Lockdown

Corona-Schließungen „eine Katastrophe für die Gastronomie"

Bitter für Servicekraft Ameur Essalah: Auch das Restaurant Anleger 1870 muss schließen. Hier wurden erst vor einer Woche beheizte Gewächshäuser auf die Terrasse gestellt.

Bitter für Servicekraft Ameur Essalah: Auch das Restaurant Anleger 1870 muss schließen. Hier wurden erst vor einer Woche beheizte Gewächshäuser auf die Terrasse gestellt.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Sterneköche, Kiez-Betreiber und Gewerkschaft einig in Kritik an Schließung ab 2. November. Wirte kündigen Klage an.

Hamburg.  Der Brandbrief von Tim Mälzer und anderen hat nichts genützt: Restaurants, Bars und Kneipen müssen auch in Hamburg vom 2. November an geschlossen bleiben. Diese Nachricht kam am Mittwochnachmittag zwar nicht ganz unerwartet – löste aber dennoch bei Hamburgs Gastronomen Entsetzen aus.

„Diese Entscheidung für einen zweiten Lockdown ist für die Gastronomie eine Katastrophe, die eine Pleitewelle zur Folge haben wird“, sagte der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Hamburg (Dehokga), Franz J. Klein. Dazu kämen allein in Hamburg Zehntausende Mitarbeiter, die nun wieder auf das Kurzarbeitergeld angewiesen seien, das kaum zum Leben reiche.

Viel Geld in Sicherheits- und Hygienekonzepte investiert

Das Robert-Koch-Institut habe festgestellt, dass die Gastronomie keinen Infektionsherd darstelle. „Dort sind die Gäste sicher aufgehoben, weil dort der Mindestabstand eingehalten und viel Geld in Sicherheits- und Hygienekonzepte investiert wurde. Außerdem werden dort die Kontakte für eine mögliche Coronanachverfolgung hinterlassen“, sagte Klein dem Abendblatt.

In den vergangenen Wochen hatten zahlreiche Gastronomen ihre Terrassen mit Heizstrahlern und Zelten oder sogar Gewächshäusern ausgestattet – damit die Gäste auch in den Wintermonaten draußen sitzen können. „Diese Investition war umsonst“, so Klein.

Auf St. Pauli schlug Nachricht von der Schließung mit Wucht ein

Der Dehoga-Präsident ist besorgt. „Es wird jetzt sicherlich Menschen geben, die sich privat zum Kochen und Feiern treffen, auch wenn das nicht erlaubt ist. Dort werden dann keine Kontaktdaten festgehalten und das Virus kann sich weiter verbreiten, ohne dass die Gesundheitsbehörden davon etwas mitbekommen.“

Bei den Gastronomen auf St. Pauli schlug die Nachricht von der anstehenden Schließung mit Wucht ein. „Das ist eine absolute Katastrophe, furchtbar“, sagte Peter Kämmerer, Vorstand der Interessengemeinschaft St. Pauli, in der mehrere Hundert Betriebe aus dem Viertel organisiert sind. Er kündigte gleich rechtliche Schritte an.

"Gerade in dieser Phase nun ein fataler Schlag ins Kontor"

Bereits in der vergangenen Woche hatten unter anderem der Betreiber des Irish Pub, Thomas Reed, und der Gastronomie im Empire-Riverside-Hotel eine Klage gegen die Sperrstunde in Hamburg eingereicht. „Diese Klage werden wir nun auf die generelle Schließung im November ausweiten“, sagte Kämmerer. Bei Bars, Restaurants und Kneipen sei der Betrieb oft gerade erst gut genug wieder angelaufen, um die laufenden Kosten zu decken. „Das ist gerade in dieser Phase nun ein fataler Schlag ins Kontor.“

Auch auf St. Pauli zeigten sich längst nicht alle Vermieter rücksichtsvoll und verlangten von Gastronomen weiter die volle Miethöhe. Die bisherige Klage gegen die Sperrstunde wurde von 70 Betrieben unterstützt. „Das werden jetzt noch viel, viel mehr“, glaubt Kämmerer.

Sternekoch spricht von "völlig überzogener Entscheidung"

Zwei-Sterne-Koch Karlheinz Hauser (Seven Seas/Deck 7, Süllberg“ sprach von einer „völlig überzogenen Entscheidung“. Weniger als fünf Prozent der Infizierten hätten sich in der Gastronomie angesteckt. „Wir Gastronomen haben investiert, alle möglichen Vorkehrungen getroffen und halten uns strikt an alle Regeln.“

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt vor massiven Folgen für die Branche. Einen erneuten Lockdown könnten viele der rund 4000 Betriebe mit ihren mehr als 55.000 Beschäftigten in Hamburg nicht verkraften. Der Senat solle die Entscheidung für die Hansestadt überdenken. Skandale wie im Schanzenviertel stunden keineswegs für das ganze Gewerbe: Es dürfe nicht die ganze Branche pauschal geopfert werden.

