Wirtschaft

Hamburger Unternehmer: Geld verdienen mit Genuss

Malte Steiert in der Küche.

Malte Steiert in der Küche.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Malte Steiert ist erst 27, aber hat in Hamburg schon mehrere Firmen gegründet – darunter Foodguide und Taste Tours.

Hamburg. Dieser Mann begeistert sich schon lange für Leckereien, selbst als Kind interessierte Malte Steiert bereits, „dass die Wurst in Südtirol anders schmeckt als in der Schweiz“, erinnert sich der Unternehmer schmunzelnd. Für das Erlebnis, das ihn bis heute in Sachen Genuss geprägt hat, reiste er dann aber etwas weiter als bis in die Alpen: Er machte die Bekanntschaft mit Thailändern. „Ein ganzes Volk von Foodies“, schwärmt der 27-Jährige.

Ein Auslandssemester verlebte der gebürtige Marburger in Bangkok. Und in der Metropole, in der es immer leicht nach Zitronengras und Ingwer duftet, erlebte der Student, was Kompromisslosigkeit bei der Kulinarik bedeutet. „Auf dem Weg zur besten Hühnersuppe nahmen meine Bekannten stundenlange Staus in Kauf“, sagt Steiert. Er erlebte gemeinsame Fahrten der Vorfreude bis zur Garküche des Glücks, im Schneckentempo vorwärtskommend, eingekeilt zwischen knatternden Tuk-Tuks. Und dann löffelten sie gemeinsam am Straßenstand, „wo der Banker auf dem Plastikstuhl neben dem Müllarbeiter sitzt und alle diese wunderbare Brühe genießen“.

Mit Genuss wollte er Geld verdienen

Diese Liebe zum guten Essen, die in vielen asiatischen Ländern keine Frage des Geldbeutels ist, hat Malte Steiert nachhaltig beeindruckt. Für ihn stand fest: Mit Genuss wollte er Geld verdienen, und zwar möglichst bald. Zurück in Deutschland startete der Student seinen eigenen Food-Account auf Instagram. Inzwischen erreicht Steiert damit mehr als zwei Millionen Follower in über zehn Ländern. Während der Bachelorarbeit im Digital-Mediamanagement-Studium an der Hochschule Macromedia in Hamburg launchte er dann gemeinsam mit seinem Freund und Mitgründer Finn Fahrenkrug die Foodguide-App.

Vor fünf Jahren ins Leben gerufen, wurde Foodguide inzwischen 800.000-mal heruntergeladen. Die Idee kam nicht nur bei den Nutzern an: Schon kurz nach dem Start hat sich die Axel Springer SE als Investor bei der Firma engagiert. Spielerisch hilft der Genussführer dabei, Restaurants in der Umgebung zu entdecken, und fungiert dabei als soziales Netzwerk für Essen. Nutzer können hier Gerichte miteinander teilen und Empfehlungen aussprechen. Zusätzlich kümmert sich eine Redaktion um Beiträge, die Restaurants quasi als „bezahlte Anzeige“ in das Onlinemagazin einstellen lassen können.

Mitte 2018 erweiterte das Team um Foodguide seinen Geschäftsbereich um kulinarische Stadtführungen, die „Taste Tours“, die Steiert gemeinsam mit Pa­trick Kosmala gründete. In Hamburg zeigen Genussguides einer kleinen Gruppe dabei ungewöhnliche Lokale, unterwegs gibt es Kostproben, etwa bei Momo Buns, im Underdocks oder im Macaibo.

Etwa 20 Mitarbeiter beschäftigt der junge Kaufmann inzwischen

In Batik-Shirt und lässiger Hose sitzt Malte Steiert im Konferenzraum von Foodguide. Der Gründer hat schicke Büros gemietet in der alten Pianofabrik auf der Schanze. Während draußen am Schulterblatt das Leben in den Szenecafés tobt, geht es in dem um 1870 erbauten Gebäudekomplex ruhiger zu, hier arbeiten heute viele Werbefirmen, Filmleute und Fotografen in Räumen mit altem Industriecharme, in Lofts mit Blick auf gepflasterte Innenhöfe. In Steierts Firma steht eine riesige Flasche Veuve Clicquot auf der Fensterbank, exotische Pflanzen schaffen Wohnzimmerfeeling.

Neue Videoreihe: Abendblatt@Work mit Ralf Dümmel

Etwa 20 Mitarbeiter beschäftigt der junge Kaufmann inzwischen. Seine Unternehmen, die hauptsächlich mit Werbung im Internet Geld verdienen, werfen aktuell noch keine Millionen ab, „aber so viel, dass wir uns Gehälter zahlen können.“ Bisher ist Steiert nicht reich geworden mit seinen Firmen, dafür aber reich an Erfahrung. 2017 war der junge Gründer zu Gast bei der Vox-Show „Höhle der Löwen“. Damals war er noch nicht einmal Mitte 20, doch er weckte das Interesse von Carsten Maschmeyer. Der Finanzunternehmer mit Wohnsitz in Beverly Hills investierte knapp eine halbe Million Euro in seine Idee. Das Geld sollte dazu dienen, auch in den USA eine Community für Foodguide aufzubauen. Der Plan scheiterte jedoch. „Es mangelte an Manpower und Ressourcen für die Vermarktung“, sagt Steiert über erste Rückschläge, die er in der Selbstständigkeit erleben musste.

