Hamburg

Alter Wall: Was diesen neuen Boulevard so speziell macht

So wie in dieser Simulation soll der neue Alte Wall künftig aussehen.

So wie in dieser Simulation soll der neue Alte Wall künftig aussehen.

Foto: Art Invest Real Estate

Nach langen Bauarbeiten erwacht ein Boulevard mit Kunst und bekannten Marken zu neuem Leben. Ein Popstar macht in Wein und Beef.

Hamburg.  Noch werkeln die Bauarbeiter. Sie bringen braunschwarze Messingplatten an zwei Raketen an. Cape Canaveral direkt neben dem Rathaus? Nein, was man hinter all den Absperrungen noch nicht gut erkennen kann: Hier wird in wenigen Tagen ein Open-Air-Kunstwerk zu sehen sein. „Gesellschaftsspiegel“ heißt die eigens für den Alten Wall entwickelte Installation von Olafur Eliasson, einem der wichtigsten zeitgenössischen Künstler. Am 5. Oktober wird er zur Einweihung seines Werkes nach Hamburg kommen. Das Abendblatt warf vorab einen Blick in die neun Meter hohen Türme: Sie verbergen Kaleidoskope, die auf Stützen über den Köpfen der Passanten schweben – eines mit dreieckigem, eines mit rhombischem Grundriss. Wenn man nach oben schaut, spiegelt sich das Licht. Es wirkt ein bisschen so, als würde man verschiedene Stücke des Himmels einfangen.

Das Kunstwerk finanziert Art-Invest Real Estate, die den ganzen Straßenzug entwickelte, und gibt es als Dauerleihgabe an die Stadt. „Mit einem Dreiklang aus Kunst, Gastronomie und Einzelhandel wollen wir das Leben zurück an den Alten Wall ziehen. Wir haben einen spannenden Mieter-Mix mit internationaler Strahlkraft hinbekommen, sodass hier ein neuer Boulevard für die Hamburger entsteht“, sagt Martin Wolfrat, Hamburg-Chef von Art-Invest Real Estate­. Der studierte Architekt verantwortet mit einem Team von 30 Leuten eines der bedeutendsten innerstädtischen Bauvorhaben, das bald (endlich) ein Ende findet. Hinter den historischen, teilweise denkmalgeschützten Fassaden der Hausnummern 2 bis 32 entstanden seit Baubeginn im April 2016 verteilt auf fünf Gebäude 13 Ebenen. Vier für eine Tiefgarage mit 220 Stellplätzen, drei für den erwähnten Dreiklang aus Kunst, Gastronomie und Einzelhandel und sechs für Büros. Trotz Quadratmeterpreisen „Ende der 20er“ sind alle Büros bereits seit gut drei Monaten vermietet.

Alter Wall: Interessante Mieter

Noch interessanter sind jedoch die Mieter, die neben dem bereits für Besucher geöffneten Bucerius Kunst Forum bald Schlag auf Schlag einziehen: Am 26. September feiert das englische Kleidermagazin Ladage & Oelke seinen Umzug in das neue Gebäude. Wer schon jetzt einen Blick in die Nr. 22 wirft, der erkennt viele historische Einrichtungsstücke, die beim Brand des alten Geschäftshauses 1989 nicht vernichtet wurden. Das neue Zuhause in direkter Nachbarschaft zu Rathaus und Handelskammer „passt zu uns als 1845 ‚geborene Hamburger Pfeffersäcke‘ und mittlerweile ältester, familiengeführter Hamburger Herrenausstatter perfekt“, sagt Selma Wegmann von Ladage & Oelke. Das neue Geschäft wird auch ein hauseigenes Café und einen Herrenfriseur mit Blick auf das Fleet beheimaten.

Ganz am Anfang des Alten Walls wird am 9. Oktober die japanische Modemarke Uniqlo eines der wahrscheinlich spektakulärsten Kaufhäuser der Stadt eröffnen. Im Mittelpunkt der Filiale mit einer Gesamtverkaufsfläche von rund 1750 Quadratmetern, die sich auf vier Ebenen verteilen, eröffnet ein Atrium den Kunden aus dem Inneren des Geschäfts einen Blick auf den (am Eröffnungstag hoffentlich strahlenden) Himmel. Das Atrium ist ein Oktogon, welches von Säulen getragen wird, die mit historischen Mosaiken verziert sind.

Hinter dem Steak-Restaurant steht Yello-Sänger Dieter Meier

Bei seinem Besuch in der Hansestadt erklärte der Europa-Chef des Unternehmens gegenüber dem Abendblatt, er spüre noch das historische Vermächtnis Hamburgs, „das zu blühendem Handel und wirtschaftlichem Wohlstand führte“, so Taku Morikawa. Er sei fasziniert davon, „wie entspannt die Hamburger mit dem wechselhaften Wetter umgehen“; er schätze ihre „nonchalante Haltung“, und sein Unternehmen habe sich bei der Expansion in Deutschland sehr bewusst für die Premium-Lage am Rathaus entschieden: „Ausschlaggebend für den Alten Wall waren die besondere Historie und die beeindruckende Architektur direkt im Herzen Hamburgs. Das ist das, was die alte Handelskultur Hamburgs verkörpert“, so Morikawa. Und dieser Geist passe genau zu Uniqlos erster Filiale in Norddeutschland. Nur konsequent, dass das japanische Unternehmen bei seiner nächsten Kollektion mit Jil Sander zusammenarbeitet.

300 Millionen Euro investierte Art-Invest Real Estate in die Umgestaltung

Außerdem wird der US-amerikanische Einzelhändler Anthropologie (Mode, Accessoires sowie Interieur- und Schönheitsprodukte) seine zweite Niederlassung in Deutschland im Herbst am Alten Wall 4 eröffnen, darüber hinaus kann man an dem neuen Boulevard demnächst argentinische Steaks essen. Mit dem „Wallter’s – Wine Beef Kontor“ bespielt ein ehemaliger Sänger 450 Qua­dratmeter im Alter Wall 12. Hinter einer Auswahl an Weinen und Premium-Rindfleisch aus nachhaltiger Produktion steht Dieter Meier, ein Schweizer Unternehmer und Konzeptkünstler, der vor allem als Sänger des Elektropop-Duos Yello („The Race“) bekannt wurde.

Martin Wolfrat scheint sehr zufrieden, diese großen Namen präsentieren zu dürfen. 300 Millionen Euro investierte Art-Invest Real Estate bereits in die Umgestaltung. Der 40-Jährige erinnert sich noch gut an das „gigantische Loch“ zu Beginn der Bauarbeiten. 1300 Betonmischer wurden damals angekarrt, man musste Schlitzwände errichten, damit die Baustelle nicht vom Fleet-Wasser geflutet wird. 350.000 Tonnen Stahl waren nötig, um die historische Fassade zu stützen. Immer wenn man an ihr vorbeiging, sah man nichts, hörte dahinter aber unfassbaren Lärm. Es war Hamburgs versteckteste Baustelle.

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Jetzt steht das Riesenprojekt kurz vor dem Abschluss. Wobei: Eigentlich geht es gleich weiter. Den ersten Bauantrag für „Alter Wall 2.0“ hat Wolfrat bereits in Arbeit. Die Modernisierung und Neugestaltung soll hinter der Adolphsbrücke bis zum Hotel Sofitel weitergehen. Martin Wolfrat hat eine Vision: „Der Alte Wall soll als neuer Flanierboulevard die kürzeste und attraktivste fußläufige Verbindung vom Rathausmarkt bis zur HafenCity werden.“