Eröffnung

Helmut Schmidt – neue Ausstellung über sein Leben

Kurator Magnus Koch und Stiftungsvorstand Meik Woyke in der Ausstellung.

Kurator Magnus Koch und Stiftungsvorstand Meik Woyke in der Ausstellung.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Schau würdigt politisches Vermächtnis und kantige Persönlichkeit des Staatsmanns aus Langenhorn. Eröffnung live im Internet.

Hamburg.  Für 19.45 Uhr an diesem Dienstag hatte die Chefsekretärin im Kanzleramt mit blauem Kugelschreiber einen besonderen Termin notiert: „Telefonat mit Frau Schleyer“. Am Tag zuvor hatten RAF-Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt. Später wurde er ermordet. Die Bundesrepublik sollte erpresst werden. Nicht nur für Bundeskanzler Helmut Schmidt waren es bittere Tage im September 1977.

Dass historische Details wie diese nicht ausgelöscht wurden, ist der Ordnungsliebe des verstorbenen Staatsmannes aus Hamburg-Langenhorn zu verdanken. Schmidts Erinnerungsschatz, der 3200 Aktenordner mit 170.794 Papierseiten, 11.376 Dokumente sowie gut 25.000 Bücher umfasst, bildet das Fundament einer beeindruckenden Ausstellung. Sie würdigt das politische Vermächtnis, aber auch eine kantige, streitbare Persönlichkeit.

Festakt zur Eröffnung abgesagt, Internet ermöglicht Blick hinter Kulissen

Zwar musste die mit einem Festakt und 240 Ehrengästen verbundene Eröffnung am 10. November coronabedingt abgesagt und auf 2021 verschoben werden, doch ermöglicht das Internet einen ersten Blick hinter die Kulissen. Alles ist fertig. Am Donnerstag, 2.Dezember, um 17 Uhr lädt die Schmidt-Stiftung zu einem virtuellen Rundgang durch elf Themenbereiche auf 240 Quadratmetern.

Unter www.helmut-schmidt.de kann man sich kostenfrei anmelden und das Filmteam bei der Premiere live begleiten. Anschließend können die etwa einstündigen Einblicke jederzeit online abgerufen werden.

Ereignisreiches Leben: Besuch der Dauerausstellung lohnt sich

Der Besuch im Helmut-Schmidt-Forum am Kattrepel in der Innenstadt lohnt sich. So und so. Die für rund ein Jahrzehnt angelegte, in deutscher und englischer Sprache präsentierte Dauerausstellung ermöglicht eine spannende Sicht hinter die Kulissen eines ereignisreichen Lebens, das 2015 im Alter von 96 Jahren ausklang.

Das Spiegelbild fast eines Jahrhunderts deutscher Geschichte beinhaltet 50 Filmspots, 40 Audiotöne, 16 mehr als drei Quadratmeter große Fotodrucke und zwei Dutzend Einzelstücke. Dazu gehören eine Indianerpuppe aus den 1920er-Jahren, ein handgeschnitztes Schachspiel aus der Kriegsgefangenschaft oder auch eine SPD-Mitgliedskarte von 1946. Ein Schleuderaschenbecher aus Kunststoff und Metall darf nicht fehlen.

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Es gibt weder „Selbstbeweihräucherung noch Heldenverehrung“

Getreu der Devise des Kuratoriumsvorsitzenden Peer Steinbrück gibt es weder „Selbstbeweihräucherung noch Heldenverehrung“. Im Gegenteil: Facetten sind reizvoll. „Schmidt wusste, dass Demokratie auch Streit heißt“, sagt Stiftungschef Dr. Meik Woyke während des Exklusivrundgangs mit dem Abendblatt. „Am Ende muss es einen Kompromiss geben.“

Dieser Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch vier Abschnitte mit elf Hightech-Tischen. Der Inhalt wurde von der Stiftung entwickelt. Die Gestaltung stammt von einem Ausstellungsarchitekten aus Berlin, die Umsetzung von einer Messebaufirma in Südtirol.

