League of Legends

Diese Hamburger wollen die WM im Computerspiel gewinnen

So viel Einhorn muss sein: Jos Mallant (l.) mit Tochter Vivien, Sohn Fabian und Mutter Iris auf dem Balkon der Familienvilla im Hamburger Osten – wo die Erfolgsgeschichte der Unicorns of Love vor sechs Jahren begann.

So viel Einhorn muss sein: Jos Mallant (l.) mit Tochter Vivien, Sohn Fabian und Mutter Iris auf dem Balkon der Familienvilla im Hamburger Osten – wo die Erfolgsgeschichte der Unicorns of Love vor sechs Jahren begann.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

An diesem Wochenende beginnt in Shanghai die WM im Computerspiel League of Legends. Auch ein Team aus Hamburg ist dabei.

Hamburg.  Ob es der Moment war, als der SV Bergedorf im Finale Real Ma­drid schlug? Und sich anschließend die Kommentare überschlugen, auf Twitter und Twitch, und reihenweise Angebote ins Haus flatterten von namhaften Vertretern der Branche, die dieses Team unbedingt unter Vertrag nehmen wollten? Weil es im Grunde ja gar nicht sein konnte, nicht sein durfte: dass sich fünf vertragslose Amateure aufgemacht hatten, die Elite ihres Sports aufzumischen. Der natürlich nicht Fußball ist, sonst hätte man sich diese Geschichte in Hamburg längst erzählt. Sondern eSports.

Der SV Bergedorf gegen Real Madrid ist nur ein Bild, das Jos Mallant gewählt hat, um zu erklären, was bei einem Turnier vor sechs Jahren passiert ist. Was da überhaupt passiert ist mit seiner Familie in den vergangenen Jahren. Wie erst der Sohn und später sie selbst in die Fänge des Computerspiels „League of Legends“ (LoL) gerieten, ein professionelles eSports-Team gründeten und bis heute besitzen: die Unicorns of Love. Die an diesem Wochenende vor mehr als 40 Millionen Zuschauern in Shanghai um den Weltmeistertitel 2020 spielen – und um Preisgelder von mehr als zwei Millionen Dollar.

80 Millionen Menschen im Monat spielen „League of Legends“

„League of Legends“ ist eine Welt, in der man sich verlieren kann, rund 80 Millionen Menschen tun das allein jeden Monat. Tauchen ein in die fantastisch flackernden Landschaften dieses Spiels, das bunt und knallig ist und nur so wimmelt vor lauter Superhelden. Gespielt wird in Teams, fünf gegen fünf; gewonnen hat, wer das Hauptquartier des Gegners auf einer virtuellen Landkarte erstürmt. Um das zu schaffen, stehen den Spielern 140 verschiedene Champions zur Verfügung, spielergesteuertere Charaktere mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten. In Sekunden muss ein Team eine Strategie entwickeln, muss ständig kommunizieren, das Vorgehen des Gegners analysieren und antizipieren, bis zu 400 Klicks in der Minute kann das bedeuten. Es ist wie eine Art Blitzschach, nur in vier Dimensionen.

16 Jahre ist Fabian Mallant alt, als er diese Welt entdeckt – und sich kaum noch von ihr trennt. Stundenlang hockt er vor seinem Computer, trainiert, wird besser, gründet sein erstes Team. Nur die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. „Wenn du einen Sohn wie Fabian hast, der so exzessiv am Computer spielt, dann stellen sich Fragen. Was wird aus dem Jungen, müsste er sich nicht viel mehr bewegen? Wie viel ist eigentlich zu viel? Da gab es schon Diskussionen drüber“, sagt Vater Jos.

Seine Frau nickt. „Ich habe Fabian damals gefragt, warum er sich nicht mal mit Freunden trifft, ausgeht, was unternimmt. ,Weil alle in meiner Klasse trinken, bis sie kotzen, Mama.‘ Das war seine Antwort.“ Iris Mallant sagt, sie habe ab diesem Moment nicht mehr ganz so viel dagegen gehabt, dass ihr Sohn Freundschaften lieber online pflegte.

2014 ist Unicorns of Love der große Außenseiter

In der Schule schreibt Fabian weiterhin gute Noten und belegt schon in der Oberstufenzeit Mathematikkurse an der Uni. Sein Abitur beendet er mit einem Schnitt von 1,2. Nebenbei wird sein „League of Legends“-Team besser und besser. „Bis er dann irgendwann auf einem so hohen Niveau spielte, dass die Spiele im Fernsehen gestreamt wurden“, erzählt Iris Mallant. „Das haben wir uns natürlich angeschaut. Und nach einer bestimmten Zeit gesehen, dass es doch sehr spannend ist, dass da eine Riesenszene dahintersteckt. Wir kannten keinen eSport. Aber dann lernten wir ihn kennen. Wir begannen zu verstehen.“

