Pandemie

Wieder neuer Corona-Rekord in Hamburg

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Christoph Heinemann, Andreas Dey und André Zand-Vakili
Der Arztruf 116 117 soll personell verstärkt werden (Archivbild)

Der Arztruf 116 117 soll personell verstärkt werden (Archivbild)

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

404 Infektionen am Mittwoch. Gesamtzahl der Fälle steigt in kurzer Zeit um ein Viertel. Ein Bezirk ragt negativ heraus.

Hamburg. Deutlicher konnte ein weiteres Warnzeichen an diesem Tag der Entscheidung nicht sein: Der neue Rekordwert von 404 neuen Covid-19-Fällen am Mittwoch in Hamburg bedeutet, dass sich sowohl die Zahl der täglichen Infektionen als auch die Inzidenz im Vergleich zum Beginn der Vorwoche noch einmal verdoppelt hat. Zudem stieg die Gesamtzahl der Infektionen seit März innerhalb von nur neun Tagen um ein Viertel – auf nun 12.556 Fälle in der Hansestadt.

Auch wenn die Zahl der Verstorbenen weiter bei 241 liegt und die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern moderat um neun Menschen auf 149 stieg, rechnet der Senat auch in den Kliniken mit einer raschen Verschärfung der Situation. Derzeit werden 34 Covid-19-Patienten bereits intensivmedizinisch betreut, vier mehr als noch am Dienstag. Während 8500 Menschen als genesen gelten, gibt es mindestens 3750 aktive Covid-19-Infektionen.

Zahlen in Hamburg-Mitte liegen deutlich über dem Durchschnitt

Die noch immer verbreitete These, dass die hohen Zahlen der Infektionen auch wesentlich durch die viel häufigeren Tests bedingt sei, lässt sich anhand von Daten der Sozialbehörde kaum halten. So wurden zwar tatsächlich in der 42. Kalenderwoche (bis 18. Oktober) durchschnittlich rund 12.500 Abstriche genommen, so viele wie noch nie – gleichzeitig steigt aber auch der Anteil der positiven Tests bereits seit dem Sommer kontinuierlich auf zuletzt 2,1 Prozent. Das ist zwar immer noch deutlich weniger als zu Höchstzeiten im Frühjahr mit 7,3 Prozent – auch Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) betonte aber bereits, dass die vermehrten Tests zu den Zahlen nur beitrügen, sie aber nicht entscheidend prägten.

Betrachtet man das Infektions­geschehen nach Bezirken, fällt vor allem auf, dass die Zahlen in Hamburg-Mitte deutlich über dem Durchschnitt liegen. Im Zeitraum vom 20. bis 26. Oktober haben sich dort nicht nur absolut die meisten Menschen infiziert, nämlich 432. Danach folgten Wandsbek (400 Fälle), Hamburg-Nord (281), Altona (243), Eimsbüttel (234), Harburg (197) und Bergedorf (64). Sondern auch die viel aussagekräftigere Sieben-Tage-Inzidenz, die angibt, wie viele Menschen pro 100.000 Einwohner sich binnen einer Woche infiziert haben, ragte in Mitte mit 143 weit über den hamburgweiten Wert hinaus. Dieser lag am 26. Oktober noch knapp unter 100. Der einzige weitere Bezirk über dem Schnitt war Harburg mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 116,6. Im dünn besiedelten Bezirk Bergedorf betrug diese hingegen nur 49,2, in Eimsbüttel 87,6, in Altona 88,4, in Nord 89,2 und in Wandsbek 90,7.

Sozialbehörde sucht nach einer Erklärung

Eine einzige Erklärung für die hohen Werte in Mitte haben weder die Sozialbehörde noch das Bezirksamt. Dort wird zwar auf mehrere, kleinere Ausbruchsgeschehen an Schulen hingewiesen. Doch daran allein dürfte es nicht liegen. Darüber hinaus gibt es zwei starke Vermutungen: Zum einen liegen in Mitte der Partystadtteil St. Pauli und viele andere stark frequentierte Orte wie der Hauptbahnhof oder die Einkaufsstraßen in der City. Zwar werden die überwiegend von Menschen besucht, die gar nicht in Mitte wohnen – aber Menschenansammlungen zu meiden und Abstand zu halten, ist für die Bewohner halt etwas schwieriger als im Rest Hamburgs.

