Prozess

Bernd Hoffmanns Erpresser: „Nein, nein, ich bin HSV-Fan …“

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Daniel Herder
Nur der HSV! Der Angeklagte Farouk S. auf dem Weg zum Prozess am Amtsgericht Altona.

Nur der HSV! Der Angeklagte Farouk S. auf dem Weg zum Prozess am Amtsgericht Altona.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Ein 27-Jähriger soll den damaligen Clubchef mit gestohlenem Laptop erpresst haben. Am Donnerstag stand er in Hamburg vor Gericht.

Hamburg. Die ganze irre Geschichte um einen Dieb, einen Erpresser und den damaligen HSV-Boss Bernd Hoffmann nimmt am 14. Januar dieses Jahres ihren Lauf. Hoffmann fährt an diesem Tag von Frankfurt nach Hamburg. Kurz vor der Ankunft im Hauptbahnhof stellt er fest, dass sein Laptop gestohlen worden ist. Hoffmann weiß auch: Bereits 2015 hat ein Funktionär, HSV-Sportdirektor Peter Knäbel, einen Rucksack mit vertraulichen, teils brisanten Dokumenten im Jenischpark vergessen. Eine Finderin musste ihm damals den Rucksack zurückbringen. Ein abermaliger Verlust vertraulicher Unterlagen könnte für den Verein also ziemlich peinlich werden.

Um die Pikanterie des Ganzen weiß auch der Mann, der wenige Tage nach dem Diebstahl am Telefon von Hoffmann eine Stange Geld für die Rückgabe des Notebooks verlangt und am Donnerstag wegen Hehlerei und versuchter Erpressung vor dem Amtsgericht Altona steht. Um ein Haar wäre der Prozess geplatzt, weil Farouk S.‘ Verteidiger am Vorabend mitgeteilt hatte, nicht zu kommen. Dem Gericht gelingt es aber, noch am Donnerstagmorgen einen „Ersatzverteidiger“ zu beschaffen. Weil unter diesen Bedingungen eine streitige Hauptverhandlung jedoch nicht möglich ist, werden alle Zeugen abgeladen, darunter auch Hoffmann und ein Redakteur der „Bild“-Zeitung.

Erpresser von HSV-Boss Hoffmann geständig

Farouk S. lebt in Neumünster, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er hat mal im Handy-Laden Laden seines Bruder gejobbt und sich als selbstständiger (ungelernter) Fliesenleger und Programmierer versucht; zurzeit ist er arbeitslos und bezieht Hartz IV. Hier wichtiger: In seinem Vorstrafenregister stehen eine ganze Reihe von Geldstrafen, unter anderem haben ihn diverse Gerichte wegen Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung verurteilt. Die Erpressung räumt der 27-Jährige am Donnerstag „vollumfänglich“ ein.

Den Laptop habe ihm im Bahnhof Neumünster ein mit Schal und Mütze weitgehend unkenntlicher Fremder angeboten. 300 Euro habe er für das Macbook Air bezahlt – wohl wissend, dass die Geräte ein Vielfaches davon wert sind. Nachdem er sich vollen Systemzugriff verschafft habe, sei ihm klar geworden, wessen Gerät er da vor sich hatte. Farouk S. witterte eine Chance, schnell an Bares zu kommen, und rief am 21. Januar bei Hoffmann durch. Der HSV-Boss nahm einen Teil des Gesprächs auf. Den Mitschnitt spielt das Gericht am Donnerstag ab.

Hoffmann hat an diesem Tag Geburtstag. Als er den Anrufer nebenbei darauf hinweist, gratuliert Farouk S. herzlich. Um nette Grüße geht es dem 27-Jährigen aber nicht, auch nicht um einen Finderlohn, den Hoffmann zunächst ins Spiel bringt. Spätestens, als er eine „Entschädigung“ für die Rückgabe verlangt und droht, den Laptop an die Presse zu verkaufen, weiß Hoffmann, was der Mann im Schilde führt. Als Farouk S. ihn fragt, was für ihn herausspringe, geht der HSV-Boss zum Schein darauf ein – wobei der Dialog zunehmend den Charakter einer unverbindlichen Plauderei bekommt. „Sind sie Pauli-Fan? Dann wird’s wahrscheinlich teurer“, sagt Hoffmann.

In diesem Punkt kann ihn Farouk S. ihn beruhigen: „Nein, nein, ich bin HSV-Fan, hunderttausendprozentig.“ Hoffmann scheinbar erleichtert: „Ich hätte beinahe gesagt, sie kriegen zwei Karten für das Aufstiegsspiel.“ Nun, es kam bekanntlich anders. In einem weiteren Telefonat soll Hoffmann dem Erpresser dann 4000 Euro angeboten haben. Der Angeklagte: „Da habe ich gesagt: Mach mal 5000.“

Vor dem Gespräch mit Hoffmann versuchte Farouk S., den Laptop noch an die „Bild“ zu verhökern, blitzte damit aber beim Redakteur ab. Bei der Übergabe am Volksparkstadion, kurz nach dem Telefont, nahm die längst alarmierte Polizei den 27-Jährigen fest. „Es tut mir unendlich leid“, sagt Farouk S. am Donnerstag. Er habe sich die Erpressung als „Dienstleistung“ schöngeredet und deshalb wohl auch das Risiko einer Festnahme nicht gesehen. Und, ja, er sei davon ausgegangen, dass der HSV nach dem „Rucksack-Gate“ vor fünf Jahren nicht auch noch mit einem „Laptop-Gate“ in der Öffentlichkeit stehen wolle. „Das hätte wohl negative Konsequenzen gehabt“, vermutet der Angeklagte.

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Den Laptop-Dieb hatte die Polizei schon einige Tage vor der Rückgabe gefasst, in einer Flüchtlingsunterkunft in Bostedt. Bei seiner Identifizierung hatten Fotos aus einer Überwachungskamera im Hauptbahnhof geholfen. Unter anderem entdeckten die Ermittler bei der Durchsuchung seiner Bleibe Hoffmanns Tankkarte. Gegen den Dieb hat die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage wegen mehrerer Eigentumsdelikte erhoben.

Ob sein volles Geständnis Farouk S. vor einer Gefängnisstrafe bewahrt, steht noch nicht fest. Die Staatsanwältin sieht jedenfalls keinen Spielraum für eine Bewährung. Sie beantragt eine Haftstrafe von 13 Monate gegen den 27-Jährigen, vor allem wegen der Vielzahl an Vorstrafen. Ein Urteil will das Amtsgericht am kommenden Dienstag verkünden.

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