Lesen Sie auch:

Auch die Haufe Group wurde auf Steiert aufmerksam. Mit einem Förderprogramm des ehemaligen Fachverlags, der heute auch junge Unternehmen unterstützt, durfte Steiert auf einen Road­trip durch Amerika gehen. Entstanden ist dabei der Dokumentarfilm „Starting Up“, der deutschen Gründern zeigen soll, wie sie vom Ökosystem des Silicon Valleys profitieren können. „Wir fuhren im Luxus-Caravan durch San Francisco und Los Angeles, dann quer durchs Land über die Route 66 und bis nach New York“, sagt Steiert. Auf dem Programm standen Besuche bei Unternehmern, Investoren und Tech-Pionieren.

In den USA gesehen, wie Gründer an den Start gehen

Wie ist die Mentalität in den USA, warum schaffen es hier die Gründer, ihre Ideen zu mächtigen Konzernen wie Google, Facebook und YouTube wachsen zu lassen, während die meisten Deutschen lieber im Angestelltendasein verharren? Steiert bringt die verschiedenen Denkweisen in zwei Sätzen auf den Punkt: „In den USA bekommst du als Gründer schnell zehn Kontakte zu Leuten, die deine Idee fördern wollen. In Deutschland hörst du als Erstes zehn Gründe, warum du die Finger von der eigenen Firma lassen solltest“.

Von seinem eigenen Umfeld habe er indes vorsichtige Zustimmung erfahren, als er sich direkt nach dem Studium für die eigene Firma entschieden hat, sagt Steiert. Seine Eltern, beide ausgebildete Pädagogen, die Mutter Lehrerin, der Vater Prokurist in der Wohnungsbranche, hätten ihn gefördert und gesagt, „wenn du von der Idee überzeugt bist, dann versuche es“. Sicher, es habe schlaflose Nächte gegeben, auch durch den Mangel an Führungserfahrung, oft habe er über Probleme mit Mitarbeitern nachdenken müssen. Bereut hat er den Schritt aber nie, auch wenn aktuell Corona das Geschäft erschwert.

So stehen die Busse von „Taste Tours“ vor dem Büro auf dem Parkplatz, anstatt Freunde oder Firmen zu den neuesten Hip-Lokalen in der Stadt zu fahren. Das Virus lässt die Restaurants leiden, der Lockdown brachte etliche Bistros und Bars in die Nähe des Bankrotts­. Doch auch in schweren Zeiten lässt Steiert nicht locker, er gehörte zu den Initiatoren des gemeinnützigen Projekts PayNowEatLater. Die Initiative sollte es Gastronomen ermöglichen, über die gleichnamige Onlineplattform Gutscheine zu verkaufen, um die Zwangsschließungen zu überdauern.

„Ketten werden zunehmen“

Und was kommt nach Corona? Welche Restaurants werden unsere Viertel in zehn Jahren prägen? McDonald’s oder der Italiener um die Ecke? Steiert überlegt nicht lange. „Ketten werden zunehmen“, ist der Gastroexperte überzeugt, „Konzepte, die als solche nicht zu erkennen sind, weil sie in verschiedenen Städten unterschiedlich aussehen und regionale Besonderheiten aufnehmen.“ Der Mangel an Personal stelle die größte Hürde für die Restaurants dar. „Wenn aber in einer Gruppe die Bürokratie mit Buchhaltung oder Einkauf gebündelt werden kann, spart der Betrieb Personal und leidet nicht so sehr an der Knappheit.“

Als Dauerbrenner in der Branche sieht Steiert die Poke-Bowl-Bistros, die noch über Jahre ihre Berechtigung behielten. Dazu kämen als neue Hip-Szene die Restaurants, die ganz besondere Weine anbieten. Natürlicher Anbau auf dem Weinberg, Verarbeitung ohne Zusatzstoffe, besondere Geschmacksnoten, das sei ein Thema, das sogar schon unter Mittzwanzigern für Begeisterung sorge.

Malte Steiert ist selber noch kaum der Hochschule entwachsen, in der Gas­tronomie aber schon fast ein alter Hase. Als Junge jobbte er in der Eisdiele am Baggersee, bis er endlich eigene Wakeboardkurse geben durfte. Stationen als Kellner und im Marketing bei Red Bull finanzierten ihm das Studium. Mit seiner Freundin lebt er auf St. Pauli, in einem Ausgehparadies, das nach und nach viele alteingesessene Lokale verliert.

Gastronomie-Branche verändert sich stark

Nicht nur auf dem Kiez beobachtet Steiert, dass die Branche sich stark verändert. „Viele Gastronomen arbeiten 60 Stunden in der Woche, jetzt bremst sie auch noch Corona aus. Es ist die Frage, wie lange sich die Leute das noch antun wollen“, sagt der Unternehmer. Wenn Steiert selber gut essen möchte, geht er zu Gastronomen, die sich an Neues wagen, etwa ins Berta Emil Richard Schneider in der Schanze, das Hamburger Klassiker modern interpretieret, oder zu Fabio Haebel, der französische Küche mit Fermentiertem aufpeppt. Oder er kocht selber. „Ich habe bei meinen Freunden immer schon das Veranstalter-Schild um“, erzählt der Wahlhamburger. Und dann gebe er sich richtig Mühe.

Allerdings erlebe er solche Gelegenheiten, in denen er selber den kulinarischen Kern seiner Firmen ausleben kann, immer seltener. Den Genuss, den Steiert damals in Thailand entdeckte, gönnt er sich nur noch privat. Seine Mitarbeiter gehen zum Testessen in ein neues Restaurant, „und ich sitze im Büro und kümmere mich darum, den Ball in der Luft zu halten“.