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So machen Sie mehr aus Ihrer Wohnung

Susanne und Hendrik Grunewald in ihrer neu gestalteten Küche in ihrer Wohnung in Winterhude

Susanne und Hendrik Grunewald in ihrer neu gestalteten Küche in ihrer Wohnung in Winterhude

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Werden die Kinder größer, müssen Familien oft umziehen – oder etwa nicht? Eine Expertin schafft auch im kleinen Zuhause Platz.

Hamburg.  Irgendwann passte die schöne Altbauwohnung in Winterhude nicht mehr. Nicht, weil Hendrik und Susanne Grunewald sie nicht mehr mochten, sondern weil es mit zwei Töchtern einfach zu eng geworden war. Die Familie wächst, die Wohnung aber nicht. Doch weg aus Winterhude, weg aus dem Viertel? Das war keine Option – finanziell nicht und auch emotional nicht. Die Grunewalds mussten sich etwas einfallen lassen, um den Wohnraum in ihrer Vier-Zimmer-Altbauwohnung zu optimieren . So wie ihnen geht es vielen Familien mit Kindern in der Hansestadt. Diese haben zwar ein mittleres oder gutes Einkommen und können sich dennoch eine größere Wohnung in der Stadt kaum leisten. Und diese überhaupt zu finden ist ebenfalls nur schwer möglich. „Auf eine Wohnung kommen in den angesagten innerstädtischen Stadtteilen bis zu 200 Bewerber, und auch in Rahlstedt oder Billstedt sind es schon 20“, sagt Siegmund Chychla vom Mieterverein zu Hamburg.

Sabine Stiller zeigt, wie sich Platz schaffen lässt

Doch was bleibt Familien übrig, deren Kinder und Ansprüche größer werden bei gleichbleibendem Wohnraum? Die Inneneinrichterin Sabine Stiller aus dem Eimsbütteler Generalsviertel kennt Platzprobleme aus eigener Erfahrung: Sie lebt mit Mann, zwei Söhnen (16 und 20) und Hund auf 100 Quadratmetern. Viermal hat sie ihre Wohnung schon umgebaut, um neuen Platz zu schaffen. Zuletzt haben die Stillers zwei Homeoffice-Arbeitsplätze so im Wohnzimmer schaffen müssen, dass das Wohnen nicht zu kurz kommt.

Aus der Lösung, die Sabine Stiller für ihr eigenes Zuhause fand, machte die 51-Jährige, bereits vor 15 Jahren, eine Geschäftsidee. Ihr Planungsbüro „4 Zimmer 6 Räume“ berät vor allem Familien, wie sie mehr aus ihren Quadratmetern machen können. Sabine Stiller kommt dafür in die Wohnungen und zeigt, wie sich mit guter Planung Raum schaffen lässt und vielleicht sogar ein weiteres Zimmer. Dabei ist es egal, ob in der Miet- oder Eigentumswohnung.

Für jedes Kind ein eigenes Reich

Die Expertin hat sich darauf spezialisiert, die vorhandenen Quadratmeter etwa durch Hochbetten, zweite Ebenen oder deckenhohe Regale optimal zu nutzen. Ihr neuer Ratgeber „Aus 4 Zimmern mach 6 Räume. Wohnkonzepte für Familien“ (Prestel Verlag, 38 Euro) zeigt anhand von Beispielen, wie man sein Zuhause flexibel gestaltet, mehr Platz bekommt und dabei schöner wohnen kann.

„In den Me­tropolen wie München, Berlin und Hamburg ist meine Arbeit besonders gefragt, denn hier wohnen Familien, die auf das urbane Leben mit seinen Annehmlichkeiten nicht verzichten möchten und in ihrem Kiez verankert sind“, so Sabine Stiller. Aber: „Die Anforderungen der Wohnungen und Stadthäuser Anfang des 20. Jahrhunderts waren andere. Man brauchte repräsentative Räume, um Besuch zu empfangen, Schlafräume für die Familie und kleinere Bereiche für das Personal. Die Kinder schliefen alle in einem Zimmer. Heute wünschen sich die Eltern für jedes Kind ein eigenes Reich.“

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Heute hat ein Mensch in Hamburg im Schnitt 40 Qua­dratmeter zur Verfügung

Der Anspruch an viel Wohnraum ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen, weiß auch Professorin Stefanie Kley von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg. „Wir wollen auf immer mehr Fläche wohnen“, sagt sie. Betrug die durchschnittliche Quadratmeterzahl an Wohnraum pro Person in Hamburg vor 35 Jahren noch 34 Quadratmeter, ist diese Zahl um sechs Quadratmeter gestiegen: Heutzutage stehen im Schnitt einem Menschen in Hamburg 40 Qua­dratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Im Vergleich zu anderen Großstädten wie München ist das vergleichsweise viel Wohnraum pro Person. Bei der begrenzten Fläche Hamburgs kann das problematisch werden: „Sowohl die Anzahl der Wohnungen als auch die Fläche pro Person sind gestiegen.“

Viele Möglichkeiten, auf ein größeres Heim auszuweichen, haben Hamburger nicht: Eine Wohnung zu finden ist schwierig: Rund 30.000 Wohnungen fehlen laut Schätzungen des Mietervereins zu Hamburg aktuell. Und selbst wer eine größere Wohnung bekommt, zahlt meistens unverhältnismäßig mehr als für die alte. „Zahlt eine Familie, die seit 15 Jahren in ihrer 80 Quadratmeter großen Wohnung in Eimsbüttel oder Winterhude lebt, derzeit 8,50 Euro pro Quadratmeter, werden das bei einem Umzug in eine 100 Quadratmeter große Wohnung schnell bis zu 13 Euro und mehr pro Quadratmeter“, so Chychla. Ein Umzug lohnt sich fast nur noch ins bis zu 70 Kilometer weit entfernte Umland Hamburgs. Denn in den nahen Umlandgemeinden steigen die Mieten ebenfalls stark an. „Wer aber einen Job hat, den er nicht im Homeoffice ausüben kann, hat dann noch die Fahrtkosten in die Stadt“, so Chychla. Die Situation ist trotz des Wohnungsbauprogramms des Senats mit jährlich anvisierten 10.000 Wohnungen angespannt.

