Winterhuder Fährhaus

Britta Duah: Eine Chefin, die ihr Publikum vermisst

Britta Duah hat in dieser Corona-Spielzeit die frei zu lassenden Sitze im Theatersaal mit Fotos von Publikumslieblingen bedecken lassen.

Britta Duah hat in dieser Corona-Spielzeit die frei zu lassenden Sitze im Theatersaal mit Fotos von Publikumslieblingen bedecken lassen.

Foto: Andreas Laible

Sie ist die erste Leiterin in der Geschichte der Komödie Winterhuder Fährhaus. Auch nach der Arbeit sitzt sie fest im Sattel.

Hamburg. Ein leeres Theater? Verbreitet selten ein erhabenes Gefühl. Weder abends noch tagsüber. Erst recht nicht, wenn Absperrungen mit Bändern und ein Einbahnstraßensystem im äußeren Foyer und im inneren Foyer die Wege weisen. Alles wirkt beinahe so wie in der Abflughalle eines verwaisten Flughafens. Sicher ist hier sicher, Abstand halten wäre kein Problem. Doch nun gilt ja der „Lockdown light“.

Britta Duah ist an diesem Vormittag dennoch gern in die Komödie Winterhuder Fährhaus gekommen: Sich zumindest einmal in der Woche mit den Abteilungsleitern in einem Meeting persönlich austauschen, darauf hat die Theaterleiterin in diesen schwierigen Corona-Zeiten so lange wie möglich Wert gelegt. Beim Gang durchs innere Foyer hält Duah die ausgedruckten E-Mails zweier Besucher in der Hand. Eben hat sie diese ihren Mitarbeitern präsentiert. Erfreut blickt sie aufs Papier und zitiert aus der einen Zuschrift „mit den besten Grüßen aus München“; in der zweiten bedankt sich ein Gästepaar aus Büsum für das jüngste Theatererlebnis. „Ein positives Feedback ist so ermutigend“, sagt Britta Duah. Die direkte Rückmeldung im persönlichen Gespräch, die fehlt ihr seit Monaten.

Schnack mit den Gästen ist kaum möglich

Der Schnack mit den Gästen – mit Masken und Mindestabstand kaum möglich. Mindestens so wichtig aber: Die Gäste fühlten sich sicher, ob im Foyer, an der Garderobe oder im Saal. Das hat die Theaterleiterin immer wieder erfahren. Bis die Komödie Winterhude wie alle Theater und Kultureinrichtungen in Hamburg und bundesweit am 2. November wieder schließen musste. Zum zweiten Mal seit Mitte März. Einmal mehr muss sich Britta Duah als Krisenmanagerin bewähren.

An diesem Sonnabend hätte Schauspielerin und Ex-Fernsehstar Beatrice Richter („Sketchup“) mit Tochter Judith in „Zuhause bin ich Darling“ Premiere feiern sollen – nun ist alles Makulatur. „Wir probieren vieles aus, sind aber auch bereit, alles zu ändern nach einer Woche, wir sind da flexibel“, hat Britta Duah gelernt. Und zwar nicht erst in diesem Herbst. Schon vor der Wiedereröffnung der Komödie im September hatten sie und ihr Team daran gearbeitet.

Duah hat die Verantwortung für 53 Mitarbeiter

Britta Duah hat die Verantwortung für 53 Mitarbeiter. Und sie hat nicht vergessen, woher sie kommt: Seit Juli habe der Vertrieb alle Abonnenten abtelefoniert, um ihnen mitzuteilen, dass sie in dieser Saison nicht auf ihren angestammten Plätzen sitzen können. Duah saß in diesem allerersten spielfreien Komödien-Sommer seit der Eröffnung des Hauses im Jahr 1988 selbst mal im Callcenter oder im Kassenhäuschen – so wie früher! 1998 hatte sie genau hier angefangen, sich als Englisch- und Psychologiestudentin etwas dazuzuverdienen. Sie blieb, stieg auf in den telefonischen Ticketverkauf. Und als der Chef des Vertriebs 2007 nach Berlin wechselte, leitete sie fortan die Abteilung.

