Hamburg

Prozess um toten Radfahrer: Lkw-Fahrer "mit Nerven am Ende"

| Lesedauer: 5 Minuten
Bettina Mittelacher
Der Fahrradfahrer wurde von einem abbiegenden Lkw überrollt und tödlich verletzt.

Der Fahrradfahrer wurde von einem abbiegenden Lkw überrollt und tödlich verletzt.

Foto: Michael Arning / HA

Der Fahrer des Zwölftonners kannte die Kreuzung gut. Er habe in beide Außenspiegel geschaut, den Radfahrer aber nicht gesehen.

Hamburg. Hilflos. Geschockt. Wie gelähmt. Wenn Lkw-Fahrer Sertac I. mit diesen Worten den Moment schildert, nachdem er mit seinem Zwölftonner einen Radfahrer erfasste und tötete, klingt das Entsetzen mit, das ihn bei der Erinnerung erfasst.

Lkw-Fahrer erfasst und tötet Radfahrer in Hamburg

Er sei seinerzeit wegen des furchtbaren Unfalls „mit den Nerven am Ende“ gewesen, sagt der 39-Jährige über die Kollision vom 19. März vergangenen Jahres. Hätte er das Unglück aber auch verhindern können, wenn er nur aufmerksam genug gewesen wäre?

So sieht das zumindest die Staatsanwaltschaft, die Sertac I. fahrlässige Tötung vorwirft. Laut Anklage hat der Lkw-Fahrer an der Ampelkreuzung Holstenkamp/Große Bahnstraße beim Rechtsabbiegen den Fahrradfahrer Adrian P. übersehen, der parallel zu ihm auf dem Radweg fuhr.

Radfahrer wurde überrollt und verstarb an Unfallstelle

Der 48-Jährige geriet unter den Lkw, wurde überrollt und erlitt so schwere Verletzungen, dass das Opfer noch an der Unfallstelle starb. Laut Ermittlungen wäre der Radfahrer beim Blick in die ordnungsgemäß eingestellten Außenspiegel des Lkw zu erkennen gewesen, heißt es in der Anklage.

„Ich habe den Blinker gesetzt und geguckt, ob ich jemanden sehen kann“, erzählt der Angeklagte, ein kräftiger Mann mit sanfter Stimme. Vor dem Abbiegen habe er noch in beide Außenspiegel geschaut, sei dann nach rechts eingeschert. „Dann kam es leider zu dem Unfall“, erinnert sich Sertac I.

Lkw-Fahrer habe Radfahrer "nicht wahrgenommen"

Er habe „durch ein Geräusch“ gehört, dass etwas passiert ist. „Ich kann das nicht genau beschreiben“, übersetzt der Dolmetscher die Worte des Angeklagten. „Ich habe dann sofort angehalten und bin ausgestiegen.“ Vor der Kollision habe er den Radfahrer „überhaupt nicht wahrgenommen“.

An vieles, was danach geschah, könne er sich nicht erinnern, so Sertac I. weiter. „Ich hatte einen Filmriss.“ Der 39-Jährige kam selber in eine Klinik, weil er über Atemnot und Schmerzen in der Brust klagte.

Sertac I. brauchte psychologische Hilfe

Zwei Monate war der 39-Jährige nicht arbeitsfähig, brauchte psychologische Hilfe. Was geschehen ist, tue ihm „sehr leid“, sagt der Angeklagte an die Adresse der Angehörigen des Getöteten. „Ich weiß, welches Leid und welche Schmerzen der Familie zugefügt worden sind.“

Eine Zeugin schildert, der Lkw sei „ziemlich langsam“ unterwegs gewesen, der Radfahrer dagegen mit „relativ hoher Geschwindigkeit, mit Karacho“.

Zeuge erinnert sich, dass weder Lkw noch Radfahrer bremsten

Ein 52-Jähriger, selber Lkw-Fahrer wie Sertac I. und Zeuge des Unfalls, sagt, der Angeklagte habe den Radfahrer offensichtlich nicht gesehen. Er sei ohne anzuhalten abgebogen. „Und ich verstehe nicht, warum der Radfahrer den Lkw nicht gesehen hat. Ich habe da nächtelang drüber gegrübelt. Die haben wohl beide nicht aufgepasst.“

Der Zeuge erinnert sich, dass keiner der Beteiligten Anstalten gemacht habe, zu bremsen. „Der Lkw-Fahrer stand danach total unter Schock.“ Er selber, so der Zeuge, habe für seinen Laster mittlerweile einen Abbiegeassistenten. „Und ich bin froh darüber.“

Ehefrau des Radfahrers kam zum Unfallort

Ein Polizist, der als einer der Ersten am Unfallort war, erinnert sich an den psychischen Ausnahmezustand des Unfallfahrers. Eine andere Beamtin beobachtete, Sertac I. habe sich „kaum noch auf den Beinen halten“ können.

Beide Zeugen erlebten auch, wie die Ehefrau des getöteten Radfahrers, die ganz in der Nähe des Unfallortes wohnte, auf die Kreuzung gekommen sei und außer sich vor Kummer war. Die Polizistin erinnert sich an einen Schrei, den die Frau ausstieß. Dann sei sie „in schweres Wehklagen“ verfallen.

"Typischer Abbiegeunfall" laut Sachverständigem

Ein Sachverständiger, der das Unglück vom 19. März vergangenen Jahres analysiert hat, spricht von einem "typischen Abbiegeunfall". Vor dem Abbiegevorgang sei der Radfahrer, der mit einem Mountainbike unterwegs war und zwischen 15 und 25 km/h schnell gewesen sei, noch sicher zu erkennen gewesen, wenn der Lkw-Fahrer in seinen Außenspiegel gesehen hätte, erläutert der Gutachter. „Er hätte auch noch abbremsen können.“

Nach einem Einschlagen des Lenkrads aber, sobald ein Winkel von zehn Grad beim Abbiegen überschritten ist, sei der Radfahrer nicht mehr sichtbar. Dies sei dann der Fall, wenn der Lkw-Fahrer auch nur eine Sekunde zu spät in den Spiegel geblickt hätte.

Mahnwache in Erinnerung an das Unfallopfer

Nach dem Unfall vom März 2019 mit dem getöteten Adrian P. hatte es eine Mahnwache mit rund 100 Beteiligten des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) gegeben. Dazu war zunächst ein weißes „Ghost bike“ (Geisterrad) am Unfallort aufgestellt worden.

In Hamburg sind im vergangenen Jahr vier Radfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, bei zwei der Kollisionen waren Lastwagen beteiligt. In diesem Jahr sind der Polizei zufolge bereits drei Fahrradfahrer bei einem Verkehrsunfall gestorben. Auch hier waren in zwei der Fälle Lastwagen beteiligt.

Darüber hinaus gab es in diesem Jahr bis August bereits 83 Unfälle mit den Beteiligten Radfahrer/Lastwagen, bei denen Teilnehmer verletzt wurden. Im gleichen Zeitraum seien insgesamt 1756 Verkehrsunfälle registriert worden, an denen Radfahrer beteiligt waren, hieß es. Der Prozess wird fortgesetzt.

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