Pandemie

Hamburgs neue Corona-Taskforce sucht Mitarbeiter

Finanzsenator Andreas Dressel (SPD, l.) unterhält sich in der ZUK mit den Mitarbeitern Ralf Götte (M.) und Ulrich Josefus.

Finanzsenator Andreas Dressel (SPD, l.) unterhält sich in der ZUK mit den Mitarbeitern Ralf Götte (M.) und Ulrich Josefus.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Für CDU und Linke kommt die Zentrale Unterstützung Kontaktnachverfolgung zu spät. 396 Neuinfektionen am Mittwoch.

Hamburg. Im Kampf gegen das Coronavirus soll eine neue Taskforce dabei helfen, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen in Hamburg zu behalten. Auf einer etwa 1000 Quadratmeter großen Fläche am Friedrich-Ebert-Damm in Wandsbek hat die Zentrale Unterstützung Kontaktnachverfolgung (ZUK) mit zunächst 45 Plätzen ihre Arbeit aufgenommen.

Personen, die durch den engen Kontakt mit nachweislich Infizierten gegebenenfalls eine Quarantäne antreten müssen, werden von hier aus telefonisch kontaktiert. „Ziel ist, dass die Gesundheitsämter entlastet werden. Wir wollen uns der Pandemie nicht geschlagen geben“, sagte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD), die am Mittwoch zusammen mit Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) die neue Leitstelle in Wandsbek besuchte. Zwar sei ein leichter Rückgang der durchschnittlich zu ermittelnden Kontakte zu verzeichnen, nach wie vor seien jedoch zwischen fünf und 30 Kontakten zu überprüfen, so Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde.

Neue Mitarbeiter werden einen Tag lang eingearbeitet

Lernvideos, Leitfaden, und Praxisübungen – die neuen Mitarbeiter werden einen Tag lang eingearbeitet, bevor sie das erste Mal zum Hörer greifen. Teilweise sitzen städtische Beschäftigte aus anderen Bereichen wie der Spielbankaufsicht oder dem Polizeiorchester vor den Rechnern, so auch Michael Girnt. Er spielt normalerweise Bass-Posaune.

Da die gemeinsamen Proben und größere Auftritte derzeit ausfallen, habe er sich freiwillig gemeldet. „Es ist schön, etwas Sinnvolles zu tun“, sagt der 56-Jährige. Seit vergangener Woche versucht er über die Hamburger Software „Pandemie-Manager“ Kontaktpersonen von Corona-Infizierten zu erreichen. „Bisher waren alle Kontaktierten sehr freundlich und froh, dass jemand anruft“, so Girnt.

Sozialsenatorin spricht von „Detektiv- und Fleißarbeit“

Im Gespräch versuche er, die genauen Umstände des Kontaktes zu erfassen. Wenn Kontaktpersonen mehr als 15 Minuten mit dem Infizierten verbracht haben, ohne den Mindestabstand einzuhalten, stellten sie ein hohes Risiko dar. Girnt setzt dann ein Quarantäneschreiben auf. Alle anderen Personen würden ein kleineres Risiko darstellen. Nicht immer könne man die Kontaktpersonen sofort kategorisieren. In schwierigen Fällen halte er daher Rücksprache.

Corona-Krise: Hamburg ändert die Strategie

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Die Sozialsenatorin bezeichnet die Aufgaben der neuen Mitarbeiter als „Detektiv- und Fleißarbeit“ und dankte den Freiwilligen. „Dass verschiedenste Professionen hier interdisziplinär zusammenarbeiten, das macht uns alle ein Stück stolz“, sagte Dressel. Für die neue Corona-Einheit werden derzeit noch weitere Mitarbeiter gesucht. „Wir sind über alle froh, die freiwillig Lust haben, uns zu unterstützen“, sagt Sabine Karius, die das Schulungssystem erarbeitet hat. Nicht nur städtische Angestellte, auch Studierende, die gerade auf Jobsuche sind, können sich unter der Adresse zuk-bewerbung@kasse.hamburg.de bewerben, so Karius. Zukünftig sollen laut Sozialbehörde bis zu 250 Mitarbeiter in der Zentrale tätig sein, auch die Fläche soll noch erweitert werden.

