59 neue Opfer

Der rätselhafte Anstieg der Hamburger Corona-Toten

Hamburgs Sozial- und Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) muss die hohe Anzahl neuer Corona-Todesfälle erklären.

Hamburgs Sozial- und Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) muss die hohe Anzahl neuer Corona-Todesfälle erklären.

Foto: Imago/Chris Emil Janßen

Rekordzahl an Todesfällen wirft Fragen auf: Warum erfolgt die Mitteilung erst verzögert? Und wie sinnvoll sind die Obduktionen noch?

Hamburg.  Beim Thema Corona überschlagen sich die Nachrichten seit Wochen so schnell, dass nur noch wenig undenkbar scheint – im Positiven wie im Negativen. So meldete die Deutsche Presseagentur am Mittwoch, dass es in Hamburg sogar 90 weitere Tote gegeben habe. Unmöglich? Nein. Dennoch ein Fehler, wie er halt mal passiert und der daher schnell korrigiert wurde.

Dabei war die Zahl, die am Abend zuvor von der Sozialbehörde verbreitet worden war, schlimm genug: 59 weitere Hamburger sind nachweislich an Covid-19 gestorben. Das hatte selbst intensive Beobachter der Corona-Lage überrascht. Denn erstens war das mehr als das Dreifache des bisher höchsten Wertes: Am 17. November waren 19 Todesfälle auf einmal gemeldet worden. Zweitens hatte es seitdem keinen einzigen weiteren Fall gegeben.

Infektionsgeschehen in Hamburg ist seit gut zwei Wochen rückläufig

Drittens stieg damit die Zahl der an Covid-19 gestorbenen Hamburger schlagartig um mehr als 20 Prozent an – auf 340. Und viertens könnte die Zahl irritieren, da das Infektionsgeschehen in Hamburg ja seit gut zwei Wochen rückläufig ist. So auch am Mittwoch. Da wurden 326 Neuinfektionen mit dem Coronavirus registriert. Nachdem es am Mittwoch der Vorwoche noch 363 gewesen waren, sank die Sieben-Tage-Inzidenz (Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen) weiter, von 95,7 auf 93,8.

Zumindest letztere Irritation ist leicht zu erklären: Da die Kurve der Todesfälle immer um einige Wochen den Neuinfektionen hinterherhinkt, erleben wir derzeit die traurige Folge der hohen Ansteckungszahlen bis Mitte November. Auch bundesweit liegt die Zahl der täglichen Corona-Toten höher als je zuvor. In Hamburgs Kliniken werden unverändert 329 Covid-19-Patienten behandelt, 87 von ihnen auf Intensivstationen.

UKE meldet Untersuchungsergebnisse nur noch einmal pro Woche an Sozialbehörde

Dennoch bleibt die Frage, warum die Sozialbehörde wochenlang gar keine Todesfälle meldet, dann aber plötzlich 19 oder sogar 59 auf einmal – während das bundeseigene Robert-Koch-Institut die Zahlen täglich aktualisiert. Das RKI nannte am Mittwoch für Hamburg 385 Todesfälle – also 45 mehr als die Stadt. Die offizielle Erklärung hatte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) erst am Vortag wiederholt geliefert: Da die Stadt bei allen Covid-19-Toten am Institut für Rechtsmedizin des UKE untersuchen lässt, ob der Patient an oder nur mit Corona gestorben ist, gebe es bei den Hamburger Zahlen halt eine Verzögerung. Die nehme man „billigend in Kauf“, da die Obduktion auch wichtige Erkenntnisse für die Behandlung der Erkrankten liefere.

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Wahr ist aber auch: Anders als noch zu Beginn der Pandemie meldet das UKE die Untersuchungsergebnisse nur noch einmal pro Woche an die Sozialbehörde. Und dort werden sie zunächst „amtsärztlich validiert“, bevor sie veröffentlicht werden. Mit anderen Worten: An der einen wie der anderen Stelle liegen die Informationen einige Tage, bevor sie gesammelt mitgeteilt werden – so entsteht der Eindruck, dass plötzlich ganz viele Menschen an Corona gestorben sind. Tatsächlich haben sich die 59 Todesfälle auf den ganzen November verteilt, einer stammt sogar aus dem Oktober, wie die Sozialbehörde auf Abendblatt-Nachfrage erklärte. Demnach gehörte die Mehrheit der 59 Toten der Altersgruppe 70 plus an.

Nicht jeder Covid-19-Tote wird aufwendig obduziert

Wie das UKE bestätigte, wird keinesfalls jeder Covid-19-Tote aufwendig obduziert. Zur Ermittlung der Todesursache kommen vielmehr vier Stufen infrage: Zunächst würden Krankenunterlagen, Arztbriefe und der Totenschein geprüft – mitunter ist schon nach dieser Aktenlage die Todesursache eindeutig. Wenn das nicht der Fall ist, kommt eine postmortale Computertomografie infrage. Bringt auch die keine Klarheit, wird eine minimalinvasive Autopsie vorgenommen – also durch winzige Öffnungen im Körper versucht, Erkenntnisse zu gewinnen.

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Nur wenn diese drei Methoden keinen Erfolg versprechen, kommt die klassische Obduktion mit Öffnung des Leichnams ins Spiel. Wie oft welche Methode angewandt wird, konnte das UKE nicht sagen, aber die Computertomografie komme vor allem dann infrage, wenn keine Zustimmung zu einer Obduktion oder minimalinvasiven Autopsie durch die Angehörigen erfolge. Und: „Bei Sterbefällen in Krankenhäusern werden weiterhin die Krankenunterlagen und Arztbriefe als Evaluationskriterium herangezogen.“

Uniklinik will auf die Obduktionen noch nicht verzichten

In der Sozialbehörde wird bereits überlegt, künftig auf die obligatorischen Untersuchungen zu verzichten. Denn nachdem die Rechtsmediziner 371 der ersten 373 Todesfälle begutachtet hatten, stellte sich in gut 90 Prozent der Fälle heraus, dass die Menschen nicht nur mit, sondern auch an Covid-19 gestorben sind – der Erkenntnisgewinn hält sich also in Grenzen. Nachdem die damalige Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) zu Beginn der Pandemie Wert auf diese Unterscheidung gelegt hatte und der Senat bis heute vor allem die „Hamburger Zahl“ (nachweislich an Corona verstorben) kommuniziert, schlägt die seit Juni für Corona zuständige Sozialsenatorin inzwischen einen anderen Ton an: „Es gilt die Zahl des RKI“, betonte Leonhard zuletzt. Und während diese Zahl am Mittwoch um zwölf Fälle auf 385 stieg, meldete Hamburg erneut (noch) keine weiteren Todesfälle.

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Andererseits sehen sowohl Senat als auch die Rechtsmediziner weiterhin die Chance, dass die Toten wertvolle Erkenntnisse für die Lebenden liefern können. „Die Untersuchungen in der ersten Welle der Corona-Pandemie haben beispielsweise eine Häufung von Thrombosen und Embolien bei an Covid-19 Gestorbenen und charakteristische Lungengewebsveränderungen gezeigt“, so das UKE. Daraufhin sei die Behandlung der Patienten mit blutverdünnenden Mitteln entsprechend angepasst worden. Auf die Obduktionen verzichten will die Uniklinik daher noch nicht: „Die Untersuchungen während der zweiten Welle der Corona-Pandemie werden Aufschluss darüber geben, beispielsweise wie sich die Anpassung der medikamentösen Therapie im Krankenhaus auf den Krankheitsverlauf ausgewirkt hat.“

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