Corona-Krise: Hamburg ändert die Strategie

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Im August 2017 übernahm Britta Duah dann als Nachfolgerin des jetzigen Ohnsorg-Intendanten Michael Lang die Leitung des Theaters. „Wir haben 6000 Vollblut-Abonnenten, und die sollen sechsmal im Jahr zu uns kommen“, sagt sie. Auch wenn es vor gut einem Jahrzehnt noch 9000 waren, so viele treue „Kunden“ wie die Komödie Winterhude hat kein anderes Hamburger Theater.

Britta Duah gehört schon von Kindesbeinen an zur „Familie“

„Kunden“, dieses Wort hat Britta Duah lange Zeit gern als Synonym für die Besucher benutzt. „Die Frau der Zahlen“, als die sich die Kulturmanagerin mit dem charmanten Lächeln bis heute bezeichnet, hat in dem Boulevard-Theater bereits vor vielen Jahren als Vertriebschefin Publikumsbefragungen eingeführt – auch für derlei Rückmeldungen ist Britta Duah gut. Das aktuelle Komödien-Motto „Ihre Auszeit vom Alltag“ hat sie mit Vertrieb, Marketing- und Presseabteilung kreiert, im Zuge dessen wurde Duah fälschlicherweise immer mal wieder als „Intendantin“ tituliert. Als Intendanten gelten im deutschsprachigen Raum aber gesamtverantwortliche Geschäftsführer und künstlerische Leiter eines Theaters. „Ich bin faktisch keine Intendantin“, stellt die 42-Jährige klar. „Ich bin in einem Familienbetrieb gelandet und bin für das Haus in Hamburg zuständig.“

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Neben Michael Forner ist der Berliner Regisseur Martin Woelffer vertretungsberechtigter Geschäftsführer und zugleich künstlerischer Leiter, sein Vater und Intendant Jürgen hatte die Komödie Winterhude gegründet und mit Rolf Mares aufgebaut. Zur „Familie“ indes gehört Britta Duah gewissermaßen schon von Kindesbeinen an: Ihre Mutter Corinna Smolka war unter Chef Mares von 1988 bis 1997 die allererste Pressesprecherin der Komödie Winterhude.

„Pension Schöller“ statt Abschied vom geliebten Pferd

Jetzt aber hält die Tochter die Zügel in der Hand. Britta Duah, die als Zehnjährige aus ihrer Geburtsstadt Münster mit ihren Eltern nach Hamburg kam, reitet, seit sie denken kann. Seit mehr als 35 Jahren liegt ihr Glück zumindest zeitweise auf dem Rücken der Pferde. In normalen Zeiten fährt Duah („Ich bin keine Fußgängerin, ich bin Reiterin“) gut fünf Minuten per Fahrrad von der Wohnung ins Theaterbüro, am Sonnabend und Sonntag jeweils für ein paar Stündchen im Auto zu ihrem „Seepferdchen“ raus nach Buchholz. Die Mutter zweier Kinder – der Sohn ist 18, die Tochter elf – wirft so schnell nichts aus der Bahn, scheint es.

Auch nicht, als der „Seepferdchen“-Vorgänger mit dem isländischen Namen Gleði (heißt auf Deutsch so viel wie „Frohsinn“) am 5. September 2018 unversehens an einer Blutvergiftung starb. Britta Duah erinnert sich noch genau, weil sie an jenem Abend bei der Wiederaufnahme-Premiere des Komödien-Klassikers „Pension Schöller“ in Winterhude alsbald als Theaterleiterin ihre Frau stehen musste. Für den Abschied vom geliebten Pferd blieb damals keine Zeit.

In ihrer Freizeit hat sie ein Buch geschrieben

In ihrer Freizeit hat sie das Buch „Die geheimen Zutaten exzellenter Reiter“ geschrieben, es soll im Frühjahr erscheinen, Verlag noch offen. „Eine harmonischere Beziehung von Pferd und Mensch benötigt die Fähigkeit zu führen, zu motivieren, zu inspirieren“, erzählt Britta Duah. „Als Reiter ist es immer wichtig, ruhig zu bleiben“, lautet eine Weisheit.

