zwei Hände voll Aushilfen“ für die Balz-Geschwister. „Wir sind so froh, dass wir in dieser Krise niemanden entlassen mussten, das hätte uns das Herz gebrochen“, sagen die leidenschaftlichen Gastgeber und Unternehmer. Natürlich habe sich das Team deutlich verkleinert, aber durch natürliche Fluktuation. „Manche sind in ihre alten Berufe zurückgekehrt, manche sind ins Ausland gegangen. Es hat sich ganz gut gefügt.“

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Überhaupt wollen sie nicht jammern, sagen die Geschwister. „Unser Vermieter hat uns zum Beispiel im Frühjahr eine Monatsmiete erlassen, das ist auch keine Selbstverständlichkeit.“ Und es gebe andere Hamburger, die schlechter dran seien. „Wir sind beide Singles, müssen keine Familie versorgen, keine Kinder zu Hause unterrichten – das sind alles Sorgen, von denen viele unserer Gäste berichten“, sagt Kathrin Balz.

Für den harten Lockdown haben die Geschwister großes Verständnis, auch wenn es sie finanziell wieder hart trifft. „Aber die Zahlen sind nun mal, wie sie sind. Und warum sollte die Gastronomie geöffnet bleiben, während Theater schließen?“ Ganz oder gar nicht, das sei doch nachvollziehbar. Sie habe „Respekt“ vor den Politikern, die so große Entscheidungen treffen müssten. „Ich sehe manchmal, wie wir ringen. Und da geht es um ein kleines Café.“ Nicht um irgendeins allerdings, sondern um ihr „Baby“. „Wer uns helfen will, der kann Gutscheine kaufen. Und einfach bitte schnell kommen, wenn die Tür wieder offen steht.“

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