Bildung in der Corona-Krise

Schule in den Herbstferien – so läuft's in Hamburg

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) lässt sich von Tuana, Emir und Xheti (v. r.) Deutschaufgaben erklären

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) lässt sich von Tuana, Emir und Xheti (v. r.) Deutschaufgaben erklären

Foto: Michael Rauhe

Gut 5000 Schüler nehmen an den Lernferien teil. Schulsenator Rabe war in der Grundschule Sterntalerstraße zu Besuch.

Hamburg.  Wer lernt schon gerne in den Ferien? Zum Beispiel die achtjährigen Zwillinge Tuana und Emir! Sie gehören zu den 60 Mädchen und Jungen, die an der Grundschule Sterntalerstraße in Billstedt an den Lernferien teilnehmen – einem Angebot, das die Schulbehörde Schülerinnen und Schülern macht, damit sie nachholen können, was sie während des coronabedingten Schulschließungen versäumt haben.

Schon in den Sommerferien gab es an 241 Schulen Lernkurse, die von knapp 7000 Hamburger Kindern und Jugendlichen besucht wurden. Jetzt, in den Herbstferien, bieten 95 Schulen Lernferien an: Grund- und Stadtteilschulen, Gymnasien und regionale Bildungs- und Beratungszentren. Rund 5000 Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse nehmen laut Schulbehörde teil und versuchen, Lernrückstände aufzuholen.

Schulbehörde stellte eine Million Euro zur Verfügung

Eine Million Euro hatte die Schulbehörde dafür zur Verfügung gestellt. „Ich freue mich sehr, dass auch in den Herbstferien wieder ein breites Lernangebot umgesetzt wird“, sagte Bildungssenator Ties Rabe, der Tuanas und Emirs Schule am Montag exemplarisch einen Besuch abstattete. „Lehrkräfte, Erzieher und Honorarkräfte aus der Ganztagsbetreuung helfen, dass die Schülerinnen und Schüler Lernrückstände überwinden können“, lobte Rabe. „Dieses großartige Engagement in den Ferien ist keine Selbstverständlichkeit.“

Tuana und Emir besuchen die dritte Klasse. Sie machen zum ersten Mal Lernferien, denn die Grundschule Sterntalerstraße ist eine der 54 Schulen, die dieses Angebot im Sommer noch nicht gemacht haben. „Sonst sind wir in den Ferien immer in die Türkei gefahren“, erzählt Tuana. Dass das in diesem Jahr wegen Corona nicht geht, findet sie nicht richtig schlimm. „Es macht Spaß, in die Schule zu gehen.“ Sie zeigt auf ihr Deutsch-Arbeitsheft und sagt stolz: „Sechs Seiten habe ich heute schon geschafft.“ Auch Emir hat nichts gegen das Lernen in den Ferien. „Unsere Freunde sind ja hier.“

Täglich drei Stunden Schulunterricht in den Ferien

Wie alle anderen Ferienschüler haben auch die Geschwister täglich drei Schulstunden Unterricht – und das in beiden Ferienwochen, denn ihre Grundschule Sterntalerstraße gehört zu den 34 Schulen, die zweiwöchige Lernkurse anbieten. Svenja Otto, seit zweieinhalb Jahren hier Schulleiterin, freut sich, dass sich trotzdem 60 Kinder für die Teilnahme gemeldet haben – immerhin 20 Prozent der Schüler. „Wir hatten keine Schwierigkeiten, Kinder zu finden. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist bei uns eng, sie haben ein großes Interesse an Bildung.“

Wie mehr als die Hälfte der 95 Schulen bietet die Grundschule Sterntalerstraße auch jetzt in den Herbstferien eine ganztätige Betreuung an. Das Angebot werde an der Schule, an der 93 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben, sehr gut angenommen, sagt Maik Haberland vom durchführenden Träger Internationaler Bund. 275 der 300 Schüler würden in Schulzeiten an der Betreuung teilnehmen. Auch jetzt in den Ferien wären es viele.

516 Lerngruppen in Hamburg während der Herbstferien

Als das Ganztagsangebot an der Schule 2012 eingeführt wurde, habe es gerade einmal zwei Gruppen gegeben, erinnert er sich. Jetzt wären es 16. Auch der Erzieher und Schulbegleiter Imad Jassem ist in der Ganztagsbetreuung tätig. Dass er Tuana, Emir und die anderen Drittklässler daher kennt und um ihre Schwächen weiß, ist beim Unterricht in den Lernferien von Vorteil. Tuana etwa sei zwar fleißig, sagt er, aber sie brauche oft die Motivation von außen, vor allem in Mathematik.

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Insgesamt verteilen sich die Hamburger Schülerinnen und Schülern in den Herbstferien auf 516 Lerngruppen, jede mit etwa zehn Schülern. Haben die Schulen Probleme, das Personal für die Betreuung zu stellen, können sie auf einen Pool an Kursleitungen zurückgreifen, den die Volkshochschule aufgebaut hat. Die in den Lernferien verwendeten Materialien hat das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung zusammengestellt.

Angebote berücksichtigen Hamburger Bildungsplan

Alle Angebote berücksichtigten laut Behörde den Hamburger Bildungsplan, förderten die sprachlichen und mathematischen Kompetenzen und würden durch kreativ-kulturelle Vorschläge ergänzt. Profitieren sollen vor allem Schülerinnen und Schüler mit Lernschwächen und Sprachförderbedarf, aber auch Kinder, die während des Fernunterrichts der Corona-Zeit kaum Zugang zum digitalen Lernen und wenig Unterstützung aus dem Elternhaus erfahren haben. Das war bei den Zwillingen wohl eher nicht der Fall. „Meine Mutter hat ein Mathebuch gekauft, mit dem wir viel gelernt haben“, berichtet Tuana über diese Zeit.

Die Linke in der Bürgerschaft sieht Form und Inhalt der Lernferien kritisch. Sie böten keine neuen qualitativen und pädagogischen Formen, an denen jene Kinder mit großen Unterstützungsbedarf wirklich teilhaben könnten. Bis heute habe der Senat zudem keine qualitative Auswertung der Lernferien aus dem Sommer vorgelegt, so die bildungspolitische Sprecherin Sabine Boeddinghaus. Das werde noch in diesem Jahr geschehen, heißt es dazu aus der Behörde.