Mensch, Hamburg

Polizei in Hamburg: Der Kronprinz steht jetzt vorne

Thomas Jungfer ist der neue Chef der Gewerkschaft der Polizei in Hamburg.

Thomas Jungfer ist der neue Chef der Gewerkschaft der Polizei in Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Nach 26 Jahren gibt es einen Wechsel an der Spitze der einflussreichen Polizeigewerkschaft In Hamburg. Das ist Thomas Jungfer.

Hamburg. Vor drei Wochen hat der Hausherr am Holzdamm 14 das Büro mit den weißen Wänden und der stuckverzierten Decke verlassen. Nach 26 Jahren packte Joachim Lenders seine Sachen zusammen, ging und kam nicht wieder. Das Bild mit dem Leuchtturm nahm er mit. Er sah sich selbst darin: standhaft, trutzig, unbeugsam, vor allem in stürmischen Zeiten. Der Leuchtturm war ein Symbol – auch für das Ende einer Ära.

Dort, wo das Bild war, steht jetzt ein anderes: ein riesiges Plakat mit einem Polizisten in blauer Uniform, darunter prangt in dicken Lettern das Wort „Wertschätzung“. Der Beamte darauf ist Thomas Jungfer, der neue Hausherr am Holzdamm 14, frischgekürter Landeschef und früherer Vize-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, kurz DPolG. Auf einer Meta-Ebene kann das Plakat durchaus auch als Statement verstanden werden – seht her, da bin ich!

Jungfer schaltet schnell in den Gewerkschaftsmodus

Jungfer lehnt sich entspannt in seinem schwarzen Ledersessel zurück, lächelt schelmisch. Mit dem Bild und dessen Bedeutung wolle er sich gar nicht lange aufhalten, sagt er. Ist halt ein Bild! Und er ein Gesicht dieser neuen DPolG-Kampagne. Ehe man es selbst bemerkt, hat Jungfer schon in den Gewerkschaftsmodus geschaltet. Was hier wirklich zählt, das sei doch nicht er, sondern die Botschaft, die das Bild transportieren soll. Immer häufiger werde die Polizei als „gewalttätiger, rassistischer Haufen“ verunglimpft; „Police-Bashing“ sei inzwischen auch bei „normalen Bürgern“ salonfähig. Nichts, sagt Jungfer, bringe ihn mehr auf die Palme als dieser Mangel an Wertschätzung, die „zunehmende Aggressivität“ gegenüber seinen Kollegen.

Geradezu meisterhaft beherrschte Joachim Lenders, Jungfers Vorgänger, die Kunst, gewerkschaftliche Themen durch Emotionalisierung und Empörung zu überhöhen und sie in der Öffentlichkeit mit einem dicken DPolG-Schild zu versehen. Jungfer hat offenbar gut aufgepasst. Der 49-Jährige ist erst seit drei Wochen Chef und wirkt schon so, als hätte er nie woanders gesessen als in diesem Büro.

Er redet leiser als sein Vorgänger mit dem dröhnenden Timbre

Er redet leiser als sein Vorgänger mit dem dröhnenden Timbre, er redet schneller, lächelt mehr – Jungfer der Vize, der Kronprinz, die ewige Nummer zwei. 26 Jahre lang hatte Lenders die DPolG gesteuert, 2020 stellte er sich nicht erneut zur Wahl, nun ist er Ehrenvorsitzender. Dass Jungfer sein Erbe antreten würde, war längst ausgemacht. Bei der Wahl am 5. November bekam er volkskammergleiche 95,7 Prozent der Delegiertenstimmen – und einen Testosteronschub auf dem Podium. „Ich warte seit 15 Jahren auf diesen Moment“, platzte es aus ihm heraus. Das Publikum verstand den Seitenhieb und bog sich vor Lachen. Nur ein Scherz also? Sicher. Aber Jungfer hat nie einen Hehl daraus gemacht, die Führung des 7000 Mitglieder schweren Landes-Tankers DPolG übernehmen und aus dem Schatten des mächtigen Chefs treten zu wollen.

Lenders und Jungfer gab es wie Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble, wie Batman und Robin, jahrelang nur im Doppelpack. In der Rolle des Juniorpartners wartete Jungfer – geduldig und loyal – auf seine Chance. Die Organisation der Polizei mag Ländersache sein – in Hamburg war sie auch Lenders’ Sache. Jungfers hünenhafter Vorgänger führte die Gewerkschaft intern wie ein Patron und nach außen wie ein Schlachtschiff. Bollerte gegen diverse Innensenatoren, gerne auch gegen die Grünen und fast lustvoll gegen die Linken.

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Jungfer besitzt nicht die raumgreifende Präsenz seines Vorgängers, nicht dessen „Mit dem Kopf durch die Wand“-Mentalität. Er setzt stärker auf Kooperation und Austausch, fühlt sich aber auch der zänkischen Tradition der DPolG verpflichtet. Gleich nach seiner Wahl giftete er in Richtung Andy Grote (SPD): Der habe zuletzt jeglichen Rückhalt für die Polizei vermissen lassen. Dem Vernehmen nach kam das beim Innensenator nicht gut an. Jungfers Stil mag ein anderer sein, konzilianter und diplomatischer.

