Ahnenforschung

Ich in Zahlen – was meine Gene über meine Herkunft verraten

Für die Analyse hat Abendblatt-Redakteurin Geneviève Wood eine Speichelprobe abgegeben.

Für die Analyse hat Abendblatt-Redakteurin Geneviève Wood eine Speichelprobe abgegeben.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Firmen können die Abstammung per DNA-Analyse ermitteln. Doch das Verfahren ist umstritten. Geneviève Wood hat’s getestet.

Hamburg.  Wer bin ich, und wo komme ich her? Woher die Vorfahren stammen, wer wann mit wem verheiratet oder eben nicht verheiratet war, das interessiert die Menschen zunehmend. Die Branche boomt – laut einer Allensbach-Untersuchung wünscht sich jeder Zweite, mehr über seine Ahnen zu erfahren. Die Herkunft wird aber nicht nur nur anhand von Dokumenten und Datenbanken zurückverfolgt, sondern auch mittels DNA-Proben. Das Abendblatt hat es getestet.

„Die Mehrheit der Deutschen wohnt nicht mehr in ihrem Geburtsort, und auch vorherige Generationen sind aus unterschiedlichen Gründen umgezogen oder haben ihr Heim durch Kriege verloren. So gehen wichtige Informationen und Geschichten über die Ahnen verloren. Immer seltener werden die historischen Unterlagen im Keller des Elternhauses gelagert. Für viele wird es wieder wichtiger, Informationen über die Herkunft einzuholen und auch verlorene Verwandte wiederzufinden“, sagt Alexandra Rudhart von Ancestry, der nach eigenen Aussagen weltweit führenden Onlineplattform für Ahnenforschung und DNA-Genealogie. Viele allerdings möchten gern mehr über sich und ihre Herkunft erfahren. „Denn das Wissen über die eigenen Wurzeln gibt den Menschen in dieser unübersichtlichen Zeit ein Gefühl von Orientierung.“

Was die DNA über die Herkunft verrät

Anbieter von Genuntersuchungen versprechen, Verwandte zu finden, Stammbäume zu erweitern und so mehr über die eigene genetische Geschichte zu erfahren. In den USA ist das bereits länger so. Ancestry ermöglicht es, neben anderen Anbietern, mehr über Herkunft und Familiengeschichten zu erfahren. Die DNA-Analyse soll Aufschluss darüber geben, aus welchen Teilen der Welt die Familie stammt, und beim Auffinden weit entfernter Verwandter helfen.

Wie kann ein wenig Speichel Aussagen darüber treffen, woher ich und meine Vorfahren stammen? „Es gibt typische Merkmale in unserer DNA“, sagt Alexandra Rudhart. „Diese Merkmale werden mit Referenzproben verglichen.“ Der Test schätzt die Ethnizität, indem er die DNA mit derjenigen von Menschen aus mehr als 700.000 Orten abgleicht. AncestryDNA nutze die neuesten Erkenntnisse der Genforschung, um den eigenen Abstammungsmix zu erstellen. Dieser berücksichtige genetische Entwicklungen der vergangenen 1000 Jahre und liefere Erkenntnisse, die oft nicht aus historischen Aufzeichnungen hervorgehen.

Ich habe es ausprobiert und ein wenig Familienforschung betrieben. Das geht so: Speichelprobe abschicken, möglichst viele Daten von Großeltern und Urgroßeltern wie Geburtsdatum und -ort, Sterbedatum und -ort sowie die genauen Namen angeben, und schon soll man erfahren, woher man kommt. Außerdem muss man sich auf der Internetplattform registrieren lassen. Das geht kostenlos als Gast oder als kostenpflichtige Mitgliedschaft.

Deutscher DNA-Anteil knapp 30 Prozent

Als ich mein Ergebnis einige Wochen später bekomme, ist die Analyse keine Sensation: 69 Prozent England, Wales und Nordwesteuropa stecken in mir. Kurios ist aber der geringe Anteil an deutscher Ethnizität, ich dachte ich wäre etwa halbe-halbe. Die Erklärung: „Die Norddeutschen haben viel angelsächsische DNA in sich“, sagt Berufsgenealogin Ursula Krause. Das bedeutet nicht, dass ich dort Vorfahren mütterlicherseits habe, sondern vielmehr, dass ich gemeinsame Vorfahren mit Menschen in England und Wales teile.

„Durch die Übereinstimmung Ihrer DNA können wir für England genetische Gruppen bestimmen, zu denen Ihre väterlichen Vorfahren gehören: Nordwestengland und die Isle of Man und hier besonders Lancashire und der Großraum Manchester sowie Yorkshire und Ost-Midlands“, steht dort. Dieses Ergebnis der DNA-Probe ist für mich nichts Neues, kommt mein Vater doch aus Manchester.

Überraschend ist, dass das aus einer Speichelprobe zu erkennen sein soll. „Natürlich finden sich in Ihrer Herkunftsanalyse auch deutsche Anteile. Aber Engländer haben oft einen gewissen deutschen Anteil“, steht dort. Mein deutschsprachiger Anteil besteht laut DNA-Analyse aus 29 Prozent plus zwei Prozent europäisch-jüdischem Anteil. „Für Sie bedeutet dieses Ergebnis, dass es Menschen mit jüdischer Ethnie unter Ihren Vorfahren gegeben hat.“

Genanalyse kann kein Aussehen erklären

Dann gibt es noch DNA-Matches von anderen getesteten Personen, die DNA mit mir teilen. Auch hier keine Überraschung: „Der größte Teil Ihrer Matches kommt aus dem englischsprachigen Raum, und wir gehen davon aus, dass sie von Ihrer väterlichen Seite stammen“, heißt es.

