Glamour-Metropole Hamburg: Stil, Design, Mode & mehr

Eine Auswahl aus  den neuen  Kollektionen,  zu sehen im  Showroom

Eine Auswahl aus den neuen Kollektionen, zu sehen im Showroom

Foto: MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Spezialitäten made in Hamburg – edle Strickmode aus Harvestehude, Schreibgeräte aus Rothenburgsort, Kosmetik aus Winterhude und mehr.

Hamburg. Spezialitäten made in Hamburg: In der ältesten Weinkellerei Hamburgs Heinr. von Have bekommt man Spirituosen mit Geschichte(n). Mit tiefen Augenringen wollte sich Jessica Hoyer nicht länger herumärgern: Sie entwickelte das Kosmetiklabel bynacht, das sich der Nachtpflege und Aromatherapie verschrieben hat. Inzwischen benutzt sogar Angelina Jolie die Produkte der Hamburgerin. Iris von Arnim ist weithin bekannt für edle Strickmode, Sohn Valentin führt seit elf Jahren die Geschäfte des Hamburger Modelabels. Stefan Fink übt eine präzise Handwerkskunst aus, die Geduld und Ruhe erfordert – und so besonders ist, dass seinetwegen sogar Prinzessinnen aus Fernost nach Hamburg reisen. Außerdem: Sieben stilvolle Adressen.

Lesen Sie hier die einzelnen Teile:

Teil 1: Hanf-Affen, Glitzer-Likör und Sloe Gin

Seit 1868! Sieht gar nicht alt aus, das Ladengeschäft am Sachsentor 32. Doch wer das Kunststück vollbringt, ohne spontan aufflammenden Durst oder Appetit an den ausgesuchten Weinen, Gins, Ölen, Schokoladen und anderen köstlichen Produkten vorbeizukommen, und sich rechts hält, der steht vor einem Stück Mauer hinter Plexiglas und denkt: Junge, Junge. Sollte es irgendwann einmal eine Ausstellung über große hanseatische Kaufmannstradition geben, müsste man diese Wand rauskloppen und präsentieren.

Denn dort direkt auf das Gemäuer schrieb der alte Wilhelm von Have nieder, wie viele Flaschen verschiedener Spirituosen er in welchem Jahr auf Lager hatte. 1927 waren es beispielsweise 15 Flaschen Mohren Rum, 1935 zwölf, und 1940 stieg die Zahl auf 969. Krieg. Worin ertrinken Sorgen?

Der Laden erscheint wie eine perfekte Visitenkarte

Mit den Besatzungstruppen wurden die Lagerbestände restlos dezimiert. Eine Inventur in Stein. Auch die alte Uhr (müsste mal gestellt werden) des Weinküfers und die historischen Weinlager befinden sich im Geschäft. Ansonsten erscheint der Laden wie eine perfekte Visitenkarte. „Er soll nicht wie eine alte Weinkellerei wirken – auch wenn wir das sind“, sagt Christoph von Have, der das Unternehmen seit fünf Jahren alleine führt. Wie Wein und Spirituosen gemacht werden, das bekam der Bergedorfer als Kind nebenbei zu Hause mit; wie Einzelhandel funktioniert, das lernte er beim Schuhhaus Görtz. Die alten Stoff­tapeten an der Wand und die Neonröhren unter der abgehängten Decke mussten raus, als er das Ruder übernahm, das wirkte nicht mehr charmant.

Doch das Büro seines Vaters Horst zwei Stockwerke über dem Geschäft, das ließ der Junior genau so. „Eigentlich sitze ich hier nie, ich bin immer drüben bei meinen Mitarbeitern“, sagt von Have. Das Büro könnte komplett so eingepackt und in die eingangs erwähnte Ausstellung verfrachtet werden. Tatsächlich fanden schon Filmarbeiten hier statt, weil eine Produktionsfirma so begeistert war über die Zeitreise in die Vergangenheit, die man in diesem Altbau erlebt. In der Schrankwand aus den 40ern stehen Bücher, die von der „Technologie des Weins“ über „Stauffenberg“ bis zu Marx’ Frühschriften reichen. An der Wand hängen gerahmt die erteilte Wirtschaftskonzession aus dem Jahr 1849 sowie ein Zeppelin-Fahrschein des alten Firmenchefs für den 16. September 1936 mit der „Hindenburg“. Acht Monate später ging das Luftschiff in Flammen auf.

16.000 Flaschen Rotspon werden inzwischen jährlich verkauft

„Viel passiert hier“, sagt Christoph von Have, der zwar nicht so gerne am alten Schreibtisch des Vaters sitzt, sich aber umso mehr mit ihm austauscht. Eine seiner besten Ideen sei der Rotspon aus Hamburg gewesen, findet sein Sohn. Mit Rotspon bezeichnet man Rotweine französischen Ursprungs, die vor allem im 13. Jahrhundert auf den Koggen über das Meer in die Hansestädte gebracht und in einer Kellerei auf Flaschen gezogen wurden. Kellermeister Horst von Have wollte diese Tradition wieder aufleben lassen und erhielt vom Hamburger Senat die Genehmigung, dass sein Wein das alte Wappen der Hansestadt Hamburg tragen darf. (Übrigens: Im alten Wappen kann man den Löwen in den Schritt gucken, im neuen nicht.)

Jedenfalls hatte seine Idee Erfolg, 16.000 Flaschen Rotspon werden inzwischen jährlich verkauft, und tatsächlich sieht man draußen zwei Lieferungen im Stahltank, die darauf warten, in Holzfässer gefüllt zu werden. Der Geschmack solle so sein, dass er „auf dem Geburtstag der 80-jährigen Dame auch dem 18 Jahre alten Enkel schmeckt“, erklärt der Chef. „Wir wollen also eine schöne Reife, aber kein Barrique.“

Mit Corona-Frisur ständig neue Rezepturen entwickeln

Die Fässer lagern hinten im Speicher, wahrscheinlich dem einzigen funktionsfähigen Speicher außerhalb der Speicherstadt mit Gewinde und Kranhaken und allem Pipapo. Daneben eine alte Flaschenspül- und eine Handkork-Maschine. Beides findet man in der Produktion im Keller auch in einer moderneren Variante, aber selbst die fällt aus der Sicht einer Hightech-Abfüllung schon bald in die Abteilung Rarität. „Wir haben kein Fließband, das Fließband sind wir selbst“ sagt von Have. Wenn unten im Keller Flaschen verkorkt werden, dann spürt man das im Laden drüber unten den Füßen, so sehr rummst es.