"Galopper des Jahres" hätte ohnehin am Sonntag geschlossen

Tanja Viviani, Betreiberin des Cafés„Cucibar“ in Hoheluft-West sieht die Entscheidung weniger kritisch – so lange Außer-Haus-Verkauf erlaubt ist. „Wir hatten ohnehin noch nicht wieder geöffnet und nur draußen Tische stehen gehabt. Die holen wir dann eben wieder rein“, sagt sie. Da immer noch viele aus der Nachbarschaft im Homeoffice arbeiten, ist sie optimistisch, dass ihr Mittagstisch weiter gut angenommen wird.

Schanzenwirt Gerrit Lerch sagt, er hätte seinen „Galopper des Jahres“ ohnehin am Sonntag geschlossen, weil es betriebswirtschaftlich einfach sinnvoller sei. „Für mich ist die Schließung zusätzlich besser. Die Psychobelastung des ständigen Umkonzeptionierens hat erst mal ein Ende.“ Seine Branche brauche jetzt die Solidarität aller Deutschen. „Ohne Subventionierung von Land und Bund gehen wir alle pleite.“

Auch Inhaber der "Ufer"-Weinbar hat sich auf Lockdown vorbereitet

Auch Steven Galling, Inhaber der „Ufer“-Weinbar am Isebekkanal in Eimsbüttel, hat sich bereits auf den Lockdown vorbereitet. Entscheidend dafür, wie groß der Schaden für die Betriebe am Ende sei, ist aus seiner Sicht der Vorschlag von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, kleineren Unternehmen bis 75 Prozent ihrer Umsätze im Vergleich zum Vorjahresmonat zu erstatten. Derzeit sei noch unklar, ob das „Ufer“ in den kommenden Wochen ganz schließt oder Pakete zum Mitnehmen anbietet.

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„Mit dieser Schließung müssen wir Gastronomen mit einem vorbildlichen Hygienekonzept für die Ignoranz einiger schwarzer Schafe büßen“, sagt Sophia Behr vom Restaurant eisundsalzig in Langenhorn. Sie habe Luftfilter und Trennwände für den Innenraum gekauft und Heizstrahler für die Terrasse bestellt, um ihren Gästen höchstmögliche Sicherheit bieten zu können. „Nun stehen wir da mit Investitionen, die sich erstmal nicht amortisieren werden.“

Direktor des Hotels Vier Jahreszeiten: "Großer Fehler der Politik"

Auch im Luxushotel Vier Jahreszeiten müssen das Haerlin, der Jahreszeiten Grill und der japanisch-peruanische Gourmettempel Nikkei Nine schließen. „Das ist ein großer Fehler der Politik und hat katastrophale Auswirkungen auf die Branche. Wir setzen im Vier Jahreszeiten ein stringentes Hygienekonzept um und haben alles für die Gesundheit unserer Gäste getan“, sagte Direktor Ingo C. Peters dem Abendblatt.

Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Politik bei den Schließungen keine Differenzierung zwischen den unterschiedlichen gastronomischen Betrieben mache. Eine Shisha-Bar oder eine Pommesbude würden einem Nobelrestaurant gleich gesetzt.

Im Vier Jahreszeiten müssen jetzt wieder viele Mitarbeiter in Kurzarbeit, aber das Hotel stockt das Kurzarbeitergeld auf 100 Prozent auf.

Interaktive Karte: Das Coronavirus in Deutschland und weltweit

Entsetzen im Duvenstedter Restaurant Lenz

Leslie Himmelheber vom Duvenstedter Restaurant Lenz ist entsetzt und sprachlos. Die Restaurants seien nicht die Orte der Ansteckung. Auch Stephan von Bülow, Vorsitzender der Geschäftsführung Block Gruppe kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. „Die Hotellerie und Gastronomie hat in den vergangenen Monaten wirksame und sichere Hygienekonzepte eingesetzt. Wir haben viel in Trennwände, Belüftungsanlagen und moderne Technik investiert, um den sicheren Aufenthalt für unsere Gäste zu gewährleisten. All das wird außer Acht gelassen.“

Gastronom Dirk Block (L´Osteria, SoHo Chicken, Trattoria Brunello) ist „tief betroffen von diesem zweiten Lockdown für die Gastronomie“. Dafür habe er kein Verständnis. „Wir haben alle viel Geld in Hygienekonzepte investiert“, sagte Dirk Block dem Abendblatt. Die L’Osteria werde wieder einen Außer-Haus-Verkauf anbieten.

Bullerei-Chef: Differenzierung der gastronomischen Betriebe notwendig

Patrick Rüther und Tim Mälzer hatten ihr Restaurant Bullerei erst am 3. Oktober nach einer Totalsanierung wiedereröffnet. „Es ist nicht zu verstehen, warum die Gastronomen so häufig pauschal in ein Schmuddelimage gedrängt werden. Das ist nicht fair“, sagt Patrick Rüther: Auch er spricht sich für eine „Differenzierung der gastronomischen Betriebe aus.

Stephan von Bülow, Vorsitzender der Geschäftsführung Block Gruppe, sagte:„Die Entscheidung ist nicht nachvollziehbar. Das Infektionsgeschehen findet nicht im Gastgewerbe statt. Die Hotellerie und Gastronomie hat in den vergangenen Monaten wirksame und sichere Hygienekonzepte eingesetzt. Wir haben viel in Trennwände, Belüftungsanlagen und moderne Technik investiert, um den sicheren Aufenthalt für unsere Gäste zu gewährleisten. All das wird außer Acht gelassen.“