Kunst, Musik, Lesungen

„Küste“ der Hamburger Altstadt feiert großes Straßenfest

Feiern mit Maske und Abstand: Die Straße Bei den Mühren wird am Wochenende zur Festmeile und für den Autoverkehr gesperrt.

Feiern mit Maske und Abstand: Die Straße Bei den Mühren wird am Wochenende zur Festmeile und für den Autoverkehr gesperrt.

Foto: ©h.gerbsch2020

Wie Anrainer die Fahrbahn an diesem Wochenende „in einen erlebbaren Stadtraum“ verwandeln wollen.

Hamburg. Am Wochenende wird in der Hamburger Altstadt schon einmal die Zukunft erprobt. Was geplant ist als ein Straßenfest auf der Cremon-Halbinsel mit vielen Künstlern, einem Flohmarkt, Diskussionen und einem Open-Air-Gottesdienst, versteht sich auch als Beitrag zur Stadtentwicklungsdebatte. Am Sonnabend und Sonntag wird der Straßenverlauf Bei den Mühren und Zippelhaus im Bereich Mattentwiete bis Brandstwiete am Zollkanal gegenüber der Speicherstadt für den Autoverkehr gesperrt.

„So verwandelt sich die Altstadtküste südlich der Katharinenkirche in einen erlebbaren Stadtraum für alle“, sagt Katharinen-Pastor Frank Engelbrecht, einer der Initiatoren. „Ein Wochenende lang gehört der Straßenraum den Menschen.“ Gemeinsames Ziel sei es, dass die Stadt zusammenwachse. „Wir zeigen, was möglich ist, wenn wir den Verkehrsraum mutig und gemeinschaftlich mal anders nutzen als zum Parken und Durchfahren.“

Initiativen und Anwohner der Altstadt wollen weniger Verkehr

Zahlreiche Initiativen und Anwohner haben sich unter dem Motto „Die Altstadtküste atmet – AUF“ zusammengetan, um – auch unter Corona-Bedingungen – ein „Realexperiment“ zu starten. Hintergrund: Die Altstadt ist im Bereich des Katharinenviertels von Hauptverkehrsstraßen eingeschlossen: Im Norden trennt sie die Willy-Brandt-Straße von der Innenstadt, im Süden grenzt der größtenteils mehrspurige Straßenverlauf an der Hochwasserschutzanlage das historische Quartier von Speicherstadt und HafenCity ab.

„Der öffentliche Raum ist hier normalerweise dem Verkehr vorbehalten“, sagt Kristina Bacht, Leiterin des ansässigen AIT-ArchitekturSalons. Der Verkehr aber isoliere und die Potenziale des öffentlichen Raums würden nicht genutzt. Zusammen mit dem renommierten Stadtplaner Michael Ziller will sie in den Tagen der Straßensperrung zur Diskussion anregen und erlebbar machen, „welche Qualitäten der Raum zwischen Häusern ohne den gewohnten Pkw-Verkehr für die Sinne entfaltet“.

Auch der bekannte Stadtplaner Reiner Nagel ist mit dabei

Auch die Katharinen-Gemeinde treibt das Thema seit Längerem um. Mehrmals war die Willy-Brandt-Straße in der „Nacht der Kirchen“ kurzzeitig besetzt und zur Veranstaltungsfläche gemacht worden. „Jetzt wollen wir ein ganzes Wochenende lang erproben, wie es ist, wenn der Straßenraum den Menschen gehört“, sagt Pastor Engelbrecht. Er wünscht sich, dass die Hauptkirche St. Katharinen wieder Anschluss an die weitere Nachbarschaft im Norden und Süden finde.

„Die Altstadt hat sich noch nicht wieder erholt vom Krieg und der autogerechten Nachkriegsstadt“, glaubt der Künstler und Anwohner Hartmut Gerbsch. Er engagiert sich seit 30 Jahren für eine lebenswerte Altstadt und Cremoninsel. Der 57-Jährige organisiert mit Nachbarn das Anwohnerfest unter dem Motto „Die Straße ist unser Wohnzimmer!“ Sie wollen Teppiche ausrollen und Stühle aufstellen.

Das Wochenende beginnt am Sonnabend um 11 Uhr mit einem Anwohner-Flohmarkt zwischen Reimerstwiete und Steckelhörn sowie im Grimm. Von 13 bis 16 Uhr gibt es einen Open-Air-Stadtworkshop zum Thema „Sinnlichkeit … Hören und Riechen der Stadt“ mit Stadtplaner Michael Ziller vor dem AIT-ArchitekturSalon, Bei den Mühren 70 (Anmeldung unter hamburg@ait-architektursalon.de). Mit dabei ist auch der Stadtplaner Reiner Nagel, Leiter der Bundesstiftung Baukultur, der als Schwergewicht in der Debatte um Stadtentwicklung in Deutschland gilt.

Konzert aus den Türen und Fenstern der Speicherstadt

Dazu gibt es ein Konzert aus den Türen und Fenstern der gegenüberliegenden Speicherstadt. Von 18 bis 20 Uhr folgt ein Kultur-Programm klub.k mit den Künstlern Phil Siemers und Julian LeBen auf einer Bühne am Katharinenkirchhof (8 Euro, Vorverkauf bei TixforGigs.com, freier Eintritt für Kinder bei Anmeldung unter anne@klub-k.de).

An beiden Tagen gibt es jeweils von 10 bis 18 Uhr eine „Offene Werkstatt Gröninger Hof“ mit der Genossenschaft Gröninger Hof. Sie hat von der Stadt die Aufgabe erhalten, das Parkhaus in der Neuen Gröningerstraße zu einem Wohnhaus zu machen. Daneben plant Pia Per­spektiven (Planerinnen-, Architektinnen- und Ingenieurinnen-Netzwerk) eine Zukunftswerkstatt zur Gestaltung des Katharinenkirchhofs mit Grünskulpturen und Lichtinstallationen.

Der Sonntag beginnt um 11 Uhr mit einem Gottesdienst in St. Katharinen mit Pröpstin Ulrike Murmann. Schließlich klingt das Wochenende mit einem großen Open-Air-Gottesdienst unter dem Titel „Vorsicht – hier wird an die Zukunft geglaubt!“ um 17 Uhr auf dem Katharinenkirchhof aus – dies ist zugleich der Eröffnungsgottesdienst zum Start der Klimawoche. Der Schauspieler und Theologe Julian Sengelmann moderiert den Gottesdienst mit Blick auf die Speicherstadt und viel Musik von Jessy Martens Gospelensemble sowie szenischen Lesungen (Anmeldung unter www.katharinen-hamburg.de).

Lesen Sie auch:

Um den Corona-Auflagen gerecht zu werden, haben die Initiatoren die Veranstaltungen einzeln angemeldet und sperren den jeweiligen Bereich vorübergehend ab, um die Zahl der Besucher kon­trollieren zu können. Konkrete politische Forderungen verbinden die Initiatoren – unter ihnen auch „Altstadt für Alle!“, Gewerbetreibende der Altstadt/Cremoninsel sowie fünf Baugenossenschaften und der ADFC – nicht mit dem Fest.

Doch eine Idee soll optisch angedeutet werden: Auf beiden Seiten der Straße werden rote Teppiche ausgerollt, sodass nur zwei Spuren für den Autoverkehr bleiben. Daneben wünscht sich Gerbsch breite Fahrradspuren – am besten eine Veloroute entlang der Hafenkante. 15 Anwohner hätten zudem bereits vor geraumer Zeit den Antrag gestellt, die Straße Bei den Mühren zur Tempo-30-Zone zu machen.