Kriminalität

Mord an 83-Jährigem: Angeklagter will sich nur gewehrt haben

Ein 54 Jahre alter Angeklagter (vorne) steht im Landgericht im Sitzungssaal.

Ein 54 Jahre alter Angeklagter (vorne) steht im Landgericht im Sitzungssaal.

Foto: dpa

Wurde ein 83-Jähriger aus Habgier ermordet oder wollte sich der Angeklagte nur gegen einen Angriff wehren? In einem Mordprozess vor dem Hamburger Landgericht gehen die Versionen, was am 20. März in einer Wilhelmsburger Wohnung geschah, weit auseinander.

Hamburg. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm heimtückischen Mord aus Habgier vor, er will sich nur gewehrt haben: Im Prozess um die Tötung eines 83-Jährigen in Hamburg-Wilhelmsburg hat der Angeklagte unter Tränen seine Version der Tat geschildert. Es tue ihm sehr leid, er wolle alles erzählen, sagte der 54 Jahre alte Schneidermeister am Dienstag vor dem Hamburger Landgericht. Sein Verteidiger betonte, sein Mandant habe den 83-Jährigen nicht töten wollen.

Der Angeklagte berichtete, der alte Mann, den er schon viele Jahre gekannt habe, habe ihm eine Nähmaschine zum Kauf angeboten. Bei der Besichtigung in dessen Wohnung sei es zum Streit gekommen - unter anderem, weil der Schneider die Maschine nach einem Test nicht nehmen wollte. Der verbale Schlagabtausch habe sich hochgeschaukelt.

Der 83-Jährige habe ihn plötzlich geschubst und mit einer Schere in der Hand angegriffen. Dabei habe er geschrien: "Ich bringe Dich um", sagte der Deutsche türkischer Abstammung nach Angaben eines Übersetzers. "Ich wusste weder ein noch aus." Der alte Mann sei viel kräftiger als er gewesen.

Der Angeklagte schilderte, er habe sich gewehrt, dabei einen bei der Nähmaschine liegenden Stoff ergriffen und auf das Gesicht des Mannes gedrückt. Damit habe er auch erreichen wollen, dass der endlich zu schreien aufhöre und bewegungslos werde. "Mit einem Mal war er still." Der 54-Jährige berichtete, er sei dann aus der Wohnung gelaufen - in der Überzeugung, dass der Mann lebe, weil er noch Geräusche von sich gegeben habe.

Die Staatsanwaltschaft geht von einem anderem Ablauf aus und wirft dem Angeklagten Mord aus Habgier vor. Er habe gewusst, dass der Rentner große Bargeldsummen zu Hause verwahrte. Um an diesem Vormittag ungestört nach dem Geld suchen zu können, habe der Angeklagte den Rentner am 20. März von hinten stranguliert und anschließend aus einem Koffer Bargeld in Höhe von mindestens 99 950 Euro an sich genommen. Rund 50 000 Euro, die in der Waschmaschine versteckt waren, seien unentdeckt geblieben. Die Ermittler fanden die Beute allerdings nicht beim Angeklagten. Laut einer Zeugenaussage wussten viele in der Nachbarschaft von dem Geld des 83-Jährigen, weil er selbst über seine Verstecke geplaudert habe.

Der Angeklagte bestritt zunächst vor Gericht, das Opfer stranguliert zu haben, als er nach den entsprechenden Merkmalen am Hals des alten Mannes gefragt wurde. Doch das sei ein Verständnisproblem gewesen, sagte sein Anwalt nach Ende des Prozesstages auf Nachfrage. In Laufe der weiteren Befragung habe sein Mandant berichtet, dass der Stoff tiefer gerutscht sei und er den 83-Jährigen gedrosselt habe.

In den Stunden nach diesen Ereignissen habe er sich viele Gedanken gemacht, sagte der Angeklagte. Zweimal sei er an dem Tag noch an der Wohnung des 83-Jährigen vorbeigefahren. "In der Wohnung brannte ein Licht", berichtete der 54-Jährige. Da sei er beruhigt gewesen, dass nichts Schlimmes geschehen sein könnte.

Zwei Tage nach der Tat entdeckte die Polizei die Leiche nah der Nähmaschine. Am folgenden Tag standen die Beamten bei dem Schneidermeister vor der Tür. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Der Prozess wird in der kommenden Woche am Mittwoch (30.) fortgesetzt.