Betriebswirtschaftlich macht diese Art der Produktion überhaupt keinen Sinn mehr. Viel zu viel teure Handarbeit. Bis der Wein im Laden steht, wurde die Flasche 18-mal angefasst. Außerdem ist es heutzutage schwer, losen Wein zu bekommen, und von Fasspflege hat auch kaum einer mehr Ahnung. Schnell entwickeln sich Fehltöne, da schmeckt der Wein plötzlich wie Essig, und 3000 Flaschen am Tag mit der Hand abfüllen, das schafft körperlich nicht jeder. Doch die älteste im Familienbesitz befindliche Weinhandlung und Weinkellerei der Stadt hält daran fest. „Weil es Spaß macht und es sonst keiner mehr machen würde“, so der Betriebswirt – und weil das Unternehmen noch ein paar Bestseller in der Hinterhand hat.

Christoph von Have entwickelt wie ein Koch ständig neue Rezepturen

Die Firma Heinr. von Have begriff früh, dass man mit Auslandsweinen alleine nicht weit kommt, das Sortiment umfasst deshalb auch Spirituosen und Destillate aus eigener und fremder Produktion. Von Have verkauft diese nicht nur im eigenen Laden, sondern beliefert auch die Gastronomie, Hotels und den Einzelhandel. „Ohne unsere verschiedenen Standbeine hätten wir dieses Jahr nicht überlebt“, sagt der 51 Jahre alte Chef, der, wie er sagt, eine „Corona-Frisur“ trägt. Sein Friseur, der direkt neben dem Aufgang zum Speicher seinen Salon führt, musste wegen der Pandemie schließen. Irgendwann waren die Haare des Manufaktur-Besitzers so lang, dass seine Tochter sagte: „Jetzt kannst du dir schon einen Zopf binden.“ Tat der Papa. Als der Friseur wieder öffnete, ließ er den Zopf dran und rasierte nur die Seiten ab. Sieht ein bisschen wild aus. „Passt zu den Zeiten“, findet er.

Christoph von Have entwickelt wie ein Koch ständig neue Rezepturen, in den letzten drei Jahren waren es allein zwölf neue Gin-Sorten, darunter ein Sloe Gin von der Schlehe, ein „Luv Lee“ Hanseatic Dry Gin sowie ein „German Gin“. Es entstanden ganz neue Produkte wie „Warlich Rum“ nach der Hamburger Kiez-Legende Christian Warlich. Die Flasche zieren sehr eindrucksvolle Zeichnungen des „Königs der Tätowierer“, da bekommt ein Teufel beispielsweise ein Messer in den Kopf gerammt. Alte Rezepte erhielten eine Neuauflage („Eis-Melone-Likör“), und in Zusammenarbeit mit Uwe Christiansen, dem Inhaber der Bar Christiansen, entstand eine ganze Spirituosenlinie „Christiansen’s“ aus Pfirsichlikör, Kaffeelikör, Melonenlikör, Lycheelikör und mehr.

„Am Alkohol hängt der teure Preis - aber auch der Geschmack!“

Sehr gut gefällt dem Firmeninhaber selbst „Mr. Sam Buca“ (auffällige rote Flasche), der nicht so viel Anis enthält wie beim Griechen, wenn man beim ersten Ouzo vor Schreck den Mund verzieht. Besonders stilvoll im Design ist auch ein Pfefferminz-Likör, der wie ein Fahrgeschäft auf dem Dom heißt („Green Twister“) und grün glitzert, wenn man ihn schüttelt. Für ein Lächeln sorgt auch der „Funky Monkey Hanf Gin“, bei dem Affen durch eine Hanfplantage klettern. Trinken muss Freude bereiten, sonst macht man es falsch oder übertreibt.

Der Renner ist aber nach wie vor der Ostereierlikör. Von anfangs 1000 Flaschen gehen inzwischen 20.000 Flaschen in sechs Wochen weg, das Produkt wurde mit der Goldmedaille beim ISW (Internationaler Spirituosenwettbewerb) ausgezeichnet. Das Geheimnis des Genuss-Erfolgs? Trotz der hohen Branntweinsteuer bei der Herstellung nicht am Alkohol sparen, rät der Spirituosen-Experte, dessen Eierlikör nie unter 17 Volumenprozent haben darf: „Am Alkohol hängt der teure Preis - aber auch der Geschmack!“

Teil 2: Schönheit im Schlaf

Heute Morgen wurde Jessica Hoyers Auto abgeschleppt. Wir sitzen in ihrer Altbauwohnung an der Sierichstraße, sehr aufgeräumt, sehr fotogen, und die Hausherrin gönnt sich ihr, wie sie sagt, „einziges Laster“: Cola Zero. Die 39-Jährige erzählt lachend, wie sie erst mal zum Südring musste, um den Wagen zurückzuholen. Andere wären irre schlecht gelaunt, Hoyer hingegen bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Mit 19 arbeitete sie bereits an der Seite von Filmbossen aus Hollywood, sie führte eine eigene Werbeagentur und schlief jahrelang nur vier Stunden am Stück. „Ein abgeschlepptes Auto stellt wirklich keine bad news dar“, sagt sie. „Bad news wären, wenn das Finanzamt vor deiner Bürotür steht und alles mitnimmt.“

Für diesen und andere ungewöhnliche Fälle ist es ratsam, ausgeschlafen zu sein. Das war Jessica Hoyer viele Jahre lang nicht, und aus dem für sie immer größer werdenden Problem entstand ein Unternehmen mit nunmehr 15 Angestellten, fünf davon arbeiten in den USA. Seit drei Jahren ist das Kosmetiklabel bynacht am Markt, doch voraus gingen sieben Jahre Recherche, die Hoyer neben ihrem Job als Werberin betrieb. Achtmal im Monat war sie nach Los Angeles hin und zurück gejettet, die junge Frau fühlte sich wie ein Geist und sah auch so aus.

