Hamburg

Friedhof Ohlsdorf: Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Eine Gruppe Landschildkröten spaziert über einen Baumstamm im Ohlsdorfer Prökelmoor.

Eine Gruppe Landschildkröten spaziert über einen Baumstamm im Ohlsdorfer Prökelmoor.

Foto: Thorsten Ahlf

Auf dem größten Parkfriedhof Europas gibt es seltene Vögel und sogar Schildkröten. In Ohlsdorf finden sie ideale Lebensbedingungen.

Hamburg.  Der Kormoran bildet einen Fächer und lässt sein Gefieder in der Sonne trocknen. 50 Meter entfernt angelt sich ein Eisvogel einen kleinen Fisch, während eine Schildkrötengruppe regungslos in der Sonne döst. Das sind keine Szenen aus einem Tierfilm oder einem Zoo, sondern vom frühherbstlichen Ohlsdorfer Friedhof – Europas größtem Parkfriedhof. Und es dauert auch nicht tagelang, bevor man sie mit der Kamera endlich einfangen kann. Im Gegenteil: Mit etwas Glück lassen sich die Tiere täglich auf dem Gelände beobachten – und nicht nur die.

Von vielen Hamburgern unbemerkt, hat sich der Friedhof innerhalb der vergangenen Jahre zu einer grünen Oase inmitten der Millionenstadt entwickelt. Rehe gibt es hier, Feldhasen, Waschbären, Füchse und vieles mehr. Allein 284 Arten von Schmetterlingen wurden erfasst, darunter 89, die es in Hamburg nur in Ohlsdorf gibt.

Viel beachtetes Großbiotop

Treffen mit dem Bereichsleiter Friedhöfe, Rainer Wirz, am Prökelmoor nahe der Mittelallee: Er ist mit den Tieren und Pflanzen vor Ort bestens vertraut, kennt alle Brutvogelkartierungen und die Gutachten zu allen Fledermausvorkommen.

Wirz erläutert, warum sich der Friedhof mit immer vielfältigerem Leben füllt und innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem viel beachteten und besuchten Großbiotop wurde. Die Anlage ist mit rund 389 Hektar mehr als doppelt so groß wie der Stadtpark – aber ungleich ruhiger. Die Tiere finden hier ideale Lebensbedingungen. Rund 35.000 Bäume gibt es auf dem Gelände, dazu unzählige Hecken, dichte Gebüsche und mehrere Teichanlagen.

57 Vogelarten werden hier nachgewiesen, 50 davon brüten auch auf dem Friedhof. Der Parkfriedhof ist zwar mit einem Netz aus Straßen überzogen, aber die meisten sind für Autos gesperrt. Aktuell wird ungefähr in der Mitte des Friedhofs, wie berichtet, eine neue Sperranlage gebaut, mit deren Hilfe der lästige Durchgangsverkehr eingeschränkt werden soll. Wie genau sich das dann auf die einzelnen Tierpopulationen auswirken wird, soll zeitnah analysiert werden.

Da es innerhalb der Anlage so gut wie keine Wärmeabstrahlung gibt, herrscht ein uneingeschränkt gutes Binnenklima mit ungewöhnlich sauberer Luft. Während der Hitzewelle vor einigen Wochen war es vor Ort immer einige Grad kühler als an den meisten Plätzen des übrigen Hamburgs – ein Vorzug, den auch viele Tierarten schätzen. Wirz und Pressesprecher Lutz Rehkopf zeigen die kleine Schildkrötenpopulation, die sich seit rund sieben Jahren hier sichtlich wohlfühlt.

Weiteres Unikum

Die neun europäischen Landschildkröten, laut Lutz Rehkopf damals nur so groß wie Kaffee-Pads, müssen hier ausgesetzt worden sein. Vermehrt haben sie sich bislang noch nicht, vermutlich da sie erst mit zehn beziehungsweise zwölf Jahren geschlechtsreif werden. Ob und wie es dann mit der Population weitergeht, könnte einmal ein interessantes Forschungsprojekt werden. Nach aktuellem Kenntnisstand ist noch keines der Tiere verloren gegangen – und das trotz einiger kalter Winter.

Ein weiteres Unikum sind die Graugänse, die sich, obwohl eigentlich Bodenbrüter, in der Nähe von Kapelle 13 regelmäßig Nester oben in einer Eiche bauen. „Fünf Jahre lang habe ich sie schon gesehen“, erzählt Friedhofsgärtner Stefan Polke. Auch mit den Fledermäusen vor Ort ist Polke vertraut. Acht verschiedene Arten flattern abends durch den Parkfriedhof, darunter seltene Wasserfledermäuse.

Natur lockt zahlreiche Tierliebhaber nach Ohlsdorf

So viel Natur lockt zahlreiche Tierliebhaber nach Ohlsdorf, die zum Beispiel eine vogelkundliche Führung in aller Herrgottsfrühe mitmachen können. Auch ein Lehrpfad zu Vogel- und Fledermauspopulationen mit 13 Tafeln ist angelegt, hinzu kommen zahlreiche Insektenhotels und Wildblumengärten im Gelände. Gezielt wurden in den vergangenen Jahren auch Apfelbäume mit alten Obstsorten gepflanzt – nicht zuletzt zur Unterstützung der Bienenvölker vor Ort.

Die Friedhofsleitung tut überhaupt eine Menge, um die grüne Oase für Tiere und tierliebe Menschen gleichermaßen attraktiv zu halten und ein einigermaßen harmonisches Miteinander zu gewährleisten. Das gilt zum Beispiel für die bis zu drei Uhu-Paare, die hier leben. Wenn die Jungen geschlüpft sind und erste holperige Flugversuche unternehmen, wird regelmäßig ein Straßenabschnitt in der Nähe gesperrt, damit die Tiere nicht unter die Räder kommen. Laut Wirz habe man, das als weiteres Beispiel, vor Ort noch in den 1980er-Jahren kranke oder abgestorbene Bäume komplett abgesägt und entsorgt. Damit sei jetzt Schluss. „Wenn es die Sicherheitsvorschriften erlauben, lassen wir Teile der Stämme stehen, um so neue Tierwohnungen zu schaffen.“

Ein „Wildbienenboulevard“ als Lebensraum

Mit BUND und Nabu gibt es Kooperationen, die Zusammenarbeit mit der Umweltbehörde ist eng. Ganz neu wurde der rund ein Hektar große Wildbienenboulevard in Absprache mit der Deutschen Wildtier Stiftung angelegt. Im Sommer schwirren hier unzählige Insekten durch die Luft. Auf der Bienenwiese entwickeln sich nicht nur Pflanzen und Insekten fast ungestört, auch Vögel und Kleinlebewesen finden jede Menge Nahrung.

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Bei vielen Beschäftigten ist das Interesse für Flora und Fauna vor Ort deutlich gewachsen, berichtet Wirz. „Es gibt ein starkes Verantwortungsbewusstsein für den Schutz dieser Idylle.“