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Zwei Amerikanerinnen – und wie sie die Wahl sehen

| Lesedauer: 6 Minuten
Sophie Laufer
Beim Treffen auf dem Flottbeker Wochenmarkt legen Jiffer Bourguignon (l.) und Wendy Brown die Themen ihrer nächsten Podcasts fest.

Beim Treffen auf dem Flottbeker Wochenmarkt legen Jiffer Bourguignon (l.) und Wendy Brown die Themen ihrer nächsten Podcasts fest.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

In einem Podcast aus Hamburg diskutieren Jiffer Bourguignon und Wendy Brown über die Lage in der Heimat – und werden auch persönlich .

Hamburg.  Nein, müde sehen die beiden am frühen Morgen nicht aus. Dabei sind Jiffer Bourguignon und Wendy Brown seit 3 Uhr wach, haben die letzte TV-Debatte zwischen Joe Biden und Donald Trump im Fernsehen gesehen. „Man ist direkt danach erst einmal aufgekratzt“, sagt Jiffer Bourguignon. „Die Gewinnerin des Abends war eindeutig Moderatorin Kirsten Welker“, sagt Wendy Brown. Ansonsten seien beide überrascht gewesen, wie vernünftig das Duell zwischen dem US-Präsidenten und seinem Herausforderer gelaufen sei – und dass endlich einmal über wirkliche Inhalte der Politik gesprochen wurde. Besser spät als nie.

Jiffer Bourguignon und Wendy Brown sind Amerikanerinnen – und Hamburgerinnen. Sie leben seit vielen Jahren in der Stadt, blicken von hier aus auf ihre Heimat und jetzt natürlich besonders auf die Wahl. In ihrem Podcast „Amerika übersetzt: Der Talk zur US-Wahl 2020“ ordnen sie das Geschehen jenseits des Atlantiks seit gut einem halben Jahr ein. Kommentieren, erklären und diskutieren mit ihren amerikanischen Familienangehörigen, von denen zumindest einige Trump-Anhänger sind.

Für die Menschen in Hamburg ist es schwer zu verstehen, dass man Trump unterstützen kann

Entstanden ist die Idee zu dem Format aus Gesprächen mit deutschen Freunden. „In den vergangenen Jahren wurden wir beide immer wieder auf die amerikanische Politik angesprochen“, sagt Wendy Brown. „Das ist interessanterweise oft das erste Thema, wenn ein Gesprächspartner hört, dass man aus den USA stammt.“ Besonders zugenommen habe das Interesse an der US-Politik, seit Donald Trump Präsident sei. „Für die Menschen in Hamburg ist es schwer zu verstehen, dass man Trump unterstützen kann“, sagt Jiffer Bourguignon. „Deshalb wollen wir versuchen, in deutscher Sprache Amerika und seine Wahl zu erklären.“

US-Wahl: Die Republikaner verlieren den Senat, glaubt Trump
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Die beiden Frauen treffen sich jeden Sonnabendmorgen bei einem Kaffee auf dem Wochenmarkt, um die aktuelle Entwicklung des Wahlkampfes zu diskutieren und das neue Podcastthema festzulegen. „In den Tagen danach lesen wir uns noch mehr ein, sammeln Informationen. Und zeichnen dann dienstags die neue Folge auf“, sagt Jiffer Bourguignon, die seit vielen Jahren als Wahlbeobachterin für die OSZE tätig ist. 20.000-mal wurde der Podcast bereits heruntergeladen. „Wir sind mit den Zahlen sehr zufrieden“, so Wendy Brown. Ziel sei es nicht, Geld zu verdienen, sondern interessierten Menschen Amerika und die Wahl ein wenig näherzubringen.

Jiffer Bourguignon kennt viele Familien, die wegen der amerikanischen Politik zerstritten seien

Das immer wiederkehrende Element: die Väter von Jiffer Bourguignon und Wendy Brown, die beide überzeugte Republikaner und Trump-Wähler sind. Daraus ergeben sich einerseits unterhaltsame Momente, andererseits auch sehr traurige. „Mein Vater und mein ältester Bruder sprechen seit etwa einem Jahr nicht mehr miteinander“, sagt Wendy Brown, die einen Weinberg in Kalifornien betreibt. „Wenn du Trump unterstützt, dann unterstützt du auch seine Moral, habe ihr Bruder zum Vater gesagt, „und dann möchte ich erst einmal nichts mehr mit dir zu tun haben“. Brown weiß nicht, was nach der Wahl passiert. Es klingt so, als hoffe sie, dass mit einem Sieg Bidens auch in ihrer Familie wieder Frieden einkehrt. Sie selbst habe zumindest durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema mehr Verständnis für die Beweggründe ihres Vaters.

Jiffer Bourguignon kennt viele Familien, die wegen der amerikanischen Politik zerstritten seien. „Das ist wirklich schlimm“, sagt sie. „Ich diskutiere mit meinem Vater über Politik, seit ich Teenager bin. Damals fiel es mir schon schwer zu verstehen, warum er für die Republikaner gestimmt hat – jetzt noch viel schwerer.“ Dass er Trump wähle, passe so gar nicht zu ihm als Mensch. „Ich glaube nicht, dass er wirklich so ist. Also versuchen wir, das Thema mittlerweile nicht zu tiefgehend und emotional zu diskutieren.“

So sei ihr Vater auch schon als Gast in dem Podcast aufgetreten, um seine Meinung darzulegen. Einige seiner Argumente: Er stimme nicht für Trump, sondern für die Partei – für das Recht, seine Familie zu verteidigen. Um das Wachstum des Wohlstandes zu erhalten. Für eine Rückkehr der US-Truppen aus dem Ausland. Damit die Polizei respektiert wird. Und einiges mehr. Genauso sei aber auch ihr Stiefvater zu Gast gewesen, der als Afroamerikaner viel über den Rassismus im Land sagen könne.

Auch nach der Wahl am 3. November soll der Podcast weitergehen

Auch nach der Wahl am 3. November soll der Podcast weitergehen. „Es wird danach viele Themen geben, die wir diskutieren können, da sind wir ganz sicher“, sagt Wendy Brown. Bis in den Januar hinein, wenn der neue Präsident sein Amt antrete, wollen die beiden mindestens weitermachen. Danach schauen sie, was aus dem Podcast wird. Bleibt die Frage, wie die Wahl ausgeht? „Ich bin ein gebranntes Kind“, sagt Bourguignon. 2016 sei sie in den USA gewesen und habe den überraschenden Trump-Sieg live miterlebt.

„Und auch jetzt sehe ich bei meinen alten Highschool-Freunden in Wisconsin viele Trump-Anhänger. Das macht mich nachdenklich.“ Und Wendy Brown ergänzt: „Es gibt noch so viele Dinge, die schiefgehen können. Auch wenn die Umfragen gut für Biden aussehen, kann noch einiges passieren.“ Beide drücken allerdings für einen Wechsel im Weißen Haus fest die Daumen. „Alles andere wäre wirklich schlimm.“

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