Hamburger Wahrzeichen

Corona-Krise: Der Michel ist in Kurzarbeit

Hauptpastor Alexander Röder predigte im Frühjahr vor leeren Kirchenbänken. Gottesdienste wurden aufgezeichnet.

Hauptpastor Alexander Röder predigte im Frühjahr vor leeren Kirchenbänken. Gottesdienste wurden aufgezeichnet.

Foto: Markus Scholz / dpa

Abendblatt-Serie: Was macht Corona mit den Hamburgensien? Teil 9: Bis zum Jahresende fehlt dem Gotteshaus eine halbe Million Euro.

Hamburg.  Michel, mein Michel, du hast schon einige Krisen und Katastrophen überlebt. Erst traf die Hauptkirche St. Michaelis im Jahr 1750 ein Blitz, sie brannte bis auf die Grundmauern aus. Dann löste an einem heißen Sommertag 1906 eine umgefallene Benzinlötlampe ein verheerendes Feuer aus. Binnen kurzer Zeit stand das ganze Gotteshaus in Flammen.

Und nun erschüttert die Corona-Pandemie die Grundfesten von Norddeutschlands schönster Barockkirche. 17 Mitarbeiter befinden sich aktuell in Kurzarbeit; im Haushalt klafft monatlich eine Deckungslücke von 50.000 Euro. Damit befindet sich die evangelische Kirchengemeinde in bester Gesellschaft mit anderen öffentlichen Einrichtungen. Hauptpastor Alexander Röder spricht zwar von einer wirtschaftlichen Krise für St. Michaelis, ist aber optimistisch. „Der Michel hat schon Kriege und Brände überstanden. Er wird auch die Corona-Pandemie überstehen.“ Positiv stimme ihn, dass der Michel sehr vielen Menschen viel bedeute, was sich in der ungebrochenen Spendenbereitschaft zeigt.

Drastischer Besucherrückgang im Michel

Mit dem Beginn der Pandemie verzeichnet der Michel einen drastischen Besucherrückgang – obwohl das Gotteshaus weiterhin täglich geöffnet ist. Kommen in normalen Zeiten rund 3500 Besucher täglich in die Kirche, waren es im Sommer im Schnitt rund 1000. Im Frühjahr waren es gerade mal drei bis zehn am Tag. Bei den sonst beliebten Mittagsandachten sind es im November durchschnittlich fünf Leute. Im Gottesdienst werden – bei entsprechenden hygienischen Vorschriften – rund 130 Personen gezählt. Zudem ist der Turm gesperrt. „Von Mitte März bis Mitte Mai und im November lag die Besucherzahl bei null, weil Turm und Krypta nach Verordnung des Senats geschlossen werden mussten“, sagt Pastor Röder. Insgesamt beträgt der Besucherrückgang 65 Prozent.

Derweil sind die Auswirkungen der Pandemie auf die Kirchenmusik massiv. Der neue Kirchenmusikdirektor Jörg Endebrock hatte bislang kaum Gelegenheit, mit dem Chor St. Michaelis zu proben, weil die Proben während des ersten Lockdowns verboten waren. Wie es bei den Kirchenmusikern heißt, ist es derzeit eher unwahrscheinlich, dass das beliebte Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach im Dezember aufgeführt werden kann. Ausgefallen sind auch das Deutsche Requiem von Johannes Brahms am Vorabend des Totensonntags sowie die großen Passionskonzerte in der Karwoche vor Ostern. Bislang konnten nur drei Konzerte der traditionellen Bach-Wochen im Oktober stattfinden. Es waren die ersten und bisher einzigen für den neuen Kirchenmusiker Jörg Endebrock.

Neue Onlineformate für Andachten

Folglich hat sich die Arbeit der 50 haupt- und 650 ehrenamtlichen Mitarbeitenden stark verändert. Während die Geistlichen neue Onlineformate für Andachten ausprobierten, mussten die Küster auf die Abstände der Besucher in den Kirchenbänken achten und die Desinfektionsspender regelmäßig nachfüllen. Um dem Coronavirus keine Chance zu geben, sind am 1. Advent und Heiligabend erstmals Open-Air-Gottesdienste geplant. Außerdem finden Gottesdienste in der Kirche statt, die Plätze müssen vorher reserviert werden, selbstverständlich kostenlos.

Lesen Sie auch:

Finanziell betrachtet bewertet der Kirchengemeinderat die Einnahmesituation in diesem Jahr als „höchst unerfreulich“. Der Michel deckt regulär nur 15 Prozent seines Haushalts aus Kirchensteuern, 85 Prozent werden durch Einnahmen aus touristischen Angeboten, durch Kollekten, Konzerte und Vermietungen erzielt. „Ein Großteil davon ist aber 2020 weggebrochen“, sagt Alexander Röder. Insgesamt fehlten bis zum Jahresende eine halbe Million Euro.

Lesen Sie auch:

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die mit vielen Spendenprojekten erfolgreiche Stiftung St. Michaelis hat in der Corona-Zeit bereits 350.000 Euro gesammelt. Gut 700 Spender engagierten sich seit April für die Aktion „Rettungsringe für den Michel“, sagt Geschäftsführer Michael Kutz. „Spendenziel sind bis Jahresende mindestens 500.000 Euro. Das würde den geschätzten monatlichen Fehlbetrag von 50.000 Euro für zehn Monate decken.“ Die Michel-Verantwortlichen sind dankbar für die zahlreichen Fans und ihre Spenden. Und sie setzen den strikten Sparkurs fort: Alle Ausgaben, die über den Betrag von 100 Euro liegen, sind bis auf Weiteres genehmigungspflichtig.

Hier können Sie den täglichen Corona-Newsletter kostenlos abonnieren