Kinder in Hamburg

Betreute Spielplätze – droht nach 70 Jahren das Aus?

| Lesedauer: 7 Minuten
Friederike Ulrich
Betreute Spielplätze in Hamburg: Claudia Clausen betreut seit 20 Jahren Kinder auf dem Spielplatz Graumannsweg, sie ist eine sogenannte "Parktante".

Betreute Spielplätze in Hamburg: Claudia Clausen betreut seit 20 Jahren Kinder auf dem Spielplatz Graumannsweg, sie ist eine sogenannte "Parktante".

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Die Sozialbehörde will die Förderung für den Verein Aktion Kinderparadies streichen. Was die Mütter und die "Parktanten" sagen.

Hamburg. Schaukel, Wippe und Kletterhäuser, verstreutes Sandspielzeug, ein Dreirad – der Spielplatz am Graumannsweg auf der Hamburger Uhlenhorst könnte ein ganz normaler Kinderspielplatz sein. Wäre da nicht die Hütte, hinter deren mit Ernie-und-Bert-Motiven übersäten Fensterscheiben warmes Licht schimmert. Bunte Wimpel hängen über der Tür, drinnen stehen zwei kleine Tische. Die holzgetäfelte Wand des Nebenraums wird von farbigen Plastikschirmchen geschmückt. Darunter stehen zwei rote Bänke, ein Mini-Schlafsofa und ein Regal mit Büchern und Autos. Es gibt eine Heizung zum Aufwärmen und kleine Toiletten.

Spielhäuser wie das auf der Uhlenhorst sind ein Markenzeichen des Vereins Aktion Kinderparadies, der in Hamburg auf derzeit 17 Spielplätzen vormittags eine Kinderbetreuung anbietet. Die in Deutschland einzigartige Initiative wurde 1952 nach skandinavischem Vorbild in Hamburg gegründet und hat schon mehrere Auszeichnungen erhalten: Sogenannte „Parktanten“ (so hießen sie damals) passen ehrenamtlich auf Kinder zwischen ein und sechs Jahren auf.

Sie spielen überwiegend draußen – die Spielhäuser sind nur Rückzugsorte bei schlechtem Wetter. Die Betreuerin (so nennen sie sich heute) auf dem Spielplatz am Graumannsweg heißt Claudia Clausen. Sie wohnt in der Nachbarschaft, schon ihre Kinder wurden hier betreut. Als ihre Vorgängerinnen vor 20 Jahren aufhörten, ist sie eingesprungen. Und geblieben.

Betreute Spielplätze in Hamburg: Pro Kind und Stunde gibt es 1,50 Euro

„Ich kann mir nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu machen“, sagt die 50-Jährige, die Fröhlichkeit und Warmherzigkeit ausstrahlt. Wie alle Betreuerinnen macht sie den Job aus Leidenschaft und nicht wegen des Verdiensts. Sie arbeiten ehrenamtlich, die Eltern zahlen lediglich eine Aufwandsentschädigung von 1,50 Euro pro Kind und angefangener Stunde. Die meisten Kinder kommen jeden Tag – für ihre Eltern ist die Spielplatzbetreuung eine willkommene Alternative zur Kita: Die Kleinen spielen fast immer draußen, müssen nicht zu festen Zeiten gebracht werden und haben Spielkameraden in verschiedenen Altersstufen.

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Gefördert wird das Projekt von den Bezirken, die die Spielplätze pflegen und instandhalten, und der Hamburger Sozialbehörde, die den Verein mit rund 52.000 Euro pro Jahr unterstützt. Zumindest noch bis zum März. Dann will die Behörde die finanzielle Förderung streichen. Das hat der Verein Mitte November erfahren. In einem Schreiben begründet das zuständige Fachamt den Schritt damit, dass die Nachfrage in den letzten Jahren stark zurückgegangen sei. Wegen gesunkener Betreuungszahlen und der reduzierten Zahl der betreuen Spielplätze sehe die Sozialbehörde „keinen regionalen Bedarf“ mehr für das Angebot.