Ihre Mutter, eine Aromatherapeutin, schlug vor, ihr einen Schlafbalsam aus ätherischen Ölen zu mischen. Jessica Hoyer hielt Aromatherapie damals für Quatsch, für Kräuter-Zauberei, doch wider Erwarten funktionierte die Naturheilkunde. Ein Traum!

18 verschiedene Hautpflegeprodukte hat ihre Kosmetik-Firma bereits entwickelt

Also las Hoyer wissenschaftliche Studien, lernte alles über Inhaltsstoffe, sprach mit Dermatologen, Aromatherapeuten und Schlafforschern, holte sich von überall und jedem Expertise. „Inzwischen bin ich halber Apotheker“, sagt Hoyer. 18 verschiedene Hautpflegeprodukte hat ihre Kosmetik-Firma bereits entwickelt, sie beruhen alle auf der Annahme, dass Schönheit und Schlaf untrennbar miteinander verbunden sind. Denn während unser Geist die Augen schließt, kommt unsere Haut erst so richtig auf Touren.

Nachts verdoppelt sich die Zellregenerationsrate, die Aufnahmefähigkeit für aktive Wirkstoffe steigt deutlich an. Carpe noctem! „Ich wollte etwas auf den Markt bringen, bei dem der Kunde gleich am nächsten Morgen Ergebnisse sieht, nicht erst nach Wochen“, sagt Hoyer, die mit diesem Ansatz bei der Entwicklung aus den Laboren immer nur hörte: „Oje, das wird teuer.“

Sie verfolgt immer Plan A, einen Plan B gibt es nicht

Man kann beispielsweise 100 Prozent ätherische Öle benutzen oder die viel günstigeren minderwertigen Öle. Nur die würden dann gar nichts bewirken, erklärt Hoyer, die auf eine extrem hohe Wirkstoffkonzentration setzt. Trotz oder gerade weil die Gründerin ursprünglich aus der Werbung kommt, weiß sie: „Gib dem Kind einen guten Namen, dann verkauft es sich. Aber das Produkt muss auf Dauer etwas können, sonst kauft dich keiner wieder.“

Anscheinend kann bynacht etwas, denn obwohl die Firma erst seit drei Jahren besteht, wird sie von absoluten Top-Playern vertrieben wie Niche Beauty und Net-a-Porter. Zu dem Onlineversandhaus für Luxus-Label reiste die Hamburgerin allein sechsmal nach New York und London. Von nichts kommt nichts. „Es wartet niemand auf dich. Du darfst nicht lockerlassen und musst als Gründer selbst ran und deine Idee erklären“, sagt Hoyer, die 100 Stunden pro Woche arbeitet, vor Corona 190 Tage im Jahr unterwegs war und im Gründungsjahr mehrere Jobs gleichzeitig übernahm: Produktentwicklung, Vertrieb, Marketing etc. Das habe sie in der Schnelligkeit ein wenig überrollt, gibt sie zu, doch im Grunde passt das Tempo genau zu ihrem Typ: „Mein Naturell ist Go!“

Der Einsatz führte zum Erfolg. In diesem Geschäftsjahr steigerte sich der Umsatz von bynacht um 140 Prozent, trotz der Pandemie. Sie seien durch Corona durchgesegelt „wie ein Schiff auf Speed“, sagt Hoyer, was sicher auch daran liegt, dass sie vor allem auf das Onlinebusiness setzt. In einigen Städten gibt es die Produkte allerdings auch im stationären Handel, gerade laufen Gespräche mit einer Hamburger Top- ­Adresse. Bei dieser Verhandlung sowie bei anderen Zielen verfolgt die Geschäftsführerin stets Plan A. Einen Plan B hat sie nie. Und sie hört nicht auf Leute, die sich in der Branche nicht auskennen. „Wenn du eine Reise machen willst, dann such dir keinen Rat von Leuten, die nie ihr Zuhause verlassen“, sagt Hoyer.

Die Coolness schaute sie sich von den Hollywood-Bossen ab

Die Coolness schaute sie sich von den Hollywood-Bossen ab. Als Account Managerin für den Kunden Dreamworks betreute Hoyer die bundesweiten DVD-Starts des Filmgiganten und tourte mit Jeffrey Katzenberg und Max Goldberg durch die Gegend. Einmal hatte sie einen Maserati gemietet, weil Goldberg in Deutschland so gerne Autobahn fuhr.

Die beiden waren spät dran, sie wollten unbedingt einen ICE erwischen, fanden aber die Sixt-Rückgabe-Station am Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht. Goldberg wies die erst 19 Jahre alte Jessica an: „Lauf hoch und sag dem Zug, er soll warten, ich bring das Auto weg!“ Jessica traute sich nicht zu sagen, dass deutsche Züge eher nicht auf Reisende warten, egal wie wichtig sie sein mögen. Also ging sie eher hoffnungslos auf den Bahnsteig, doch in letzter Sekunde kam auch Goldberg gerannt. „Wie toll“, rief Jessica. „Du hast den Parkplatz noch gefunden!“ Er antwortete: „No, i didn’t.“

Der Filmboss hatte den Maserati einfach irgendwo abgestellt und die Schlüssel unter der Matte gelassen. Sixt sei selbst schuld, sie hätten ihre Station schlecht ausgeschildert. Also musste die junge Frau Hoyer beim Vermieter anrufen, die Dame am anderen Ende der Leitung rastete fast aus: „Frau Hoyer, Sie wollen mir jetzt erzählen, dass ein 160.000-Euro-Wagen irgendwo unabgeschlossen bei einem Parkplatz in der Nähe eines Aldis in Düsseldorf steht?“ Sie habe viel Resilienz in der Zeit erlernt, glaubt Hoyer, die durch ihren Job viele Prominente kennenlernte.