Wer sich „Schmidt! Demokratie leben“ am Donnerstag oder in den kommenden Wochen via Internet anguckt, wird von den Kuratoren Dr. Magnus Koch und Dr. Johannes Zechner durch die Welt Helmut Schmidts geführt.

„Wir erzählen den ganzen Schmidt“, verspricht Koch, „mit allen Ecken und Kanten.“ Seine Kanzlerschaft sei eine Konfliktgeschichte gewesen. Viele Ausstellungsstücke sind erstmals zu sehen. So wie eine originale Fahndungsakte der Bundesanwaltschaft gegen „Helmut S.“ wegen Beihilfe zum Landesverrat im Rahmen der „Spiegel“-Affäre Anfang der 1960er-Jahre oder eben der Kanzlerkalender von 1977 mit dem Schleyer-Telefontermin.

Zur Zielgruppe zählen nicht nur Zeitzeugen von früher, sondern Schüler von heute. Eine zeitgemäße Präsentation soll das politische Interesse junger Menschen wecken. Die Botschaft: Themen wie Prinzipien einer wehrhaften Demokratie, Europa, Energie oder das Verhältnis zu den USA und China sind unverändert aktuell.

Im ersten Abschnitt geht es um den Menschen Helmut Schmidt, im zweiten um die Ära zwischen Zweitem Weltkrieg und der Kanzlerschaft 1974. Teil drei behandelt die Regierungszeit selbst, Teil vier die Jahrzehnte „außer Dienst“. Künftig können Besucher symbolisch an Abstimmungen teilnehmen, einen Zeitstrahl verfolgen, beim Puzzeln und Quizzen ihr Wissen testen, an einer Litfaßsäule Titelseiten sortieren.

Ungewöhnliche Erinnerungsstücke lenken die Aufmerksamkeit geschickt auf ernsthafte Probleme. Das Gesellschaftsspiel „Öl für uns alle“ und der Nachbau eines Rucksacks zum Transport einer mobilen Atombombe stimmen ebenso nachdenklich wie eine großformatige Sonnenbrille. Letztere wurde in einem Karton im Keller des Schmidt-Hauses am Neubergerweg gefunden. Sie bezeugt das „Arbeitstier“ Schmidt, wie es in der Ausstellung offiziell heißt. Durch Schlafmangel infolge nächtlicher Aktenrunden litt der Sozialdemokrat häufig an Bindehautentzündungen. Er war bemüht, seine geröteten Augen hinter den abgedunkelten Gläsern zu schützen – und zu verstecken.

Stiftungssprecher begleitet den interaktiven Livestream mit Rat und Tat

Acht abgewetzte Aktentaschen in einer Glasvitrine dokumentieren das enorme Arbeitspensum des Staatsmanns. In einer ist das Hamburger Abendblatt zu sehen. Die Schmidts waren zeitlebens Abonnenten. Wer zu der Hörmuschel nebenan greift, vernimmt die Stimme des ehemaligen Kanzlerfahrers Hans-Peter Lambertz. Der Chauffeur aus dem Rheinland erläutert die unterschiedliche Bedeutung verschiedener Taschen. Wer während des Internet-Rundgangs, „Online-Preview“ genannt, an diesem Donnerstag Nachfragen hat, erhält per Chat Antwort. Stiftungssprecher Ulfert Kaphengst begleitet den interaktiven Livestream mit Rat und Tat.

Ihre Enttäuschung über die verschobene Eröffnung lassen sich die Stiftungsstrategen nicht anmerken. Planung und Umsetzung dauerten fast ein Jahr und kosteten 750.000 Euro. In der Institution, die mit 2,9 Millionen Euro jährlich aus dem Bundeshaushalt unterstützt wird, sind 20 Mitarbeiter aktiv. Vier Fachleute wurden speziell für Führungen geschult. Nicht nur sie warten darauf, dass die Ausstellung hoffentlich alsbald nicht mehr nur virtuell besucht werden kann.