Verein schließt Lücken im Kita-System

Im Verein versteht man die Entscheidung der Behörde nicht. „Wir erfüllen die geforderten Zahlen der Behörde“, sagt die Vorstandsvorsitzende Linde Kohl-Jürgens. So sei laut dem Landesförderplan für Kinder- und Jugendarbeit ein Bedarf bereits vorhanden, wenn auf bis zu zehn Spielplätzen im Schnitt fünf Kinder pro Tag betreut würde. „Das leisten wir. Wenn uns die Sozialbehörde nicht fördern will, liegt das an dem politischen Willen, dass Kinder in eine Kita gehen sollen.“

Die betreuten Spielplätze würden als Konkurrenz wahrgenommen, so die Juristin, die Betreuerin auf dem Spielplatz am Grasweg in Winterhude ist. Wenn die Förderung der Sozialbehörde wegfalle, sei das eine Bedrohung für den Verein, der das für Schulungen und Material benötigte Geld nicht selber aufbringen könne.

Das wäre für viele Kinder fatal. „Das Kita-System ist toll. Aber es hat Lücken, die wir schließen“, sagt Linde Kohl-Jürgens. Dazu gehörten Kinder, die keinen der knappen Fünf-Stunden-Plätze bekämen oder gerade erst mit ihren Familien nach Hamburg gezogen seien, wie Kinder mit Wahrnehmungsdefiziten, Hochallergiker und Hochbegabte. „Auch Kinder, deren Eingewöhnung in die Kita gescheitert ist und sensible Kinder, die in geschlossenen Räumen überfordert sind, fühlen sich bei unserem freiluftpädagogischen Betreuungsangebot gut aufgehoben“, ergänzt Julia von Bargen, die pädagogische Leiterin des Vereins. „Der Spielplatz bietet ihnen den entsprechenden Raum.“

Als Ergänzung des Kita-Systems mache der Verein das Angebot der Kinderbetreuung in Hamburg noch zuverlässiger und vielgestaltiger. Außerdem sei insbesondere zu Corona-Zeiten die Begegnung auf Spielplätzen eine wichtige Alternative und das Ansteckungsrisiko hier minimal.

„Lächerliche Summe für eine Stadt wie Hamburg“

Um Claudia Clausen herum wuseln – dick eingepackt und vergnügt – Elva, Carla, Emilia, Carlo und Leo. Die Kleinen sind alle ein und zwei Jahre alt – und nach Meinung der Eltern noch zu klein für eine Kindertagesstätte. „Elva soll erst mit drei Jahren dorthin“, sagt etwa Beatrice P., die dann auch wieder anfangen wird zu arbeiten. Momentan sei ihre Tochter auf dem betreuten Spielplatz bestens aufgehoben. „Sie hat den ganzen Tag Bewegung, was sie definitiv bracht, hat eine nette Betreuung und wir müssen uns nicht an feste Zeiten halten“, fasst sie die Vorteile zusammen. Anni Weber, Leos Mutter, findet: „Die Aktion Kinderparadies hat ein viel schöneres Konzept als die Kitas. Hier sind die Kinder den ganzen Tag draußen und spielen in altersübergreifenden Gruppen.“

Auch ihr zweites Kind, das im Sommer zur Welt kommen wird, möchte sie zu Claudia Clausen bringen. Sie hofft, dass die Sozialbehörde noch ein Einsehen hat. „52.000 Euro sind doch eine lächerliche Summe für eine Stadt wie Hamburg.“ Und es gibt noch einen Grund, warum sich die Casting- und Regieassistentin ein Fortbestehen der betreuten Spielplätze wünscht. Sie möchte, wenn ihr zweites Kind alt genug ist, selber „Parktante“ werden.

Was weder die Mütter noch jemand bei der Aktion Kinderparadies versteht: Jedes auf den Spielplätzen betreute Kind hat Anspruch auf eine kostenlose fünfstündige Kita-Betreuung am Tag. Wenn allein Alva, Carla, Emilia, Carlo und Leo in die Kita gehen würden statt auf den Spielplatz, würde das die Stadt im Jahr ungefähr so viel kosten, wie sie durch das Streichen der Förderung einspart. „Rechnen wir die Kosten für alle von uns betreuten Kinder zusammen, kommt dabei locker eine Million Euro raus“, sagt Claudia Clausen. Bis zum 14. Dezember kann der Verein eine schriftliche Stellungnahme beim Fachamt einreichen. Sicher wird da auch auf diesen Sachverhalt hingewiesen.

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