Mehr als ein halbes Jahr später bekomme ich per E-Mail die Nachricht, dass mein Abstammungsmix aktualisiert wurde. „Wir haben kürzlich weitere Bevölkerungsgruppen hinzugefügt. Dadurch haben sich Ihre Ergebnisse eventuell geändert.“ Und tatsächlich liest sich das nun etwas anders: England und Westeuropa sind nur noch mit 41 Prozent vertreten, dafür noch ein bisschen Schottland, Wales, Schweden, Norwegen. Die deutschsprachigen Regionen Europas verlieren ein Prozent und rutschen ab auf 28 Prozent.

Mich erinnert das ein wenig an DNA-Tests für Hunde, wenn unklar ist, aus welchen Rassen ein Mischling besteht. Beim Hund lassen sich dann das Aussehen und Wesensmerkmale erklären. Die Genanalyse von Ancestry kann das nicht. Aber sie kann sicherlich auch Überraschendes zutage bringen. In meinem Fall eher nicht, aber unterhaltsam ist es auf jeden Fall.

Auf Wunsch gibt es Informationen zum Stammbaum

Zur Veranschaulichung werden die Regionen auf einer Landkarte gezeigt, dazu gibt es jede Menge Historie, die sich natürlich auch an anderer Stelle nachlesen lässt und keine besondere Rechercheleistung ist. So in etwa: „Die Geschichte Großbritanniens wird oft in Form von Invasionen geschildert, bei denen unterschiedliche Gruppen von Invasoren die ursprüngliche Bevölkerung vertrieben. Die Römer, Angelsachsen, Wikinger und Normannen haben alle ihre Spuren in Großbritannien hinterlassen, sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht.“

Abgesehen von der DNA-Analyse bekommt man auf Wunsch auch Informationen über den Stammbaum. Der Anbieter für Ahnenforschung greift dafür auf mehr als 500 Millionen deutschsprachige historische Dokumente zurück. Insbesondere die in Zusammenarbeit mit der Deutschen Nationalbibliothek digitalisierten Adressbücher umfassen mehr als 95 Millionen Einträge über den Wohnort von Menschen in Deutschland zwischen 1815 und 1974.

Anhand von Geburts-, Sterbe- und Heiratsurkunden, Passagier-/ Ein- und Auswanderungslisten, Kirchenbüchern, Verlustlisten und Militärregistern sowie historischen Telefon- und Adressbüchern können die Ahnenforscher ermitteln, von wann bis wann ein Familienmitglied wo gelebt hat, und das gibt Aufschluss darüber, ob die eigenen Vorfahren viel umgezogen sind oder sesshaft waren.

Alexandra Rudhart rät: „Sprechen Sie mit Ihren Angehörigen. Das schafft Nähe, Wertschätzung und ist eine Bereicherung.“ Und je mehr Daten man von seinen Verwandten hat, desto mehr finden Genealogen auch heraus. Dann kann auch mal Ungewöhnliches dabei sein, und die Forscher stoßen auf uneheliche Kinder, auf Vielehe oder andere Familiengeheimnisse.

Genanalysen sind nicht unumstritten

Ancestry verspricht, dass die Daten, der DNA-Test und die Ergebnisse nicht an Dritte weitergegeben werden und die DNA-Probe und die Ergebnisse des Tests ohne Identifikationsmerkmale aufbewahrt werden. Die Ergebnisse seien in einer verschlüsselten Datenbank gespeichert. Es sei möglich, seine Daten zu löschen und die Speichelprobe zu vernichten.

Dennoch sind solche Genanalysen nicht unumstritten. „Bei genetischen Daten handelt es sich um äußerst sensible personenbezogene Daten. Bei der Verarbeitung solch besonders schutzbedürftiger Daten muss eine fundierte Rechtsgrundlage vorliegen. Außerdem sind hier hohe Maßstäbe an die Sicherheit der Verarbeitung anzulegen. Jeder, der die Dienste in Anspruch nimmt, sollte sich die Datenschutzerklärung sehr genau durchlesen und schauen, welche Einverständniserklärung er unterschreibt. Es sollte jeder kritisch hinterfragen, welche persönlichen Angaben er von sich preisgeben möchte“, sagt Martin Schemm vom Hamburger Datenschutz.

Mehr zum Thema:

Die DNA-Analyse, sagt Andrea Bentschneider, Ahnenforscherin von Beyond History aus Lokstedt, bringe vor allem dann etwas, wenn man eine Fragestellung hat. „Dann kann man sich einen entsprechenden Anbieter aussuchen.“ Sie selbst hat eine genauere DNA-Analyse bei einem anderen Anbieter machen lassen, um mehr über ihren unehelich geborenen Urgroßvater väterlicherseits herausfinden zu können. Ergebnis: „Meine Theorie ist, dass der Gutsherr mein Ururgroßvater war und ich von Blücher heißen müsste.“

Neben Ancestry (www.ancestry.de) gibt es weitere Anbieter wie www.myheritage.de. Bei Ancestry kostet der DNA-Test 69 Euro.