Schule in Billbrook

Grundschullehrerin: Deutsch? Spricht hier kein Kind

| Lesedauer: 11 Minuten
Daniela Werle unterrichtet an der Grundschule Am Schleemer Park in Billbrook.

Daniela Werle unterrichtet an der Grundschule Am Schleemer Park in Billbrook.

Foto: Marcelo Hernandez

Daniela Werle hat sich bewusst für eine Grundschule in Billbrook entschieden. Hier hat jeder Schüler einen Migrationshintergrund.

Hamburg. Rayan sagt, er könne sich noch ein bisschen an den Irak erinnern. Wie es da war? „Nicht so gut“. „Warum nicht?“ Weil da Soldaten waren, die Menschen erschossen haben.“ Er sagt es in einem Tonfall, als würde er von der Größe der Häuser oder der Breite der Straßen erzählen. Rayan ist sechs Jahre alt und eines von 19 Kindern der Klasse 1d der Grundschule Am Schleemer Park in Billbrook.

Ein Ort, an dem kaum einer, der nicht hier wohnt, wohl jemals gewesen ist. Die Grundschule Am Schleemer Park hat zwei Standorte. Einer ist der Billbrookdeich, er liegt hinter langen Ausfallstraßen und einem Gewerbegebiet und dann noch einmal hinter den Bahngleisen, drum herum zwei Wohnunterkünfte mit Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Ort, der sehr weit weg ist von dem, was Hamburg ausmacht. Und so wundert es nicht, dass viele der Kinder hier nicht ganz sicher sind, ob ihr Stadtteil auch wirklich zu dieser Stadt gehört.

Viele Kinder sind traumatisiert durch Flucht- und Gewalterfahrungen

Woher soll man das auch wissen, wenn um einen herum kaum einer fließend Deutsch spricht. Und wenn man Michel und Elbe nur aus dem Unterricht kennt? Die Zahlen sprechen für sich: Die Stadt hat die Schule Am Schleemer Park mit dem niedrigsten Sozialindex bewertet: Kess1. Dieser Index setzt sich aus vielen Parametern zusammen: Schulabschluss der Eltern, Wohnbedingungen, Sprachniveau, wie viele Bücher im Bücherregal stehen und vieles mehr.

Aber auch ohne die Indexierung wäre klar, dass das hier eine besondere Schule ist. Denn: 100 Prozent der 120 Schüler des Standortes haben einen Mi­grationshintergrund, fließend Deutsch spricht kaum einer. Nicht wenige sind traumatisiert durch Flucht- und Gewalterfahrungen. Und die allermeisten von ihnen leben auf engem Raum in den Wohnunterkünften. Und auch ringsum ist auf den ersten Blick wenig Platz für Zerstreuung. Außer vielleicht das Billstedt-Center. Das ist zu Fuß etwa 20 Minuten entfernt. Viele würden sagen: ein vergleichsweise trostloser Ort.

Andere sagen: Ja, das ist kein einfacher Ort hier. Aber er hat eine Insel, und das ist die Grundschule am Schleemer Park. Und auf dieser Insel funktioniert ziemlich viel ziemlich gut. Die Grundschullehrerin Daniela Werle etwa hat sich jedenfalls ganz bewusst für die Stelle an diesem Standort entschieden. „Ich wollte an einen Brennpunkt“, sagt sie. „Da bekommt man mehr zurück als an anderen Schule, und man hat das Gefühl, dass man wirklich etwas sehr Wichtiges macht.“ Daniela Werle ist 37 Jahre alt und lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Eine wichtige Voraussetzung für ihre Arbeit hier. Denn: Von den 19 Kindern in ihrer Klasse haben fünf einen attestierten Förderbedarf. Nach Abschluss aller Tests werden es wohl zehn sein, glaubt Werle.

Spezielle Konzepte

Für den Alltag heißt das konkret: Eine Lehrkraft allein schafft das nicht. Und so ist auch die 37 Jahre alte Lehrerin nie allein in der Klasse. Auch heute. Und so sitzen schon im Morgenkreis neben Schülern und Klassenlehrerin auch eine Schulbegleiterin, ein Kulturvermittler und eine Sonderpädagogin.