Kritik von CDU und Linke

Für CDU und Linke kommt die neue Corona-Einheit zu spät. „Der rot-grüne Senat versucht jetzt panisch die negativen Folgen seines eigenen Führungsversagens der vergangenen sechs Monate auszubügeln. Dies führt zu der Frage, was hat der rot-grüne Senat in den Sommermonaten mit relativ niedrigen Infektionszahlen eigentlich für den Herbst und Winter vorbereitet?“, sagte Stephan Gamm, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion auf Nachfrage des Abendblatts.

Deniz Celik, Gesundheits-Experte der Linken-Bürgerschaftsfraktion, befürwortet zwar die Taskforce zur Entlastung der Gesundheitsämter, allerdings mangele es dem Senat an einer langfristigen Strategie. "Dies zeigt wieder einmal, dass der Senat nicht proaktiv und vorausschauend agiert, sondern immer reagiert, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist", so Celik.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

„Das ist eine Pandemie. Wir sind in der Corona-Krise darauf angewiesen, dass wir dynamisch reagieren“, sagt Martin Helfrich von der Sozialbehörde. Mit der ZUK habe man sehr kurzfristig auf die steigenden Corona-Zahlen reagiert. Laut der Sozialsenatorin wurde das Personal der Kontaktverfolgung zudem seit März nahezu verfünffacht.

Fitnessstudios bleiben trotz erfolgreicher Klage geschlossen

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus bleibt unterdessen auch anderthalb Wochen nach Start des Teil-Lockdowns auf sehr hohem Niveau: Die Stadt meldete am Mittwoch 396 neue Fälle. Der Sieben-Tage-Inzidenzwert steigt damit leicht auf 164,5 (Vortag: 164,1). Die Zahl der in Krankenhäusern behandelten Covid-19-Patienten steigt ebenfalls deutlich von 264 auf 283. 71 Personen werden derzeit auf Intensivstationen behandelt. 159 Patienten sind derzeit älter als 70. Zudem wurde bei sechs weiteren Toten das Coronavirus als Todesursache festgestellt.

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Insgesamt sind in der 45. Kalenderwoche 2642 Fälle gemeldet worden, der Wert der Vorwoche wird damit erneut überschritten, wie die Sozialbehörde mitteilte. Davon gehen in der vergangenen Woche 993 auf die Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen zurück; doch auch viele ältere Personen infizierten sich: 245 Fälle beziehen sich auf über 70-jährige Personen. In Hamburger Pflegeeinrichtungen sind derzeit 267 Bewohnerinnen und Bewohner infiziert. In elf Pflegeeinrichtungen soll es zehn oder mehr Fälle geben. Zudem seien insgesamt 129 Beschäftigte von Pflegeeinrichtungen aktuell mit dem Virus infiziert.

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In Hamburg werden nach Informationen der Sozialbehörde werktags durchschnittlich 18.100 Tests durchgeführt. Die Quote der nachgewiesenen Infektionen ist erneut leicht angestiegen und liegt nun bei 5,5 Prozent.

Fitnessstudios müssen trotz einer erfolgreichen Klage weiterhin geschlossen bleiben. Noch in der Nacht zum Mittwoch hat das Oberverwaltungsgericht eine Zwischenverfügung erlassen, die bis zur Entscheidung der nächsten Instanz gilt. Zuvor hatte das Verwaltungsgericht dem Eilantrag der Betreiberin mehrerer Fitnessstudios stattgegeben, die gegen die coronabedingte Schließung vorgegangen war. Die Stadt hatte daraufhin Beschwerde beim OVG eingereicht.

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