Kitas, Kliniken, Museen

Warnstreik in Hamburg – „wie seit 20 Jahren nicht mehr“

Ver.di hat Mitarbeiter von Kitas, Krankenhäusern, Museen und der Stadtreinigung in Hamburg zum Warnstreik aufgerufen.

Ver.di hat Mitarbeiter von Kitas, Krankenhäusern, Museen und der Stadtreinigung in Hamburg zum Warnstreik aufgerufen.

Foto: Bodo Marks/dpa

22 Elbkinder-Kitas konnten nicht öffnen. 50 UKE-Mitarbeiter wurden zum Dienst verpflichtet. Nun sind Museen und Stadtreinigung dran.

Hamburg. Nein, über mangelnde Unterstützung aus der Öffentlichkeit kann sich Elisa Gawronski nicht beklagen. Auch nach dem Klatschen im Frühjahr habe das nicht aufgehört, sagt die Krankenpflegerin, die am UKE arbeitet. „Trotzdem gibt es auch immer wieder diese Stimmen, die sagen: Warum denn gerade jetzt? Die Kassen sind leer.“

Und das versteht die 25-Jährige nicht: „Der Schichtdienst ist es, der vor allem schlaucht, er beeinträchtigt das gesamte Privatleben. Die Tarifverhandlungen sind jetzt, wir haben gerade jetzt die Chance das auf das Gehalt, das uns auch zusteht.“

4000 Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst haben gestreikt

Gawronski ist eine von rund 700 Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst, die am Dienstag zur Kundgebung auf den Rathausmarkt gekommen sind. Insgesamt haben nach Angaben der Gewerkschaft Ver.di gut 4000 Mitglieder in der Hansestadt die Arbeit niedergelegt. Besonders zahlreich sind Pflegekräfte und Erzieherinnen auf der Demo vertreten.

Viele eint vor allem der Unmut über die aus ihrer Sicht schlechten Arbeitsumstände, den Personalmangel sowie die hohe Arbeitsbelastung in den öffentlichen Krankenhäusern, Pflegeheimen und Kindertagesstätten. Die Kitas glichen eher einer „Aufbewahrungsstätte“, sagt Beate. Die erfahrene Erzieherin möchte ihren Nachnamen lieber nicht nennen, hat aber eine klare Meinung: „Hamburg möchte Bildung für die Kinder. Aber wo bleibt die Bildung, wenn wir keine Zeit und kein Personal haben, um uns vernünftig zu kümmern?“

„Mehr als 4000 Kolleginnen und Kollegen im Warnstreik – das ist richtig viel“, bilanzierte Ver.di-Landeschef Berthold Bose gegen Mittag zufrieden. Der Ver.di-Bundesvorsitzende Frank Werneke, der an diesem Tag mit Bose von Station zu Station durch Hamburg zog, sprach sogar von einer „Streikbeteiligung wie seit 20 Jahren nicht mehr“.

Arbeitgeber haben lange gar kein Angebot im Tarifstreit vorgelegt

Mobilisierend wirke sich vor allem aus, dass die Arbeitgeber lange gar kein Angebot vorgelegt hätten und nun eines präsentierten, das der hohen Erwartungshaltung der bundesweit 2,3 Millionen Beschäftigten (davon 45.000 in Hamburg) nicht gerecht werde.

Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände bietet 3,5 Prozent mehr Lohn, allerdings verteilt auf drei Schritte in 36 Monaten. Darüber hinaus werden 300 Euro „Corona-Prämie“ und einige weitere Verbesserungen wie eine „Pflegezulage“ von 50 Euro monatlich für Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen angeboten. Ver.di fordert hingegen 4,8 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro – und das bei einer Laufzeit von nur zwölf Monaten.

„Wir haben noch eine Wegstrecke vor uns, um am Wochenende zu einem Ergebnis zu kommen“, sagte Werneke vor dem Start der dritten Tarifverhandlungsrunde am Donnerstag in Potsdam. Bis dahin werden die Warnstreiks fortgesetzt.

Museen, Messe, HPA und Stadtreinigung streiken auch

Für Mittwoch sind in Hamburg unter anderem die Beschäftigten der Bücherhallen, der Museen, der Messe und Teilen der Hamburg Port Authority (HPA) ganztägig zum Warnstreik aufgerufen, für Mittwoch und Donnerstag die der Stadtreinigung, der Bundesagentur für Arbeit sowie erneut die Beschäftigten der HPA. Die Stadtreinigung kündigte bereits an, dass mit Ausfällen bei der Müllabfuhr zu rechnen sei und der Betrieb der Recyclinghöfe­ beeinträchtigt werde.

Schon am Dienstag waren die Auswirkungen der Streiks vielerorts spürbar. Besonders hart betroffen waren die Elbkinder-Kitas: Von 5543 pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beteiligten sich nach Angaben von Sprecherin Kathrin Geyer exakt 1741 an dem Ausstand, also knapp ein Drittel der Mitarbeiterschaft.

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22 Elbkinder-Kitas konnten gar nicht öffnen

Von den 189 Einrichtungen des städtischen Betreibers konnten daher 22 gar nicht erst öffnen. Von den etwa 23.000 Kindern seien 7810 in der Notbetreuung. „In der weit überwiegenden Anzahl der Kitas findet aber entweder eine normale Betreuung oder eine Notbetreuung statt“, teilte Geyer mit.

Auch die Kliniken waren betroffen. „Mehr als die Hälfte der nicht dringlichen Operationen sowie die Mehrzahl der ambulanten Termine und Sprechstunden mussten verschoben werden“, teilte UKE-Sprecherin Saskia Lemm mit. Auch vom Asklepios-Konzern (sieben Kliniken in Hamburg) hieß es: „Streikbedingt konnten nicht alle geplanten Operationen durchgeführt werden.“

50 UKE-Mitarbeiter mussten zum Dienst verpflichtet werden

Beide Betreiber betonten aber, dass die Patientenversorgung sichergestellt sei. Das UKE räumte jedoch auf Nachfrage des Abendblatts ein, dass dafür auch Dienstverpflichtungen gegenüber rund 50 Mitarbeitenden „in neuralgischen Bereichen wie Notaufnahme und Intensivmedizin“ ausgesprochen wurden. Ver.di-Chef Werneke kritisierte, dass derart Druck auf Mitarbeiter ausgeübt werde, nicht an Streiks teilzunehmen.

Umstritten blieb auch, wie viele Klinikmitarbeiter tatsächlich im Warnstreik waren. Dem UKE zufolge haben sich rund 250 von mehr als 9000 Tarifbeschäftigten beteiligt, Asklepios sprach von 400 der 15.000 Beschäftigten – das wären insgesamt 650. Ver.di-Fachbereichsleiterin Hilke Stein schätzte hingegen, dass rund 2500 Klinikmitarbeiter nicht zum Dienst erschienen. So oder so: Beide Seiten eint die Hoffnung, dass es bald zu einem Abschluss kommt.