Ohne sie – das wird schnell klar – würde der Unterricht schnell zur Nebensache werden. Ein paar Kinder können kaum länger als ein paar Minuten folgen, ein Kind braucht immer eine Hand auf der Schulter, ein weiteres liegt zwischendurch auf dem Boden, weil es nicht still sitzen kann. Dazu kommt: Deutsch als Muttersprache spricht hier niemand. Und so hapert es manchmal an einfachen Wörtern, wie etwa „Mantel“, ein zentraler Begriff dieser Stunde, in der die Kinder die Bedeutung des Martinstages lernen werden.

Längst haben sie an der Schule spezielle Konzepte entwickelt, die das Lernen einfacher und gleichzeitig effektiver machen sollen. So auch das sogenannte fächerübergreifende Lernen. Dabei werden die Unterrichtsinhalte der Fächer Sachunterricht, Kunst, Religion und Theater zusammengelegt. „Die Grundidee ist, dass die Inhalte und Vokabeln besser haften bleiben, wenn man sie im Gesamtkontext betrachtet. Wenn also im Religionsunterricht ein ähnlicher Stoff behandelt wird wie im Sachunterricht.“ Und so ist die Unterrichtsstunde über den heiligen St. Martin heute eine Mischung aus Religionsunterricht, Vokabel-Lernen und Kunst – denn in der nächsten Stunde soll dann die Laterne für den Martinsumzug gebastelt werden – auch wenn dieser wegen Corona in diesem Jahr nicht stattfinden kann.

Daniela Werle hat eine Reihe von Ritualen eingeführt

Damit der Unterricht halbwegs ruhig abläuft, hat Klassenlehrerin Daniela Werle eine Reihe von Ritualen eingeführt. Eine Klangschale, mit der sie zur Ruhe läutet statt zu brüllen oder das Morgenritual, bei dem die Kinder sagen sollen, wie es ihnen geht. Dabei legen sie jeweils ein kleines Steinchen auf eine der vier ausgelegten Platten mit unterschiedlichen Gesichtern drauf – eins strahlt, eins lächelt, eins ist neutral und eins traurig. Heute ist ein gutes Drittel demnach ganz gut drauf.

Aber der zweithöchste Stapel hat sich auf dem traurigen Gesicht gebildet. „Was ist denn heute los?“, fragt Werle. Schnell stellt sich raus: Vor der Stunde hatte es einen Streit unter einigen Schülern gegeben, bei dem es auch zu Handgreiflichkeiten gekommen ist. „Wer schlägt, geht“, sagt Werle zu einem der Schüler, der auch am Vortag schon für Ärger gesorgt hatte. Die Lehrerin kündigt an, ihn eventuell nach Hause zu schicken. Nach der Stunde will sie das mit ihren Kollegen entscheiden. Auch solche Fragen gehören hier für die Pädagogen zum Alltag. „Es ist manchmal schon fordernd“, sagt Frau Werle.

Die Probleme, mit denen die Lehrkräfte hier befasst sind, sind anders oder zumindest geballter als an den meisten anderen Schulen. Die Eckdaten der Wohnunterkunft Billstieg gleich nebenan, in der viele Kinder leben, sprechen für sich: Rund 560 wohnungslose Menschen leben hier derzeit, von ihnen sind 185 im Schulalter zwischen sechs und 16 Jahren, berichtet „Fördern und Wohnen“-Sprecherin Susanne Schwendtke.

Starke psychische Belastung

Die Hauptherkunftsländer der Bewohnerinnen und Bewohner sind Afghanistan, Syrien, Serbien, Rumänien und Mazedonien. Manche von ihnen seien erst kürzlich als Geflüchtete angekommen, müssten Sprachbarrieren überwinden, Arbeit finden und sich ein soziales Netzwerk aufbauen, könnten ihren Kindern eventuell nicht so gut bei den Schulaufgaben helfen und hätten weniger Aufmerksamkeit für Fördermöglichkeiten.