Inhaltlich bleibt es wohl beim Alten. Bei Hamburgs Beamten genießt der Neue hohes Ansehen, gilt als kompetent und fachlich versiert. Unter seiner Ägide wird sich auch die ideologische Färbung der „Blauen“ nicht ändern. Alles, was zu weit links oder rechts stehe, sei ihm ein Gräuel. Eine Rassismusstudie? Lehnt er ab, ebenso wie die Forderung nach einem Polizeibeauftragten oder die Kennzeichnungspflicht. Alles in allem: klar konservative Positionen.

Gleichzeitig möchte Jungfer aber auch das Gesicht einer modernen, offenen Polizei sein – vielleicht spricht er deshalb mit dem Abendblatt erstmals öffentlich über seine Beziehung. „Ich habe seit 19 Jahren einen Partner“, sagt er. Als er vor 30 Jahren bei der Polizei anheuerte, wäre das so wohl nicht möglich gewesen. Mit seinem Lebensgefährten, ebenfalls Polizist, lebt er im Speckgürtel. In einem Haus mit Garten, einem kleinen Pool und Labrador-Hündin Lotte. Er kommt hier zur Ruhe, beim Gärtnern und Joggen.

Jungfer liebt krachige Actionfilme, sein Gefährte nicht, gemeinsam touren sie mit dem Wohnmobil gern durch ferne Länder. Daran ist gerade nicht zu denken, nicht nur wegen der Corona-Krise. Auf dem neuen Posten muss sich Jungfer erst mal zurechtfinden. „Mehr Verantwortung“ sieht er jetzt auf sich zukommen, und natürlich sei da auch eine „gewisse Unsicherheit“.

Mit 19 Jahren trat er in die Gewerkschaft ein

Dabei gehört er schon zum alten Gewerkschaftseisen. Mit 19 Jahren trat er 1990 in die DPolG ein, um auf höherer Ebene etwas zu bewegen. Es war aber wohl auch eine Frage der Familienehre. „Schon mein Vater engagierte sich gewerkschaftlich bei der Bundesbahn, die Sache war eigentlich klar“, sagt er. Vor 30 Jahren lernte er auch Lenders kennen. Mit dem schon damals einflussreichen Strippenzieher verstand er sich auf Anhieb, im Windschatten seines „gewerkschaftlichen Ziehvaters“ machte er Karriere. Und hat seither auf dem Funktionärsgleis viel erreicht: DPolG-Bundesjugendleiter, Personalrat, Vize-Landeschef des Deutschen Beamtenbundes und jetzt Boss der mit Abstand größten der drei Hamburger Polizeigewerkschaften – viel zu mächtig, um überhört zu werden.

Jungfers Hauptaufgabe besteht nun darin, Dinge zu fordern und den öffentlichen Diskurs über strittige Polizeifragen zu dominieren. In gewisser Weise muss er der Politik ständig auf die Nerven gehen. Muss trommeln, Klinken putzen, Interessen austarieren. Aktuell kämpft seine Gewerkschaft um eine Ausstattung aller Schutzpolizisten mit Tasern und Kohlenmonoxidwarnern. Hinzu kommen die Klassiker aus dem Themen-Tank: mehr Personal, mehr Geld, mehr Wertschätzung. Von Gewerkschafts-Gejammer könne keine Rede sein, sagt Jungfer. Denn was oben auf der Agenda stehe, das bestimmten einzig und allein die Polizeibeamten selbst. Die Gewerkschaft verstehe er als „Sprachrohr der Kolleginnen und Kollegen“.

Jungfer hätte aber ebenso gut im Apparat Karriere machen können, er hatte und hat hier mächtige Fürsprecher. Manfred „Manne“ Clausen nahm den Jungen aus Scheeßel (Niedersachsen) in den 90ern­, kurz nach Antritt in Hamburg, unter seine Fittiche. „Manne war mein polizeilicher Ziehvater“, sagt Jungfer. Im Einsatzzug Mitte hatte er es vor allem mit Demos, Fußballspielen und Bambule zu tun. Hartes Brot. Er wurde ein Jahr früher als üblich Obermeister, stieg zum Gruppenführer auf. Nach mehr als vier Jahren an der Wache in Altona rückte er dann für einen pensionierten Kollegen 2005 in den Personalrat nach. Er musste sich damals zwischen der Straße und dem Büro entscheiden. „Kaum etwas ist mir je schwerer gefallen“, sagt er.

Spricht er über seine Zeit im aktiven Dienst, gerät er ins Schwärmen. Noch heute fährt er freitags oder sonnabends, wenn die Stadt brummt, mit Kollegen auf Streife. Einfach um zu spüren, wie sich der alte Traumjob anfühlt, und um zu erfahren, wo bei seinen Leuten der Schuh drückt. Jungfers Kopf gehört der DPolG, sein Herz steckt in der Uniform.