Die Kontakte zu Hollywood kamen ihr bei der Gründung von bynacht zugute

Für ihre Kunden verhandelte sie Testimonial-Verträge mit Paris Hilton, Heidi Klum, Seal und verschiedenen Boybands; sie fuhr jemanden wie Barbara Schöneberger zum Videodreh. Die Kontakte zu Hollywood kamen ihr bei der Gründung von bynacht wieder zugute. Kürzlich erhielt sie eine Nachricht von einem Make-up-Artist: „Angelina is now a bynacht-girl.“ Jessica Hoyer fiel fast vom Stuhl. Eine Oscar-Preisträgerin cremt sich abends mit ihren Produkten ein. Die Nachricht hat sich die Firmenchefin an ihre Pinnwand gehängt, für Tage, die nicht ganz so geschmeidig laufen.

Jessica Hoyer schaut auf ihr Handy. 6274 ungelesene Mails. Die wird die Unternehmerin lesen und beantworten, wenn abends ihr kleiner Sohn im Bett ist. Es sei ein Trugschluss zu glauben, man könne alles haben. Als Gründerin müsse man Abstriche akzeptieren, sagt Hoyer: „Ich arbeite und bin Mama. Es gibt nur das.“ Freundinnen sieht sie selten; wenn sie es am Wochenende schafft, mal eine Zeitschrift zu lesen, kann sie sich schon feiern.

Viele Frauen würden sich komplett überfordern durch den Anspruch, einen ausfüllenden Job, ein tolles Sozialleben, ein super Zuhause und ein perfektes Aussehen gleichzeitig haben zu wollen. „Dann backst du auch noch die Muffins selbst, hast jede Woche eine romantische Date-Nacht mit deinem Mann, gehst regelmäßig zum Sport, und deine Kinder tragen weiße, nie dreckige Klamotten?“, fragt Hoyer. „Das ist doch nicht das Leben!“

Teil 3: Zwei, die sich auch mal in die Wolle kriegen

Die beiden zusammen sind wie Yin und Yang. Der eine sagt etwas, der andere denkt ganz anders darüber. Ob man die vielen prominenten Fans marketingtechnisch nutze, etwa.

„Machen wir gar nicht“, glaubt sie. „Natürlich tun wir das“, entgegnet er. Ein Gespräch mit Iris und Valentin von Arnim ist wie ein Tennismatch. Spannend, unterhaltsam, und bei bestimmten Themen dreht man seinen Kopf von einem zum anderen, denn es geht hin und her. Doch im Grund stehen die beiden auf derselben Seite des Platzes.

Die Gegner heißen in Wirklichkeit Zara oder H&M oder sind andere große Modefirmen, gegen die ein mittelständisches Familienunternehmen nur gewinnt, wenn es richtig gut auftritt. Und das Mixed Yin und Yang spielt schon lange in der Weltspitze. Sie war Hippie, er war Banker. Für die Kreativchefin ist das Glas immer halb voll, für den Geschäftsführer halb leer. Ideale Kombination.

Er, der Sohn, sitzt pünktlich an einem aufgeräumten schwarzen Schreibtisch. Sie, die Mutter, kommt etwas später mit einer Thermoskanne Tee („sehr plörrig!“) hinein und öffnet die Fenster, um rauchen zu können. Ihr Haus, ihre Regeln. Der Sohn arbeitet in ihrem alten Büro, das unter seinem alten Kinderzimmer liegt. Die Mutter hat ihren Schreibtisch jetzt in der Nähe der fünf Designerinnen im zweiten Stock und wohnt unter dem Dach in einem Penthouse mit Faltdach. Wenn sie möchte, könnte der Himmel direkt auf sie fallen. Unten im Garten sitzen die Mitarbeiter beim Lunch. Die Firma war schon immer das Zuhause, oder verhält es sich umgekehrt? „Ein bisschen mehr Abstand wäre manchmal sinnvoll“, sagt Valentin.

Immerhin scheint es praktisch, wenn man schnell oben in der Wohnung der Mutter anrufen kann, ob sie kurz vorbeischaut. Dann fährt die 75-Jährige mit dem Fahrstuhl runter, und man erlebt so einen Moment wie in einer guten Serie: Die Türen öffnen sich, die Kaschmir-Queen betritt das Office.

Was viele jedenfalls erst durch Corona kennenlernen, praktiziert Iris von Arnim bereits seit 1989. Da bezog sie die Altbauvilla in Harvestehude. Noch während der Schwangerschaft hatte sie sich von Valentins Vater getrennt, sie war alleinerziehend, doch hatte eine geniale Idee, eigentlich waren es sogar zwei: 1. Strick in schick. In den 70ern trug man Strick nur gegen Kälte. „Das hatte noch nichts mit Mode zu tun, kein Designer nahm je Strick in die Hand,“ erklärt Iris von Arnim. Die junge Frau hatte sich das Stricken aus Langeweile beigebracht, weil sie nach einem Autounfall längere Zeit im Krankenhaus verbringen musste.

Geniestreich Nr. 2: changierende Farbverläufe. Sie strickte einen Pullover in 13 ineinanderverlaufenden Farben. Der legendäre Regenbogen-Pulli legte den Grundstein für den Erfolg des Unternehmens. Innerhalb kürzester Zeit riss man ihn ihr aus der Hand, zunächst in Hamburg, von sie 1976 in einem Hinterhof am Großneumarkt einen kleinen Laden eröffnete, dann auf Sylt, wo sie während des Sommers als Store-Managerin arbeitete und ihre Teile mitverkaufen durfte. In Kampen urlaubte genau die Klientel, die 350 D-Mark für ein Kleidungsstück auszugeben bereit war. „Meine Pullis waren plötzlich das, was man heute ein ,It Piece‘ nennt“, sagt von Arnim, die zuvor schon Reiseverkehrskauffrau, Fotografin und Journalistin gewesen war. Sie hatte jeden Job bekommen, den sie wollte – wurde allerdings genauso schnell wieder gefeuert.

Doch nun war eine Leidenschaft in ihr geweckt. „Manchmal dauert es ein bisschen, doch dann findet man etwas im Leben, das man besonders gut kann“, sagt die Designerin, die aus ihrem Hobby eine Geschäftsidee entwickelte. Mit dem Erfolg kam die Professionalität. Die Autodidaktin entwarf eine erste Kollektion für Kunden wie Eickhoff, pauste Bilder ab für neue Motive. „Kein Picasso oder Matisse war vor mir sicher“, sagt die Modeschöpferin. Rückblickend bezeichnet sie das als ihre „Bad-Taste-Phase“. Mutter und Sohn lachen. Über Geschmack lässt sich streiten, doch den Chinesen gefielen ihre Designs so gut, dass sie sie kopierten, industriell als Massenware herstellten, plötzlich rannten Tausende von Menschen in bunten Pullis herum. Da wusste die Hamburgerin: Ich muss etwas anderes machen.