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Über den zweiten Grund wird offiziell nicht so gern gesprochen, aber auch er liegt auf der Hand: In Mitte ist der Anteil ärmerer Menschen ebenso überdurchschnittlich hoch wie der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund und derer aus eher bildungsfernen Haushalten. Das alles gilt auch für Harburg. Und Experten sind sich relativ einig, dass diese Faktoren dazu führen, dass sich die Menschen weniger um ihre Gesundheit kümmern, die Corona-Regeln nicht kennen oder sie nicht verstehen. Zudem gibt es relativ viele kleine Wohnungen, in denen oft dennoch ganze Großfamilien wohnen – was das Infektionsgeschehen natürlich begünstigt.

Auf lange Sicht sind die Unterschiede übrigens nicht ganz so gravierend: Seit Beginn der Pandemie haben sich im Bezirk Wandsbek die meisten Menschen infiziert, nämlich 2820. Das waren 639 pro 100.000 Einwohner, was in etwa dem hamburgweiten Wert entspricht, der bei 624 liegt. Auch Harburg (1071 Fälle / 634 pro 100.000 Einwohner) und Altona (1717 / 624) liegen im Schnitt. Hamburg-Nord (1849 / 587) und Eimsbüttel (1532 / 574) liegen leicht darunter, Bergedorf (555 / 427) sogar deutlich. Mitte ist mit insgesamt 2308 Infektionen und 764 Fällen pro 100.000 Einwohner zwar auch in dieser Langzeitbetrachtung trauriger Spitzenreiter, allerdings nicht ganz so weit vor dem Rest der Stadt wie bei der Sieben-Tage-Inzidenz.

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Insgesamt hat Hamburg unter den deutschen Großstädten mit 113,2 weiterhin noch den niedrigsten Inzidenzwert. Die Bewältigung der aktuellen Situation bringt die Behörden aber zunehmend an ihre Grenzen. Zuletzt kam es außerdem beim Arztruf 116 117 zu technischen Problemen. Gespräche konnten nicht angenommen werden oder brachen nach kurzer Zeit ab. Innerhalb von nur einer Woche stieg auch hier die Zahl der Anrufe um 30 Prozent. Insgesamt konnte am Dienstag knapp jeder zweite Anrufer einen Mitarbeiter erreichen. Am Vortag waren es nicht einmal jeder dritte Anrufer. Besonders oft wurde unter anderem moniert, dass die Gesundheitsämter keinen Kontakt bei Infektionsverdacht aufgenommen hatten. Die Kassenärztliche Vereinigung (KVHH) hat angekündigt, das Personal deutlich aufzustocken.

Nicht alle Betriebe halten sich an die Regeln

Trotz der ernsten Lage halten sich unterdessen noch längst nicht alle Betriebe an die bislang gültigen Regeln. Die Polizei stellte von Dienstag auf Mittwoch bei 41 von 270 überprüften Betrieben Verstöße gegen die Eindämmungsverordnung fest. Insbesondere waren Kontaktdatenlisten nicht ordentlich geführt worden, oder es wurde gegen die Maskenpflicht verstoßen.

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Während Gastronomen sich gegen weitere Beschränkungen wehren (siehe Seite 13), sprach sich Frederik Braun vom Miniatur Wunderland für harte Einschnitte aus. „Ich hoffe auf genau den Lockdown, der gerade diskutiert wird“, schrieb Braun am Mittwochnachmittag bei Facebook. „Lieber jetzt ein paar Wochen sehr konsequent handeln und dann wieder auf Sicht gezielt lenken.“ Der Tierpark Hagenbeck stellte parallel zu der Bund-Länder-Schalte sein Hygienekonzept für die Wintersaison vor. Wie genau es bei Hamburger Sehenswürdigkeiten nach den Beschlüssen weitergeht, entscheidet sich aber erst am Freitag - dann berät der Senat über die Umsetzung des neuen Lockdowns in Hamburg.

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