Hamburg

Auf dem Lotsenschoner „No. 5 Elbe“ wird Klarschiff gemacht

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Jens Meyer-Odewald
Thomas Koch, Olaf Riegel und Joachim Schulze haben an Bord des Lotsenschoners noch sehr viel zu tun.

Thomas Koch, Olaf Riegel und Joachim Schulze haben an Bord des Lotsenschoners noch sehr viel zu tun.

Foto: Michael Rauhe

Traditionsreicher Zweimaster wird mit viel Liebe wieder hergerichtet. 2019 war er nach einer Kollision gesunken.

Hamburg. Auf den ersten Blick mutet es unter Deck an, als hätte der Klabautermann sein Unwesen getrieben. Kabelstränge sind zu sehen, Steckdosengewirr, Schaltkästen, Holzplanken. Steuerbords neben dem Gerippe der Koje des Maschinisten hängen Ostfriesennerze an Haken. Wo sich einst die Kapitänskajüte befand, herrscht Leere. Konstruktionspläne sind mit Reißzwecken an Bretter geheftet. Zwischenräume? Fehlanzeige. Noch.

Willkommen an Bord der „No. 5 Elbe“, dem ältesten vollständig aus Holz gebauten Seeschiff der Hansestadt. Dass trotz des Wirrwarrs alles seine beste Ordnung hat, beweist Ernst-Joachim Schulze beim Klönschnack auf einer mittschiffs provisorisch errichteten Bierbank. Seelenruhig überprüft er auf seinem Laptop den Planungsstand. „Alles im Lot“, sagt der gelernte Maschinenbauingenieur.

Bis Frühsommer 2022 wollen die „Freunde des Lotsenschoners“, so der Name des eingetragenen Vereins mit 304 Mitstreitern, auf dem maritimen Schmuckstück Klarschiff machen. Spätestens dann soll der traditionsreiche Zweimaster seinem Ruf Ehre machen: als wieder fahrtüchtiges Schmuckstück des Hamburger Hafens.

Viel Geld und reichlich ehrenamtliche Arbeit

Ohne viel Geld und reichlich ehrenamtlicher Arbeit läuft nichts. Malocher sind gefragt, keine Schnackbären. Bis zum Finale des Projekts werden rund 2,5 Millionen Euro benötigt, teilweise durch Spenden. Bergung, Werftzeiten und alles andere inklusiv. „Unter dem Strich wird sich der Einsatz unserer Leute auf ein paar Tausend Stunden summieren“, weiß Kollege Olaf Riegel, der Vorsitzende. Ehrenamtlich, versteht sich. Ihm zur Seite hat Thomas Koch Platz genommen. Als Geschäftsführer der RHS-Reederei für historische Schiffe unter dem Dach der Stiftung Hamburg Maritim gehört der Ingenieur zu den Strategen eines Vorhabens, dessen Antriebsmittel neben Geld und Zeit vor allem eines ist: Herzblut. Und zwar jede Menge.

Das ehrgeizige Ziel passt zur Geschichte eines Segelschiffs von besonderem Charakter. Sie ist wechselvoll, abenteuerlich, kaum zu glauben. Anno 1883 gebaut, war der schmucke Schoner jahrzehntelang in der Elbmündung vor Cuxhaven für den Lotsentransport zuständig. Auf der Brücke wiesen die Profis Meeresriesen den Weg, die flussaufwärts Richtung Hamburg steuerten. Später überquerte die „No. 5 Elbe“ mehrfach den Atlantik, wurde nach Übersee verkauft, umrundete Kap Hoorn. 2002 holte die Stiftung Hamburg Maritim das Traditionsschiff zurück in den Heimathafen.

Lotsenschoner No.5: Spektakuläre Havarie

"Lotsenschoner No. 5 Elbe" – die Sekunden vor der Kollision

Meterhohe Kaventsmänner und Orkane auf den Ozeanen konnten der hölzernen Hamburgerin nichts anhaben. Dass sie ausgerechnet „zu Hause“ versank, schockierte nicht nur Seeleute. Am 8. Juni 2019, mithin 136 Jahre nach dem Stapellauf, kollidierte der Zweimaster auf der Elbe in Höhe Stadersand mit dem Containerschiff „Astrosprinter“. Eine Katastrophe. Während 43 Passagiere und Besatzungsmitglieder gerettet werden konnten, trieb der Lotsenschoner auf Grund.