Mitte der 80er-Jahre konzentrierte sie sich ganz auf Kaschmir und setzte auf höchste Qualität. Dieser Linie ist das Unternehmen bis heute treu geblieben. Es designt nicht für den Moment, für den Effekt, den Post auf Instagram. Den von Arnims geht es nicht um die Inszenierung, sie wollen „Lieblingsteile“ herstellen. Stücke, die sich durch Wert­beständigkeit auszeichnen. „Auch in fünf Jahren sollen sie kein Schnee von gestern sein“, so von Arnim.

Die Langlebigkeit des Produktes verdankt es seinem Material. Kaschmir zählt zu den edelsten Naturfasern, nichts fühlt sich so weich an, kein anderes Material führt zu so brillanten Farben. Auch hier gibt es meilenweite Qualitätsunterschiede. Iris von Arnim hat sich für das Luxus-Segment entschieden, ihre Pullover kosten ab 800 Euro, halten dafür bei guter Pflege mehrere Generationen. Das hochwertigste Kaschmir (englisch: Cashmere) kommt aus Hochländern Asiens, aus China und der Mongolei. Je höher und karger die Region, desto mehr wärmendes Unterhaar entwickelt eine Ziege.

Im Herzen noch Hippie, aber nicht mehr alles auf eine Karte

Dennoch: Von einem Tier erhält man durch Auskämmen während des Haarwechsels nur Flaum für zwei Pullover im Jahr. Das Material ist also nicht endlos multiplizierbar. Verarbeitet wird es zu 80 Prozent in Italien, doch auch in Deutschland und Polen beschäftigt das Modehaus einen ausgewählten Kreis von Handstrickerinnen.

Es gibt nur noch wenige inhaber­geführte Modehäuser in Deutschland; ohne die Spezialisierung und die unverwechselbare Handschrift seiner Mutter hätte das Unternehmen nicht überlebt, glaubt Valentin von Arnim: „Als Generalist hätte man keine Chance gegen die großen Player. Wir müssen im Produkt viel besser sein, weil wir marketingtechnisch nicht gegen sie ankommen.“ Der Geschäftsführer wurde als junger Mann ins kalte Wasser geschmissen. 2006 fragte ihn seine Mutter, ob er nicht in ihr Unternehmen einsteigen wolle. Onlineshops, die Digitalisierung, Social Media – Iris von Arnim ahnte, was die Zukunft von ihr verlangen würde, und sie kannte jemanden, dem sie zutraute, diese Aufgabe zu übernehmen.

Zu der Zeit arbeitete Valentin von Arnim in New York bei Goldman Sachs. Die Väter seiner besten Freunde waren alle Banker. Also wollte auch Valentin Banker werden. Doch als seine Mutter ihn um Hilfe bat, nahm er den nächsten Flieger. „Obwohl ich mit Mitte 20 lieber in New York geblieben wäre, da war es aufregender als in Hamburg“, sagt er. Heute, frisch verheiratet, liebt der 41-Jährige die Hansestadt.

Hätten Mutter und Sohn es noch einmal so gemacht? Iris von Arnim dreht an ihren drei goldenen Ringen. Sie sind von ihrer Mutter, die sie zu früh verlor. Vielleicht hätte sie ihrem Sohn erlauben dürfen, sich seinen Weg in der Mode erst in Paris oder zumindest außerhalb der eigenen Firma aneignen zu dürfen, überlegt sie. Das sei ein großes Thema, ergänzt Valentin. Wie in jedem Familienunternehmen enden nicht alle Konflikte in einem Konsens: „Doch unser Ziel ist das gleiche, und wir treffen große Entscheidungen stets gemeinsam.“

Iris von Arnim steht auf und zeigt in einem Nebenraum ein paar Teile aus der kommenden Saison. Wenn sie eine Kollektion entwirft (es gibt jetzt auch eine für Babys), dann denkt sie viel mehr als früher über die einzelnen Stücke nach. „Weniger ist mehr“, sagt sie. Die Modelle sollen länger ihren Raum haben, immer neu und anders sei gar nicht schöner, es ginge um leise Veränderungen. Nie langweilen und dennoch bei sich bleiben. Von Arnim hat – ein Glück – schon früh auf den Trend Nachhaltigkeit gesetzt, da kannte man das Wort noch nicht. Die 75-Jährige macht sich heute mehr Gedanken als zu der Zeit, „als man noch Fehler machen durfte“.

Was sie allerdings noch genauso gerne tut wie früher: in Kampen vor dem eigenen Laden sitzen, mit den Kunden sprechen und rauchen. Von gesund sei sie weit entfernt, sagt die Designerin. Iris von Arnim wirkt extrem zufrieden. Da huscht immer so ein leichtes Schmunzeln durch ihr Gesicht. Was war ihrer Ansicht nach der mutigste Schritt in ihrem Leben: ohne Modestudium Designerin zu werden, sich schwanger vom wohlsituierten Vater des Kindes zu trennen oder ihren Sohn einzustellen? „Ich fand nichts davon mutig, ausprobieren gehört zum Leben“, antwortet sie. Schon als Kind habe sie gedacht, es werde schon alles gut gehen. Eine Dame wie sie käme nicht auf toxische Gedanken.

Nur eine Sache macht Iris von Arnim nicht mehr: alles auf eine Karte setzen: „Ich bin kein Spieler, höchstens beim Roulette. Da weiß ich vorher, dass ich verliere, und freue mich, wenn’s doch nicht der Fall ist.“

Teil 4: Kein schräger Vogel

Manchmal funktioniert eine Charakterisierung auch durch ein Gegenteil. Im Falle von Stefan Fink wäre das: Coffee to go. Das Schnelle, die fehlende Zeit für den Genuss, der Wegwerf-Moment – alles nicht sein Ding. Stefan Fink trinkt Grünen Tee, mit Bedacht zubereitet in einer passenden Keramikkanne. Im Hintergrund läuft leise Klaviermusik, die in ein Spa oder zur Einleitung einer Yogastunde passen könnte, auf dem Tisch liegt ein Buch mit dem Titel „Ikigai“. Die japanische Lebensphilosophie will den Fokus weg von der digitalen Welt zurück auf das Hier und Jetzt lenken. Fink hätte das Buch selbst schreiben können.

