Prozess in Hamburg

Raubmord an Rentner: Zeuge berichtet von Streit mit Opfer

Der 54 Jahre alte Angeklagte (vorne) steht im Landgericht im Sitzungssaal neben seinem Verteidiger Siegfried Schäfer (2. v. l.).

Der 54 Jahre alte Angeklagte (vorne) steht im Landgericht im Sitzungssaal neben seinem Verteidiger Siegfried Schäfer (2. v. l.).

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Ein 83-Jähriger ist in seiner Wohnung in Wilhelmsburg ausgeraubt und stranguliert worden. Nun hat der Prozess begonnen.

Hamburg. Der betagte Tote lag in seiner Wohnung in Wilhelmsburg, hingestreckt neben der Nähmaschine. Sein Zuhause war vollkommen durchwühlt und eine beträchtliche Menge Bargeld fehlte. Harry P. war offenbar Opfer eines Raubmordes geworden. Der Täter hatte den 83-Jährigen stranguliert, bis dieser erstickte, und dann nach Geldverstecken gesucht. Erst zwei Tage nach dem Verbrechen vom 20. März diesen Jahres wurde die Tat bekannt, nachdem ein Bekannter des Rentners den Mann nicht hatte erreichen können und Polizei und Feuerwehr alarmiert hatte.

Hat ein guter Bekannter des als wohlhabend geltenden 83-Jährigen das Verbrechen begangen? Vor dem Schwurgericht muss sich seit Donnerstag ein 54-Jähriger verantworten, dem die Staatsanwaltschaft unter anderem Mord aus Habgier vorwirft.

Raubmord in Wilhelmsburg: Rentner wurde stranguliert

Laut Anklage hat Änderungsschneider Riza Y. den Wilhelmsburger Harry P. in dessen Wohnung an der Mokrystraße am Vormittag des 20. März unter dem Vorwand aufgesucht, eine zum Verkauf stehende Nähmaschine ansehen zu wollen. Dann habe er den Rentner unvermittelt und heimtückisch von hinten stranguliert und dessen Wohnung nach Bargeld durchsucht.

Dabei soll er aus einem Koffer mindestens 99.950 Euro geraubt haben. Weitere 50.050 Euro, die der 83-Jährige in einer Waschmaschine versteckt hatte, blieben unangetastet. Von dem Opfer war bekannt, dass er insgesamt 150.000 Euro in bar zu Hause gehortet haben soll.

Angeklagter will sich zu den Vorwürfen äußern

Der Mann auf der Anklagebank wirkt beherrscht, mit offenem Blick sieht er sich im Gerichtssaal um, lauscht reglos den Vorwürfen, die ihm gemacht werden. Sein Mandant werde sich am nächsten Verhandlungstag selber zu den Vorwürfen äußern, kündigt Verteidiger Siegfried Schäfer an. Aber schon vorab betont der Anwalt, dass die Anklage gegen den Riza Y. „in wesentlichen Punkten unzutreffend“ sei.

Auf die Spur des Verdächtigen war die Polizei gekommen, nachdem sie im persönlichen Umfeld des Ermordeten ermittelt hatte. Da das Opfer die Person, die ihn wenig später tötete, offenbar selber in die Wohnung gelassen hatte, gehen die Ermittler davon aus, der er ihn gekannt hatte.

Der Änderungsschneider soll das Opfer bereits wenige Tage vor der Tat schon einmal zu Hause aufgesucht haben. Zudem deuteten Spuren am Toten und eine Auswertung dessen Handys darauf hin, dass der 54-Jährige offenbar mit dem Verbrechen zu tun habe, hieß es. Darüber hinaus soll Riza Y. von dem Vermögen des Rentners und den Geldverstecken gewusst haben. Neun Tage nach dem Verbrechen wurde der Änderungsschneider verhaftet.

Zeuge von Mordvorwürfen gegen Riza Y. überrascht

Ein Zeuge, der zu Rentner Harry P. seit gut drei Jahrzehnten sehr freundschaftlichen Kontakt hatte und auch den Angeklagten lange kennt, sagt viel Gutes über den 54-Jährigen: Riza Y. sei ein „sehr positiver, netter Typ“ gewesen, erzählt Miroslav R. Als er hörte, dass der Änderungsschneider des Mordes verdächtig wird, habe ihn das sehr überrascht. „So wie ich ihn kenne, kann ich das nicht glauben. Das würde ich ihm nie, nie zutrauen.“ Auch sei der Angeklagte seines Wissens nicht in finanziellen Schwierigkeiten gewesen. „Wenn wir zusammen einen Kaffee tranken, musste ich mich schon durchsetzen, um die Rechnung bezahlen zu dürfen.“

Nach seinem Eindruck hätte sich das Opfer eigentlich wehren können, wenn ihn jemand angegriffen hätte, so der Zeuge weiter. „Er war richtig kräftig.“ Allerdings habe er seit dem vergangenen Jahr „manchmal die Realität verloren. Er hatte gelegentlich Aussetzer.“

Geldkoffer – „Solange ich lebe, ist das meins, danach deins"

Kennengelernt haben sich der 83-Jährige und der Zeuge, als dieser vor gut dreißig Jahren aus Polen nach Deutschland kam, erzählt Miroslav R. Der in unmittelbarer Nachbarschaft wohnende Harry P. habe sich sofort seiner angenommen, ihn immer wieder unterstützt und irgendwann auch als seinen „Ziehsohn“ bezeichnet.

Nachdem die zweite Ehefrau des Rentners starb, habe er sich „in schweren Momenten“ sehr um den Witwer gekümmert, so der Zeuge. „Irgendwann hat er mir einen Koffer hingelegt und gesagt: ,Da ist dein Erbe.’ Ich war verblüfft.“ In dem Koffer sei viel Bargeld gewesen, Harry P. habe die Summe auf 150.000 Euro beziffert. „Ich habe es aber nie gezählt.“ Bei dem Geld habe ein Schriftstück gelegen, auf dem der 83-Jährige handschriftlich notiert habe: „Solange ich lebe, ist das meins, danach deins. Gruß, Harry.“

Zerwürfnis zwischen Rentner und Zeuge

Miroslav P. schildert, er habe das Erbe „erst nicht annehmen“ wollen. „Aber er wollte das so.“ Daraufhin habe er das Geld für den Rentner in einem Banksafe verwahrt. Weiteres Barvermögen soll der ehemalige Laborant in einem Koffer aufbewahrt haben. „Er hat immer sehr sparsam gelebt. Und so lange ich ihn kenne, hat er nie Urlaub gemacht.“

Doch schließlich sei es zu einem Zerwürfnis zwischen Harry P. und ihm gekommen, schildert der Zeuge weiter — als der Rentner ihn im Juli 2019 beschuldigt habe, ihm 25.000 Euro gestohlen zu haben. „Ich erklärte ihm, dass ich das nicht war.“ Immer wieder habe er danach versucht, Kontakt zu dem 83-Jährigen aufzunehmen, doch dieser habe nicht reagiert.

Im vergangenen März hat Miroslav R. nach seiner Darstellung vorgehabt, Harry P. zu dessen Geburtstag im März zu besuchen „und ihm ein Geschenk vorbeizubringen. Aber leider ist ja diese schreckliche Geschichte passiert.“ Der Prozess wird fortgesetzt.