Altona

270 Jahre alter Hamburger Baum gehört jetzt zum Nationalerbe

Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg und Prof. Andreas Roloff vor dem Bergahorn im Hirschpark. Sein Stamm hat 5,50 Meter Umfang

Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg und Prof. Andreas Roloff vor dem Bergahorn im Hirschpark. Sein Stamm hat 5,50 Meter Umfang

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Er überstand Stürme und Kriege: Ein Bergahorn im Hirschpark wurde nun als sechster Baum bundesweit ausgezeichnet.

Hamburg.  Es muss um das Jahr 1750 gewesen sein, als sich auf einer Altonaer Viehwiese ein junger Baum zum Licht reckte. Zu jener Zeit, da in Preußen Friedrich der Große regierte und sich das dänische Altona vom Bauernort zur Gewerbe- und Handelsstadt entwickelte, setzte das kleine Exemplar (Acer pseudoplatanus) immer neue Zweige und Blätter an. Der Bergahorn sollte fortan alle Krisen überstehen – Krankheiten, Stürme und zwei Weltkriege.

Am Freitag wurde jenem gut 270 Jahre alten Baum im heutigen Hirschpark Nienstedten höchste Ehre zuteil: Ab sofort genießt er ganz offiziell den Status eines „Nationalerbe-Baums“. Bislang tragen überhaupt nur fünf imposante Bäume in Deutschland diesen Titel, darunter die Dicke Linde in Heede (Emsland). Sie bringt es auf einen Stammumfang von immerhin 17 Meter.

Hamburger Baum ist der sechste auf der Liste

Der Hamburger Bergahorn mit 5,55 Metern Umfang ist der sechste auf der Liste. Ab sofort weist im Hirschpark, in unmittelbarer Nähe zur romantischen Lindenallee, eine Tafel auf diesen 23. Oktober 2020 und das Versprechen der Menschen hin, den bei Spaziergängern beliebten Baum ein „Alter in Würde“ zu ermöglichen. Das bedeutet: Expertenpflege vom Feinsten und regelmäßige Check-ups mit Schönheitskorrekturen.

Altonas Bezirksamtschefin Stefanie von Berg (Grüne) und der Forstbiologe Professor Andreas Roloff vom Kuratorium Nationalerbe-Bäume standen unter der herbstlich gefärbten, 36 Meter breiten Krone, um die Gedenktafel zu enthüllen. Und jenen Bürgern zu danken, die sich – wie der Baumpfleger Uwe Thomsen – dafür einsetzten, dass er dem Kuratorium als Nationalerbe-Kandidat gemeldet wurde.

"Eine Legende in Hamburg"

Offensichtlich fühle sich dieser Baum wohl, er sei weder krumm noch windschief, sondern „eine Legende in Hamburg“, sagte Bezirksamts-Chefin von Berg, sichtlich stolz darauf, dass das biologische Wahrzeichen zu Altona gehört. „Nun geht es darum, diesen Baum in Würde altern zu lassen.“ Schließlich könne er bis zu 500 Jahre alt werden. Die heutige Gesellschaft habe eine Verantwortung für solche Bäume, um sie für künftige Generationen zu erhalten, so Stefanie von Berg.

Professor Roloff, der an der TU Dresden Forstbotanik und Forstzoologie lehrt, berichtete von der eindrucksvollen Anpassungsfähigkeit dieser Bäume, die ihnen auch ein Überleben während des Klimawandels garantieren könnten.

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Insgesamt sollen in Deutschland 100 sogenannte Uralt-Bäume mit der neuen Kategorie „Nationalerbe-Baum“ in Kooperation mit der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung ausgezeichnet werden. Gemeint sind damit jene Bäume, die bereits über einen Stammumfang von mindestens vier Metern verfügen. Sie müssen darüber hinaus zu jenen Baumarten zählen, die mehr als 500 Jahre alt werden können, einzelne sogar bis zu 750 und 1000 Jahre. Dazu gehören unter anderem Eiben, Platanen, Riesenmammutbäume und Stieleichen. Der älteste lebende Baum der Welt mit einem durchgängig lebenden Stamm ist übrigens eine Langlebige Grannenkiefer im Hochgebirge Nevadas (USA) mit rund 5000 Jahren.

Das Holz des Bergahorns wird teuer gehandelt

Wie Prof. Roloff sagte, gibt es in Deutschland nur wenige wirklich alte Bäume, womöglich keinen einzigen, der mehr als 1000 Jahre alt ist. Eine Ursache dafür sei, dass viele Exemplare frühzeitig gefällt wurden, um sie zu verbrennen oder weiterzuverarbeiten. Das Holz des Bergahorns wird teuer gehandelt und dient zum Bau von Musikinstrumenten, beispielsweise von Geige und Fagott. Aber auch Stress-Einflüsse und Standortprobleme führten zu einer vorzeitigen Alterung oder gar zum Absterben der Bäume in Deutschland, so der aus Bremen stammende Forstbiologe.

Der neue Nationalerbe-Baum befindet sich in der Nähe des Tennisplatzes im 25 Hektar großen Hirschpark Nien­stedten an der Elbchaussee. Der Reeder Johan Cesar IV Godeffroy (1742–1818) hatte das frühere Landgut samt unscheinbarem Ahornbaum 1786 bei einer Auktion erworben. Zunächst folgte die Umgestaltung des Landgutes zu einem Gartenensemble im englischen Stil. Rhododendren wurden gepflanzt und Teiche angelegt. Dann kamen Erben auf die Idee, ein Wildgehege zu schaffen, in dem unter anderem Hirsche lebten.

So entstanden der Name „Hirschpark“ und ein Areal, das sich heute aus mehreren Parks, der alten Lindenallee und Gärten zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügt. Mitten drin und noch immer intakt: der rund 270 Jahre alte Ahornbaum. Für Andreas Roloff gehört er zur „oberen Liga der starken Bäume in Deutschland“.