Wir sind in seiner Werkstatt in Ro­thenburgsort. Ein Bild an der Wand behauptet: „Wer schreibt, küsst besser.“ Fink trägt einen braunen Anzug und wahrscheinlich immer alles mit Fassung. Was könnte ihn wohl aus der Ruhe bringen? Als die thailändische Kronprinzessin ihn besuchte, sei es durch die ganzen Sicherheitsleute und ihre Entourage durchaus turbulent gewesen, gibt der 62-Jährige zu. „Was für ein Zirkus, 15 Limousinen und fünf riesige Transporter rückten an, die ganze Straße wurde gesperrt.“ Doch dann standen Royal und Handwerker voreinander, und die Prinzessin zeigte ausnahmslos Bewunderung für das, was Fink kann, nämlich Schreibgeräte herstellen, die den Namen „Vollendung“ verdienen.

Finks Füller werden von Königshäusern und dem Vatikan geschätzt. Höchstens 130 Unikate pro Jahr stellt er her, der manuelle Fertigungsprozess umfasst mehr als 300 Schritte. Eigentlich bräuchte es sieben Jahre, bis ein Stift fertig sei, erklärt Fink. Denn der Handwerker arbeitet mit Holz, und bevor man das Naturmaterial verarbeitet, muss es trocknen und seine Spannung verlieren. Dafür benötigt es Zeit. „Viele Dinge kann man heute schnell produzieren, aber bei Holz hat man keine Chance. Das gefällt mir so an dem Rohstoff, er passt zu meinem Rhythmus,“ sagt Fink. Geduld sei das Wichtigste bei seiner Arbeit: „Die Rache des Holzes kann gewaltig sein!“

Holz kann sich rächen? Doch, doch! Ein junger Oboist war mal für einen Auftritt in der Staatsoper aus Korea nach Hamburg gereist. Er kam zu Fink, denn man hatte dem Musiker gesagt, wenn dir einer helfen kann, dann er. „Würden Sie bitte meine Oboe reparieren?“, bat der junge Mann. Sie hatte 35.000 Euro gekostet. Fink schaute sich das teure Stück mit seinem fachmännischen Blick an und sagte: „Die kann ich leider nur noch klein sägen.“ In der Mitte des Instruments befand sich ein langer Riss, einmal quer durch. Das Holz hatte man künstlich in einer Trockenkammer getrocknet, das mochte es nicht.

Holz ist erst gnädig, wenn es Zeit zum Trocknen hatte

Jedes Holz ist anders, es muss viele Frühlinge, Sommer, Herbste und Winter erleben. „Erst dann ist es irgendwann gnädig“, erklärt Fink. Und fortan stelle es auch kein Problem dar, würde man mit einer Oboe oder Geige von einer sehr trockenen in eine feuchte Gegend reisen. Fink arbeitet mit Resthölzern, die er von alten Manufakturen aufkauft. Angeliefert werden sie mit dem Lkw aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, eine Rampe führt zur Werkstatt, dort können ganze Stämme verarbeitet werden. Goldregen, Rosenholz, Olive, Eibe, Ahorn oder Kirschbaum – in Finks Lager trocknet ein riesiger Schatz.

Am liebsten verarbeitet der Tischler einheimische Hölzer. „Nehmen Sie das mal in die Hand“, bittet Fink und reicht einen Füllfederhalter aus Eichenholz, das vor 2500 Jahren in der Elbe versank. Plötzlich hält man etwas zwischen den Fingern, das einen mit einer anderen Epoche verbindet. Die jahrtausendealte Elbmooreiche trat bei Ausgrabungen zutage, Fink konnte ein Stück des Fundes erwerben, lagerte und wendete es zehn Jahre lang, dann drechselte, schliff und polierte er das Holz und entwarf ein Schreibgerät mit einer Form, die an ausgebreitete Vogelschwingen erinnert. „Albatros“ nannte Fink den Füller, der wie alle seine Stifte auf jedes unnötige Detail verzichtet – so gibt es etwa keinen Clip an der Kappe. Fink konzentriert sich auf das Wesentliche. Immer wieder erhielt er dafür Auszeichnungen, 2016 wurde er beispielsweise Handwerker des Jahres.

Fink hat nach einer Ausbildung als Tischler und Drechsler an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg Industriedesign studierte. Er entwarf Möbel und Porzellan für namhafte Unternehmen, bis ihn sein Freund Wim Wenders bat, einmal einen Stift zu entwerfen, mit dem der Regisseur gut auf Reisen gehen könne. Fink hatte eigentlich wenig Lust dazu, arbeitete allein ein Jahr lang am perfekten Gewinde. Doch dann war er Wenders „sehr dankbar“, denn dieser Füller war sein Durchbruch.

Heute kann Fink mehr als 1000 Euro für ein Schreibgerät verlangen. Wer eines kaufen möchte, muss sich vorher telefonisch bei ihm anmelden. Bis vor wenigen Monaten führte der Spezialist sein Geschäft in St. Georg, doch da kamen einfach zu viele Leute vorbei, am besten noch mit Eis in der Hand berührten sie seine Kostbarkeiten. „Ich musste raus aus der City, ich brauche Ruhe zum Arbeiten“, sagt der Designer, außerdem möchten gewisse sehr vermögende oder prominente Kunden von ihm beim Einkaufen nicht unbedingt beobachtet werden. Dafür eignet sich die Manufaktur in Rothenburgsort perfekt.

Hier steht Fink teilweise stundenlang an der Werkbank. Wird sein Körper zu steif, holt er einen Hula-Hoop-Reifen raus und schwingt die Hüften. Das sei super, um aus dem Statischen rauszukommen, und auch gut, wenn die Konzentration nachlasse, erklärt der Perfektionist, der jüngst gefragt wurde, ob er einen Lehrauftrag in Japan übernehmen könne. Die Schriftkunst wird von den Japanern sehr verehrt, sowie überhaupt das Handwerk in Fernost eine große Wertschätzung erfährt. „Viel mehr als hierzulande. Keramiken haben dort einen Stellenwert wie ein Picasso“, sagt Fink.