Im Sommer 2014 qualifiziert sich Fabian Mallant mit seinem Team für ein Turnier, das dem Gewinner den Aufstieg in die höchste europäische Liga, die EU LCS, ermöglicht. Die Unicorns of Love sind der große Außenseiter – und nicht nur wegen ihres Namens. Wer in der Szene ernst genommen werden möchte, setzt Wörter und Silben zusammen, die nach Erfolg und Ehrgeiz klingen. Aber bestimmt nicht nach Weltfrieden und Softeis mit Glitzer. Niemand rechnet ernsthaft damit, dass die Unicorns auf diesem Niveau mithalten können. „Haben wir aber“, erzählt Fabian Mallant und grinst. „Wir haben ein unglaubliches Turnier gespielt. Weil wir uns eben auch früh unseren eigenen Stil kreiert hatten. Wir hatten ja auch nie einen Coach, der uns sagte, ihr müsst das so und so machen. Wir waren wie Kinder auf dem Spielplatz mit einer Schachtel Streichhölzer in der Hand. Wir haben alles angezündet.“

Es gibt ein Video von dem Moment, in dem sich die Unicorns für die EU LCS qualifizieren. Vivien Mallant, Fabians Schwester, hat es schnell auf dem Tablet herausgesucht. „Ich bekomme jedes Mal wieder eine Gänsehaut“, sagt Iris Mallant und versucht, einen Blick auf den Schirm zu erhaschen. „Da! Das ist Fabian“, sagt sie leise und zeigt auf ihren Sohn. Ein Kind ist da zu sehen, das mit seinen Freunden einen Sieg feiert, den kaum jemand vorher für möglich gehalten hätte. „Na ja, das war ja auch noch nie vorher passiert“, sagt Vivien Mallant. „Dass sich fünf Amateurspieler, Freunde dazu, für dieses Niveau qualifizieren.“

Unicorns of Love im großen Turnier

Die Unicorns of Love lösen in der LoL-Community eine Welle der Begeisterung aus. Sie trägt die fünf Freunde zum nächsten großen Turnier – dem IEM nach San José. Hier messen sich im November 2015 die Besten der Welt. Dass ausgerechnet ein Team aus Hamburg dabei ist, das sich dazu noch Einhörner der Liebe nennt, löst in der Szene nicht nur Begeisterung aus. Sondern auch jede Menge Spott. „Da wurden sofort Wetten abgeschlossen, wie schnell die untergehen werden“, sagt Vater Jos.

Im Best-of-Three-Modus treten die Unicorns gegen das zu der Zeit beste amerikanische Team an: TSM. Und wählen eine Taktik, die so waghalsig ist, dass alle einschlägigen Netzwerke überlaufen vor Kommentaren. „Was erlauben die sich“, posten Tausende Nutzer, „nehmen die dieses Turnier nicht ernst? Das ist doch respektlos.“

Fabian Mallant grinst. Ja, das war es. Es war seine Idee gewesen. Diesen einen Champion zu wählen, den bis dahin niemand auf dem Schirm gehabt hatte. Weil er als zu schlecht galt. Zu wenig effektiv. „Aber genau das war ja unsere Taktik: draufgehen, Neues ausprobieren, ein Feuer entfachen“, sagt Fabian Mallant. „Also im Grunde im Finale sieben Stürmer aufzustellen und zwei Verteidiger und dabei noch ständig Sergio Ramos zu tunneln.“

SV Bergedorf schlägt Real Madrid

Und tatsächlich: Die Taktik geht auf. Die Unicorns gewinnen zwei Spiele hintereinander – und schmeißen den Favoriten aus dem Turnier. Es ist eine Sensation. Die Server des LoL-Entwicklers Riot Games brechen zusammen.

Der SV Bergedorf schlägt Real Madrid. Vater Jos lacht. Das hatte er am Anfang gemeint.

Im Frühjahr 2015 legt Fabian Mallant sein Mathematikstudium auf Eis – mit dem Einverständnis der Eltern. Vater Jos gründet in Hamburg – als völliger Neuling der Szene – eine professionelle eSports-Organisation. Die bis heute in Familienhand geblieben ist. Fabian ist der Coach des Teams, Schwester Vivien General Manager, eigentlich ist sie Architektin. Vor sechs Monaten ist Tomislav Karajica als Investor eingestiegen.

Wenn man Jos Mallant fragt, warum er das alles getan hat, stockt er kurz und schaut auf den Platz am Tisch, der jetzt leer ist, weil Sohn Fabian schon wieder vor dem Computer sitzt – Training mit seinem Team. „Es war halt eben so, dass dieser Junge einen Traum hatte, und wir wollten ihm diesen Traum ermöglichen. Das ist doch das, was Eltern für ihre Kinder machen.“ Iris Mallant schaut ihn an, während er das sagt. Zieht dann auch kurz die Schultern hoch – und nickt.