Manche Familien hätten zudem Probleme, die oft mit der Wohnungslosigkeit verknüpft sind: schlechte Berufschancen der Eltern, Überschuldung, keine Aussicht auf Verbesserung der Situation. „Dies kann eine starke psychische Belastung darstellen“, heißt es von „Fördern und wohnen“ weiter. Das Team der Unterkunft setze sich sehr engagiert dafür ein, dass Kinder Teilhabe erleben, indem sie in Sportvereine gehen, an Stadtteil-Aktivitäten teilnehmen, durch freiwilliges Engagement gefördert werden.

Auch die Schule setzt auf Förderung und Kooperationen und vor allen Dingen auf Kommunikation. Als Schulleiter Stephan Giese vor rund sechs Jahren hier angefangen hat, hat er zusammen mit seinen Kollegen ein Förderkonzept entwickelt, das fächerverbindende Lernen eingeführt und pro Klasse ein Team aus drei Unterstützern zusammengestellt. Dazu gehören auch die sogenannten Kulturvermittler. Giese erklärt: „In vielen Ländern ist die Schule allein für die Bildung verantwortlich. Viele Eltern müssen erst lernen, dass sie hier mitgestalten können und sollen.“ Was genau ein Elternrat sein soll, wüssten zum Beispiel viele nicht, die neu hier sind.

Schule nach außen öffnen

Auch Stephan Giese ist auf eigenen Wunsch hier an der Schule. „Man kann hier mehr bewirken als anderswo“, sagt der ausgebildete Sonderpädagoge. Eins seiner wichtigsten Anliegen: „Die Schule nach außen zu öffnen.“ Und so hat er gemeinsam mit vielen Akteuren aus dem Viertel ein Netzwerk gegründet: vom Elterncafé bis zum Schwimmkursus für Frauen.

Man dürfe sich aber keinen Illusionen hingeben, sagte er. „Die Leute hier sind abgeschnitten, und das bezweifelt auch niemand. Es ist ein Standort, der Zugewanderte und andere Menschen, die schwierige Bedingungen haben, hier bündelt. Wie soll Integration da funktionieren?“

In der 1d von Daniela Werle basteln die Kinder, die gerade gelernt haben, woher der Martinsumzug seinen Namen hat, inzwischen an ihrer eigenen Laterne. Ein Junge ist rausgegangen, weil er sich nicht konzentrieren kann. Und Werle hat ihre Hand wieder auf den Rücken eines anderen Kindes gelegt – zur Beruhigung. Sie macht es ganz nebenbei, ganz selbstverständlich. „Wir sind inzwischen gut eingespielt“, sagt sie. „Aber wenn ich nicht da bin, dann ist es schon schwieriger. Für die Kinder ist es wichtig, dass sie hier Stabilität bekommen.“

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Ob es ihr für die Schüler manchmal leidtue, dass sie an einem Ort aufwachsen, von dem nicht sehr viele Wege hinaus oder gar nach oben führen. „Nein“, sagt sie. „Das denke ich eigentlich nicht.“ Denn eine Brennpunktschule biete auch viele Chancen, die es anderswo nicht gibt. „Wir haben das Glück, dass von außen so viele Leute kommen, die uns unterstützen. Wir haben zum Beispiel eine Kooperation mit der Laeiszhalle und sind dort schon mit den Kindern aufgetreten. Es kommen Sprayer und Hip-Hopper, die mit den Kindern arbeiten und viele mehr.“

Zudem lernten die Kinder hier früh, dass es Regeln gibt, dass es wichtig ist, sie zu beachten und wirklich zuzuhören. Und tatsächlich kann Werle inzwischen nur mit Blicken für Ruhe sorgen. „Die Schüler hören auf mich, und ich glaube, sie wissen auch, dass sie das müssen. Denn sonst geht es einfach nicht.“ Hier, auf dieser Insel, würden sie viel lernen, sagt Werle. So viel, dass sie glaubt, dass die Kinder gewappnet sind für das, was nach der Grundschule kommt. Und das sei ein gutes Gefühl. Dennoch: „Die Belastung ist da, und sie ist zwischendurch auch groß.“

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