Er weiß noch nicht, ob er in Zukunft unterrichtet oder einen Lehrling ausbildet. Einen guten Handwerker erkenne man frühestens nach zehn Jahren, erst dann stelle sich heraus, wie tief jemand in die Materie einzudringen bereit sei. Und die jungen Leute hätten heute einfach keine Geduld mehr, fürchtet Fink. Er hat zu viele Auszubildende gesehen, deren Aufmerksamkeit schnell nachlasse. „Eine Holzarbeit kann man aber nicht weiterswitchen“, sagt Fink, der sich in der analogen Welt zu Hause fühlt.

In einem Regal steht ein kleines Modell von einem Himmelbett. „Mein wichtigstes Stück“, erklärt der Hamburger. Als Student verliebte er sich in eine Frau, die Maßschuhe herstellte. Er wollte ihr ein Himmelbett aus Esche bauen und bat den Präsidenten der HFBK, sich für die Arbeit sechs Monate lang beurlauben lassen zu dürfen. Der Präsident hieß Herr Vogel. Und sagte: „Okay, Fink, wir Vögel müssen zusammenhalten, bauen Sie Ihr Himmelbett.“ Das tat er, und die Frau wurde seine Frau.

Teil 5: Die stilvollen Sieben

1 BELLEVUE

Brillen aus Bohnen? Doch, gibt es! Die neue Brillenkollektion von Rolf Spectacles, die man in Hamburg beim Optiker Bellevue findet, wird aus Pflanzen hergestellt. Ausgangsbasis ist ein Pulver, das aus dem sogenannten Wunderbaum gewonnen wird.

Der Wunderbaum wird in trockenen Gebieten ganz ohne Gentechnik angebaut, konkurriert nicht mit Nahrungsmittelpflanzen und wächst enorm schnell nach. Während Fichten oder Buchen nur um wenige Zentimeter im Jahr größer werden, schafft der Wunderbaum sechs Meter in nur vier Monaten und treibt jedes Jahr neu aus. Seine Samen, auch Castorbohnen genannt, seien in Verbindung mit der richtigen Technologie ein nachhaltiges, innovatives Material für die Brillenproduktion, finden Roland und Bernhard Wolf von Rolf Spectacles.

Die Designer aus Tirol sagen, das Angebot an nachhaltig produzierten Brillen in der Augenoptik sei rar, und trotz der nachhaltigen Herstellungsweise müsse man keine Abstriche bei der Ästhetik machen. Die Brillen gibt es in 23 Modellen und in sechs Farben.


2 SILVER ELEPHANT


Die Hamburgerin Vera Schmitz hat ein Händchen für Dinge, die scheinbar nicht zusammenpassen. Für ihr kleines, neues Schmucklabel „Silver Elephant“ kombiniert sie beispielsweise harte Panzerketten mit leichten Perlen, oder sie verwendet alte Korallen für Malas. „Alles soll und darf unperfekt sein, aus dem Chaos entstehen die besten Dinge“, glaubt die 35-Jährige, die selbst in einem Chaos gefangen schien, bevor sie etwas Neues starten konnte.

Die Innenarchitektin hatte einen super Job, reiste permanent durch die Gegend, doch ihr fehlte die Kreativität. Wie sehr, das merkte die junge Frau erst, als sie Angstattacken bekam. Fünf Jahre traute sie sich kaum alleine auf die Straße, inzwischen ist sie geheilt. Ihre Schwiegermutter, ein echter Hippie, der in San Francisco in den 70ern Schmuck an der Straße verkaufte, hatte sie auf die Idee gebracht, ihre Liebe zu Formen und Farben, ihre Design- und Stilkenntnisse auf Schmuck anzuwenden. Eine der ersten Kreationen kam gleich so gut an, dass Topmodel Toni Garrn bei ihr in der Wohnung in Eppendorf stand, und die Kette (mit dem hübschen Namen „This one killed me“) kaufen wollte. Vera Schmitz hat nämlich keinen eigenen Laden, ihre Stücke (alle bezahlbar zwischen 100 und 200 Euro) bekommt man online, oder man meldet sich einfach bei ihr per Mail an und besucht sie ihrem Atelier. Dann guckt die Designerin, was dem Besuch am besten stehen würde, oder entwirft etwas Passendes.

3 STIEBICH & RIETH

Es gibt Taschen, die keinem Trend folgen und dadurch besonders werden. Bei Stiebich & Rieth geht es um Langlebigkeit im Stil, im Material und in der Verarbeitung. „Unsere Taschen vereinen Modernität und Klassik. Dadurch passen sie zu vielen Anlässen,“ sagt Julia Rieth.

Die Designerin erzählt, dass zwölf bis 36 Stunden Handarbeit in einem Exemplar­ stecken. Alle Taschen werden in Deutschland genäht, die Teile mit zwei Nadeln und einem oft sehr langen gewachsten Faden zusammengefügt. Die Näharbeit ist aber nur ein Teil des Prozesses, der Zuschnitt erfordert einen noch größeren Aufwand: Nachdem das Leder ausgelesen wurde (Mückenstiche und Pigmente werden auf den Häuten markiert), kommen die Häute in den Zuschnitt. Bei den Teilen werden dann die Kanten so oft gefärbt, bis sie geschmeidig und regelmäßig sind.

