Hamburger Zoo

Wie sich Hagenbecks Tiere und Pfleger im Lockdown verändern

Das Eismeer mit den Eisbären ist normalerweise belagert von Besuchern. Jetzt ist es hier fast so einsam wie am Nordpol.

Das Eismeer mit den Eisbären ist normalerweise belagert von Besuchern. Jetzt ist es hier fast so einsam wie am Nordpol.

Foto: picture alliance

Geschäftsführer Dirk Albrecht spricht von einer "bedrohlichen Lage" für den Tierpark. Vor allem ein Giraffenmännchen leidet.

Hamburg.  Kein Kinderlachen, keine Besucherscharen – im Tierpark Hagenbeck ist es still geworden. Seit hier Anfang November erneut die Tore geschlossen werden mussten, liegt die 19 Hektar große Parkanlage mit ihren Freigehegen und den denkmalgeschützten Panoramen nahezu verwaist da. Nur Tierpfleger, Gärtner, Wasserschweine und Pampashasen sind auf dem Gelände unterwegs.

Die Tiere in den Gehegen haben sich an die Ruhe gewöhnt. Die Elefanten stehen nicht mehr am Wassergraben und warten vergebens darauf, dass Besucher ihnen Apfel- und Möhrenstücke reichen. Und die Zwergziegen im Streichelzoo brechen nicht mehr in freudiges Gemecker aus, sobald sich ein Mensch ihrem Gehege nähert. Im ersten Lockdown war vielen Tieren anzumerken, dass sie die Besucher vermissen. Doch mittlerweile haben Corona-Maßnahmen wie das Einhalten eines Mindestabstands und ein Fütter- und Streichel-Verbot offenbar dazu geführt, dass sie sich mit dem Wegfallen von Leckerbissen und Streicheleinheiten abgefunden haben.

Alltag der Hagenbeck-Mitarbeiter hat sich durch Corona stark verändert

Mehr als 1850 Tiere aus allen Erdteilen leben in dem 1907 von Carl Hagenbeck eröffneten Tierpark, zu dem seit 2007 auch das Tropen-Aquarium gehört. Mit ihrer Pflege sind rund 160 Mitarbeiter beschäftigt – auch jetzt im Lockdown, der zeitgleich mit der Nebensaison begonnen hat. Während ihre Schützlinge genauso viel Pflege und Aufmerksamkeit brauchen wie zu „normalen“ Zeiten, hat sich der Alltag der Mitarbeiter durch die Pandemie ziemlich verändert: Die morgendlichen Treffen der Tierpfleger wurden eingestellt, ebenso wie die gemeinsamen Mittagspausen. Jetzt bleiben die Pfleger eines Revieres unter sich, ziehen sich in ihrem Bereich um und verbringen auch ihre Pausen dort.

Ansonsten ist es ohne Besucher für die Mitarbeiter eher entspannt: Die Tierpfleger können ihren Dienst auch mal später beginnen, da sie viele Arbeiten nicht mehr bis zur Öffnung des Tierparks erledigt haben müssen. Und die Handwerker und Gärtner brauchen nicht mehr darauf zu achten, dass sie bei ihren Tätigkeiten die Besucher nicht stören.

Corona-Konzept wird regelmäßig überprüft

Der Arbeitstag für Hagenbeck-Geschäftsführer Dirk Albrecht ist dagegen alles andere als entspannt. Er hatte seinen ersten Arbeitstag am 31. März dieses Jahres – und damit drei Tage, bevor der Tierpark zum ersten Mal in seiner Geschichte (abgesehen von den Kriegszeiten) schließen musste. Ein „sanftes Hineingleiten“ in den Job habe er sich eigentlich vorgestellt, sagt Albrecht, der vorher noch nie in einem Tierpark gearbeitet hatte. Doch davon konnte keine Rede sein – erst recht nicht, als Ludger Patt, mit dem er die bei Hagenbeck traditionelle Geschäftsführer-Doppelspitze bilden sollte, Anfang Mai aus gesundheitlichen Gründen ausschied.

Die Alltagsgeschäfte führt Albrecht seitdem alleine – neben den „normalen“ Geschäftsführertätigkeiten gehört dazu in Corona-Zeiten auch das aufwendige Beantragen von staatlichen Zuschüssen oder Kurzarbeitergeld. Bei Fragen, die über das Alltägliche hinausgehen, spricht sich Albrecht eng mit den Gesellschaftern Claus Hagenbeck und Joachim Weinlig-Hagenbeck ab. Gemeinsam wurde etwa das Corona-Konzept für den Tierpark erstellt, das monatlich evaluiert und aktualisiert wird.

Tierpark ist in einer „bedrohlichen Lage“

Um die Ansteckungsgefahr so gering wir möglich zu halten, wurde die Zahl der Mitarbeiter im Tierpark im aktuellen Lockdown auf ein Minimum reduziert. Es gibt ja auch – abgesehen von der Tierpflege – viel weniger zu tun. Die Reinigungskräfte etwa müssen nur noch die WC-Anlagen für das Personal sauber halten. Und die Portiers, die sonst mit dem Gäste-Service beschäftigt sind, bleiben gleich ganz zu Hause. Bislang, so Albrecht, habe es in den Reihen der Tierpfleger erst eine einzige Corona-Infektion gegeben. Nach Bekanntwerden des Falles wären sämtliche Mitarbeiter, die Kontakt zu dem Pfleger hatten, auf Firmenkosten getestet worden. „Alle Testergebnisse waren negativ. Das zeigt, dass unsere Maßnahmen greifen.“

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Dennoch sei die Stimmung der Mitarbeiter geprägt von der Unsicherheit, wie es nach Ablauf des Lockdown-Monats weitergehe, so Albrecht. Auch er selber ist besorgt, spricht sogar von einer „bedrohlichen Lage“. Ob die finanzielle Unterstützung der Stadt im neuerlichen Lockdown ausreiche, könne er noch nicht einschätzen. „Die Verhandlungen mit dem Senat verlaufen zwar vielversprechend, sind aber noch nicht abgeschlossen.“ Zudem hätten die Sommermonate mit eingeschränkten Besucherzahlen bei Weitem nicht ausgereicht, um die finanziellen Verluste aus dem ersten Lockdown aufzufangen.

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„Normalerweise bringen uns die Einnahmen aus der Saison durch den Winter“, so Albrecht. „Doch in diesem Jahr kamen zwischen Mai und November mit rund 540.000 zahlenden Besucher nur etwas mehr als halb so viele wie sonst.“ Die Unterhaltskosten, die durch den Verkauf von Eintrittskarten refinanziert werden müssen, sind aber gleich geblieben: Rund 1,2 Millionen Euro muss der Tierpark monatlich für Futter und Betrieb aufbringen. Derzeit hat sich laut Albrecht ein Defizit von gut fünf Millionen Euro aufgebaut.

Doch auch in diesem Corona-Winter stehen die üblichen Ausbesserungs- und Reparaturarbeiten an. Eigentlich würden die Eigentümer und der Geschäftsführer auch gerne ein Giraffenweibchen in den Tierpark holen. Denn seit dem Tod seiner Layla ist Giraffenmännchen Chali ziemlich traurig. Der Wunsch wäre, wieder mit der Giraffenzucht zu beginnen. Dafür müsste das Tiergehege aber den modernen Anforderungen entsprechend vergrößert werden. Daran ist in diesen Corona-Zeiten jedoch erst einmal nicht zu denken.

„Der Tierpark Hagenbeck wird überleben“, sagt Dirk Albrecht, „aber die Wunden, die Corona geschlagen hat, werden noch lange schmerzen.“

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