Nach wie vor wird die Schuldfrage dieser spektakulären Havarie amtlich untersucht. „Still ruht die See“, heißt es hinter den Kulissen. Nicht nur für die Versicherung ist der Ausgang von entscheidender Bedeutung. Auf ein Urteil wollten weder Verein noch Stiftung warten. Getreu dem hanseatischen Motto, nach Desastern nicht dauerhaft zu jammern, sondern in die Hände zu spucken, wurde mit klarer Kante manövriert. Stationen auf der Werft in Wewelsfleth und im Hamburger Hafen folgten die Verladung in ein Küstenmotorschiff sowie aufwendige Reparaturarbeiten auf einer Spezialwerft für Holzschiffe in Hvide Sande an der Westküste Dänemarks. Von einem Schlepper gezogen, traf die am Rumpf komplett restaurierte „No. 5 Elbe“ vor rund zwei Monaten im Hansahafen ein. „Platt wie ’ne Flunder“, meinte einer der Begrüßungsgäste bei strömendem Regen am Bremer Kai. Korrekt: Beide Masten und weitere Aufbauten müssen nach und nach wieder in Stellung gebracht werden.

225 Quadratmeter großes Winterzelt

Aktuell trägt der Schoner ein 225 Quadratmeter großes Winterzelt aus einem Holzgerüst und Planen. Darunter wird aus dicken Schläuchen Warmluft zugeführt. Schützt, ist gut für das noch feuchte Holz und für die Männer an Bord. Coronabedingt dürfen jeweils nur zwei Personen im Einsatz sein – in vier festen Teams. Auch zwei Vorarbeiter stehen in den Dienstplänen. Wer das über Monate organisiert, muss ein Profi sein. Ernst-Joachim Schulze aus Buxtehude hat die Erfahrung von 40 Jahren bei Airbus. Im Vereinsvorstand ist er für Technik verantwortlich. Thomas Koch und der Vorsitzende Olaf Riegel wissen gleichfalls, was auf und unter Deck Sache ist. Begeisterung für die „No. 5 Elbe“ schweißt die Crew zusammen.

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Nachdem auf der dänischen Werft außen alles auf Vordermann gebracht wurde, macht der Verein nun innen und oben Klarschiff. Beispiele sind Abschleifen der alten Farbe, Grundieren, weiß streichen. Nutzräume für Pumpen, Abwasseranlage und Elektrozentrale müssen hergerichtet werden. Eine rundum erneuerte Elektroinstallation mit 5,5 Kilometer Kabeln, Schalter- und Sicherungskästen gehören ebenso dazu wie der gesamte Innenausbau mit Holz, die Kombüse, Sanitäranlagen, Kapitänskajüte mit Kartentisch, Hauptsalon. Später werden insgesamt 16 Kojen für Kapitän, Steuermann, Maschinisten und Mannschaft eingerichtet sein.

Douglasie für den Mast wird eigens bei Frost gefällt

Wahrscheinlich im Herbst kommenden Jahres sollen Masten und Bäume errichtet werden. Sieben weiße Segel mit 427 Quadratmeter Gesamtfläche werden ausgeschrieben. „Alles muss seine Ordnung haben“, bekräftigt Olaf Riegel. Privat lebt der diplomierte Sozialökonom in Niendorf. Wie gesagt: „Auf Liebe zum Detail kommt’s an.“ Thomas Koch aus dem Stiftungsmanagement ist nicht minder leidenschaftlich dabei. In den nächsten Tagen wird er sich mit dem Revierförster des Forstamts Rosengarten vor den Toren Hamburgs in den Wald begeben. Gemeinsam wollen sie eine geeignete Douglasie auswählen. Im Januar oder Februar, möglichst bei Minusgraden, soll der Baum gefällt werden. Frost wäre prima, weil dann die Feuchtigkeit am geringsten ist. Mit Masten aus der Natur heimischer Wälder, unter vollen Segeln, will die „No. 5 Elbe“ in eineinhalb Jahren Kurs Zukunft steuern.

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