„Unser Luxus ist die Zeit, die wir uns für die Taschen nehmen“, so Rieth. Die Hamburgerin glaubt zwar nicht, dass die Zeit der großen Luxusmarken vorbei ist, doch Herkunft und Machart eines Produkts seien mittlerweile wichtige Kaufanreize für den Kunden. Der Wunsch nach Individualität habe sich in den letzten Jahren stark entwickelt. „Durch die limitierten Auflagen sind wir begehrenswert und nicht so inflationär präsent wie die großen Labels“, erklärt die Designerin, deren Kundinnen gar nicht mehr wollen, dass man sie sofort am Label erkennt, abschätzt und abnickt: „Das Selbstbewusstsein, auf Wiedererkennbarkeit zu verzichten, wächst!“

4 SHAPING NEW TOMORROW
Im März eröffnet am Neuen Wall das Geschäft Shaping New Tomorrow. Hinter dem Design-Unternehmen aus Dänemark stehen die drei Jugendfreunde Kasper, Christoffer und Christian, die sich vorgenommen haben, dass Kleidung immer bequem und stilvoll sein soll. „Die perfekten Hosen passen zu jeder Situation, ob im Alltag, am Arbeitsplatz, zu festlichen Anlässen oder für Partys“, sagt Kasper Ulrich. Der CEO erklärt, sie wollten unbedingt einen Laden in Hamburg, weil ihre Stores in Dänemark so häufig von Hamburgern besucht werden. Der speziell entwickelte und markenrechtlich geschützte Stoff namens Freefiber scheint tatsächlich so viel Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, dass die Tänzer aus John Neumeiers Ballett ihn bereits bei den Aufführungen von „Ghost Light“ an der Staatsoper tragen. „Ich habe mir eine Show angesehen und war begeistert, wie mühelos sich die Tänzer in unserer Kollektion bewegen“, sagt Ulrich.

5 MYMARINI

Nachhaltig hergestellte Bademode ohne viel Schnickschnack, das bekommt man im Eppendorfer Weg 86 bei MyMarini. 2013 wurde das Label von der Surferin und Designerin Mareen Burk gegründet, seitdem ist die Nachfrage nach den Badeanzügen, die fast immer zum Wenden sind und somit zwei Designs beinhalten, jedes Jahr gestiegen.

„Die Frauen wollen wissen, was sie auf der Haut tragen. Nie war das Bewusstsein dafür so groß,“ sagt Burk. Die Kundinnen hinterfragen, woher das Material kommt, ob es recycelt ist, wer den Badeanzug genäht hat und ob womöglich Giftstoffe im Material zu finden sind. Manchen gefällt aber auch einfach nur das puristische, eher zeitlose Design.

Ganz günstig bekommt man das Label allerdings nicht. Um die 200 Euro kostet ein Badeanzug, die Gründerin weiß, dass sich das nicht jeder leisten kann. „Unsere jungen Kundinnen sparen richtig auf einen MyMarini und kaufen aus nachhaltiger Überzeugung. Das ist total schön zu sehen“, so Burk.

„Die junge Generation ist extrem informiert und aufgeklärt.“ Die Fridays-for-Future-Bewegung spiele bei der Weiterentwicklung nachhaltiger Mode weg aus der Nische in den Mainstream hinein eine große Rolle. „Diese ganze Bewegung ist fantastisch! Sie hat uns selbst motiviert, eine ,große‘ Firma werden zu wollen“, erklärt die Designerin. „Wir wissen nun um unseren Einfluss. Je mehr MyMarinis wir verkaufen, desto mehr schlecht produzierte Badeanzüge können wir vom Markt verdrängen und desto mehr können wir bewegen. Nachhaltig, fair und sozial muss das neue Normal werden!“


6 ANNETTE RUFEGER

Kollektionen vom Reißbrett? „Bloß nicht!“, sagt Annette Rufeger. Sie macht schon seit Ende der 90er-Jahre Mode aus Hamburg und hat sich im Karoviertel, das noch immer als kreativer Hotspot der Szene gilt, längst etabliert. Ihr Prinzip: Freiheit im Design, Perfektion in der Umsetzung – und Spaß beim Tragen! „Ich liebe hochwertige Stoffe und das Spiel mit Gegensätzen. Alles andere kommt mit Leichtigkeit: Ein Teil kommt zum anderen – bis alles passt und ein neuer Look entsteht“, sagt Rufeger.

Bei ihr finde man „kühle Klassiker neben kühnen Trendteilen, edle, scharf geschnittene Blazer mit Einstecktuch neben lässigen Blousons mit preppy gestreiften Strickbündchen, strenge Nadelstreifen neben verspielten Printmustern“. Der Modemacherin geht es laut eigener Aussage nicht um Looks und Schubladen, sondern um Individualität und Bewusstsein. Ihre Stücke sollen tragbar und extraordinär sein – und das für Männer wie für Frauen. Von der Idee zum Entwurf bis zum fertigen Kleidungsstück entstehen alle Outfits in Hamburg, genäht wird in kleinen Stückzahlen hier oder in Stettin. Das Ziel jeder Kollektion: Sie soll länger halten als nur eine Saison und damit nachhaltiger sein als die Wegwerf-Mode großer Ketten.


7 HOLZWERK-HAMBURG

Ein schöner Tisch schmückt jedes Zuhause. Hochwertiges Holz nach Maß sind die Spezialität von Gabor Rietdorf von Holzwerk-Hamburg. Und Esstische haben es dem gelernten Holzbildhauer und studierten Holzwirt besonders angetan. Kein Wunder, schließlich ist so ein Möbel der Lebensmittelpunkt vieler Haushalte, schafft den Rahmen für gesellige Zusammenkünfte (so sie denn in Corona-Zeiten noch möglich sind) und dient in Homeoffice-Zeiten als Arbeitsplatz.

Das Holzwerk-Hamburg sieht sich als Manufaktur für exklusive und individuelle Tische aus Massivholz. „Fernab der Massenproduktion entstehen bei uns handgefertigte Unikate mit Charakter. Neben dem klassischen Esstisch zählen der Monolith-Baumtisch, der Massivholztisch aus Altholz sowie der Konferenztisch mit Übergröße zu unserem Portfolio“, sagt Holzexperte Gabor Rietdorf.

Monolith-Tische werden aus einem einzigen Baumstamm gefertigt und können ganz nach Wunsch bis zu acht Meter lang sein. Die natürliche Schönheit des Holzes steht dabei im Vordergrund, Hölzer werden also nicht von Patina oder kleinen Schrammen befreit.

„Wir spielen mit all den natürlichen Merkmalen wie Rissen, Ästen, knöchernen Stellen oder Verfärbungen des Materials. All das macht am Ende das Unikat aus und erzeugt eine charaktervolle, lebendige und inspirierende Oberfläche“, so Rietdorf.