3 Fragen

  • 1. Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel für die nächsten drei Jahre? Nicht auf der Stelle stehen bleiben, mich weiterhin bilden und wachsen.
  • 2. Was wollen Sie in den nächsten drei Jahren beruflich erreichen? Da fehlt mir zurzeit ein konkretes Ziel. So vieles gibt es zu entdecken, und für so viel Verschiedenes brenne ich.
  • 3. Was wünschen Sie sich für Hamburg in den nächsten drei Jahren ? Stark vereinfacht und heruntergebrochen: Ruhe, Kontinuität, Stärke sowie menschliche und wirtschaftliche Erfolge.

Das zehnte Kapitel ihres Buches hat Duah „Leichtherzigkeit“ genannt. Was das heißt? „Man kann auch ernsthafte Ergebnisse erzielen, ohne die ganze Zeit ernst sein zu müssen.“ Diese Grundsätze hätten ihr in diesem schwierigen Jahr 2020 öfter geholfen. Gilt sowohl für den Umgang mit der Corona-Pandemie als auch für die Lage der privat betriebenen Komödie Winterhude. Das familiengeführte Theater hatte von der Stadt Hamburg während der Schließung von Mitte März bis Ende August erstmals Geld erhalten, einige Hunderttausend Euro Corona-Soforthilfe. Doch wie soll es nun weitergehen?

Weitsichtige Entscheidung

„Bleiben Sie zu Hause!“, mahnte die Kanzlerin die Bevölkerung schon im Oktober. „Wir als Theater stehen vor der Hauptsaison mit klug ausgefeilten Hygie­nekonzepten. Auch wenn Frau Merkel recht haben mag, trifft uns das sehr hart“, sagte Britta Duah damals schon. Maximal 155 Besucher durften zuletzt laut behördlicher Anordnung im 586-Plätze-Saal in einer Vorstellung sitzen – alle schön auf Abstand. Publikumslieblinge wie Jochen Busse, Hugo Egon Balder oder Oliver Mommsen gehörten auch dazu – als laminierte Fotos über den frei zu bleibenden Sitzen. Mit dieser originellen Maßnahme konnten Britta Duah und ihre Mitarbeiter immerhin dem langjährigen Komödien-Grundsatz „Stars hautnah“ gerecht werden.

Bereits Anfang Oktober hatte sich die Theaterleiterin festgelegt, die für den 20. November geplante Premiere von Christian Bergs Familien-Musical „Die Schöne und das Biest – Wahre Schönheit kommt von innen“ sowie dessen 44 weitere Vorstellungen auf 2021 zu verschieben. Schweren Herzens, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Eine weitsichtige Entscheidung, wie sich aufgrund der exponentiell gestiegenen Infektionszahlen und der zweiten angeordneten Theaterschließung bis zunächst Ende November gezeigt hat. Auch den „Silvesterpunsch“, der auf Duahs Veranlassung seit zwei Jahren erst am zweiten Januar-Sonntag mit bis zu 500 Gästen stattfindet, hat die Komödien-Leiterin früh abgesagt. Derzeit ist wieder mehr als die Hälfte der Belegschaft in Kurzarbeit.

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An den Satz „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“ aus der Operette „Die Fledermaus“ hat sich Britta Duah in diesen Corona-Zeiten öfter erinnert. „Ich bin froh, in einer Kulturnation wie Deutschland zu leben“, sagt sie und hofft auf weitere Unterstützung von Stadt oder Bund. Obwohl sie zuletzt nur einen Tag in der Woche Theaterluft schnupperte, tut ihr der Kontakt auch mit Abstand und Unterbrechungen gut. Eine Mitarbeiterin aus dem Vertrieb kommt durch die Hintertür ins Theater. „Hallo Britta!“, ruft sie in Richtung Duah. „Und danke!“ Die Theaterleiterin hatte ihr und den Kollegen einen Präsentkorb mit vielen leckeren Sachen vorbeigebracht – für jeden Geschmack war etwas dabei.

Geht doch nichts über ein direktes Feedback. Selbst in Zeiten der Leere.

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