Räume neu gestaltet und umverteilt

Neun Jahre lang reichten ihnen die 106 Quadratmeter und vier Zimmer aus. Um in ihrem Viertel wohnen bleiben zu können, haben Susanne und Hendrik Grunewald sich von Sabine Stiller beraten lassen und so das Optimum aus ihrer Wohnung herausgeholt. Sie haben unter anderem die Küche ins Esszimmer verlegt und so ein Kinderzimmer und eine große Wohnküche dazugewonnen. Das frühere große Kinderzimmer für beide Mädchen ist jetzt das Elternschlafzimmer, in das sie zwei deckenhohe Schränke gestellt haben, die den Raum in die Bereiche Schlafen und Ankleiden unterteilen. Das frühere Elternschlafzimmer wird eines der Kinderzimmer.

Ehepaar Grunewald war es wichtig, dass ihre Töchter Pia (5) und Liz (8) jeweils ein eigenes Zimmer haben. „Noch kommen die beiden in einem Zimmer gut zurecht, aber je älter sie werden, desto schwieriger wird es“, sagt Susanne Grunewald. „Ohne den Blick von außen wären wir gar nicht auf die Idee gekommen, die Küche zu versetzen“, sagt Susanne Grunewald. „Wir haben uns lange im Kreis gedreht.“ Neue deckenhohe Schränke im Flur, Schränke als Raumteiler und der damit verbundene Stauraum haben Ruhe in die Wohnung gebracht.

In Kinderzimmern fehlen häufig die richtigen Möbel zum Ordnunghalten

„Ich finde es wichtig, dass jeder in der Familie einen Rückzugsort hat. Dabei kommt es gar nicht auf die Größe des Raumes an“, sagt Sabine Stiller. Ein Kubus im Wohnzimmer für die Eltern, ein Bereich, der durch Schränke oder Vorhänge abgetrennt wird – das reicht häufig schon aus und ist mit wenigen Mitteln und überschaubaren finanziellen Ausgaben gemacht. Das funktioniert sogar für eins der Kinder auch auf nur vier Quadratmetern: Auf der oberen Ebene wird geschlafen, darunter ist Platz für einen Schreibtisch und einen Sitzsack. Und Schränke für Kleidung finden häufig im Flur oder in anderen Räumen Platz.

Wenn sie zum ersten Mal die Wohnungen von Kunden besucht, wird schnell klar, dass es an Stauraum und Struktur fehlt. Vor allem lange Altbauflure würden vernachlässigt. Dabei könne man dort mit guter Beleuchtung und deckenhohen Schränken viel Ordnung hineinbringen. Häufig finde man dort aber eine Ansammlung von Einzelmöbeln ohne passende Funktion. In Kinderzimmern fehlten häufig die richtigen Möbel und Sortierkästen, die Kindern das Ordnunghalten leichter machten. Im Einrichtungshaus gibt es sogenannte Modulmöbel, die auch bei späteren Umbauphasen wieder zum Einsatz kämen. Da lohne sich die höhere Ausgabe.

Vor dem Umgestalten steht das Ausmisten an

Manchmal kommt man aber um ein maßangefertigtes Möbel nicht herum. Sabine Stiller arbeitet mit einem Netzwerk von Handwerkern zusammen. Oft genügen raumhohe Schränke als Raumteiler, aber auch das Einziehen von Wänden sei in Mietwohnungen kein Problem. Diese lassen sich nach dem Auszug wieder beseitigen – bei der richtigen Materialwahl. Wichtig: „Bei baulichen Veränderungen unbedingt den Vermieter um Erlaubnis fragen“, rät Siegmund Chychla vom Mieterverein. Die Bedingungen, ob ein Rückbau bei Auszug geschehen soll oder nicht, sollte man schriftlich fest­halten.

Aktuell ist das Thema Homeoffice. Auch dafür hat die Expertin Tipps: Schwere Vorhänge, die den Raum akustisch teilen, könnten helfen; Schiebetüren zwischen den Bereichen schafften zudem eine optische Trennung. Man könne die Wohnung auch in zeitliche Zonen teilen: „Wenn die Familie unterwegs ist, kann ich überall meinen Laptop aufklappen“, so Stiller.

Leben und Ansprüche sind in einem steten Wandel. Aus kleinen Kindern werden pubertierende Teenager. „Durch die Auswahl nachhaltiger Möbel, die ich beispielsweise erweitern kann, kann ich immer flexibel sein.“ Wenn ihre Kunden sich dazu entschieden haben, ihre Wohnung umzugestalten, steht das Thema Ausmisten an. Ohne geht es eben nicht. „Man muss sich dann schon von alten Dingen und Möbeln trennen. Man kann ein Lieblingsstück behalten, wichtiger aber ist es, Wert auf die Funktion von Möbeln zu legen“, sagt Stiller.