Schule in Hamburg

"Lehrer als Versuchskaninchen?" – Behörde widerspricht

Corona-Krise in Hamburg: Die Lehrergewerkschaften widersprechen dem positiven Corona-Bericht von Schulsenator Ties Rabe (SPD).

Corona-Krise in Hamburg: Die Lehrergewerkschaften widersprechen dem positiven Corona-Bericht von Schulsenator Ties Rabe (SPD).

Foto: Roland Magunia

Gewerkschaft und Elterninitiative erheben schwere Vorwürfe. CDU spricht von einem "Corona-Dschungel" an Hamburgs Schulen.

Hamburg. Die Lehrergewerkschaften Hamburg (dlh) haben dem am Mittwoch vorgestellten überaus positiven Corona-Bericht von Schulsenator Ties Rabe (SPD) widersprochen und vor allem die uneinheitlichen und widersprüchlichen Anweisungen der Gesundheitsämter im Umgang mit Corona- und Quarantänefällen heftig kritisiert. "Werden die Lehrer als Versuchkaninchen verstanden?" kritisierte der Erste Vorsitzende der dlh, Helge Pepperling, die Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD). Die Eltern-Initiative "Familie in der Krise" griff Rabe scharf an.

Die Schulbehörde wehrte sich und wies darauf hin, dass die Gesundheitsämter in der Zuständigkeit der Sozialsenatorin liegen. Auch die Sozialbehörde wies die Kritik zurück. Für Gewerkschaft und Elterninitiative aber täuschen die derzeit guten Zahlen über die Probleme hinweg.

Corona an Hamburger Schulen: Uneinheitlicher Umgang mit Infektionsfällen

Zwar seien die Infektionszahlen derzeit zum Glück nicht gravierend, erklärte die Gewerkschaft, aber die drei bis fünf täglichen Fälle würden von den sieben bezirklichen Gesundheitsämtern der Stadt oft unklar oder sogar widersprüchlich gehandhabt. Selbst innerhalb eines Amtes würden gleich gelagerte Fälle unterschiedlich entschieden.

"Das senkt die Akzeptanz für die Maßnahmen", sagte Pepperling. "Die Ämter müssen transparenter entscheiden und sich untereinander besser abstimmen."

Sozialbehörde bestreitet Vorwürfe: Situation vor Ort bei Corona-Maßnahmen berücksichtigt

So seien in einem Fall nur die Schüler und Schülerinnen der direkten Umgebung (Sitznachbarn) in Quarantäne geschickt worden, in anderen Fällen die ganze Klasse. Die Lehrerinnen und Lehrer würden ebenso unterschiedlich behandelt: Einige würden ebenfalls unter Quarantäne gestellt, in anderen Fällen aber würden sie als "Kontaktpersonen zweiten Grades" eingestuft und deswegen nicht als quarantänewürdig gelten, so Pepperling. Und dies alles geschehe, ohne dass die mitunter beengte Klassenraumsituation vor Ort in Augenschein genommen worden wäre.

Die Sozialbehörde bestritt diese Darstellung. Die Gesundheitsämter würden jeden Einzelfall prüfen und deshalb nicht nach einem Schema entscheiden, sagte eine Sprecherin. Die Klassenraumsituation vor Ort werde berücksichtigt.

Gewerkschaft fordert landesweit ein Standardverfahren im Infektionsfall

Laut Gewerkschaft müsse in Zeiten erhöhter Anforderungen an die Lehrerschaft auch seitens der Arbeitgeber das Maß der Fürsorgepflicht den gehobenen Standards angepasst werden. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Lehrkräfte nicht denselben Gesundheitsschutz erfahren wie die betreffenden Schüler und Schülerinnen bzw. Personen anderer in der Schule tätiger Berufsgruppen“, sagte Pepperling.

Das Coronavirus in Deutschland und weltweit:

Er forderte auch, dass für die Schulen landesweit ein Standardverfahren im Infektionsfall festgelegt und transparent in die Kollegien kommuniziert wird. Auch sollten Lüftungskonzepte erstellt werden. Viele Schulen hätten mit beengten Verhältnissen zu kämpfen, die kommende kalte Jahreszeit werde die Situation verschärfen, sagte Pepperling. In vielen Schulen kollidierten die Lüftungskonzepte mit Sicherheitsvorschriften, nach denen die Schüler in oberen Stockwerken nur beschränkten Zugang zu geöffneten Fenstern haben dürften.

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Zudem müsse es zusätzliche Zeitkontingente und technische Ressourcen für Lehrkräfte geben, da sie neben dem Präsenzunterricht nun auch noch zusätzlich online die unter Quarantäne stehenden Schüler und Schülerinnen betreuen sollen.

Elterninitative spricht von "Tanz auf dem Vulkan"

Die deutschlandweit agierende Initiative "Familie in der Krise" monierte, dass die Hamburger Schulen ihre Defizite im digitalen Bereich nach wie vor nicht behoben hätten. Die von Rabe diesbezüglich angeschobenen Bemühungen seien unzureichend.

"Schon jetzt befinden sich 23 Klassen in Quarantäne und sind vom Präsenzunterricht ausgeschlossen", sagte Anna-Maria Kuricová, Mitbegründerin von Familien in der Krise Hamburg. „Es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan. Sollten in Hamburg weitere Klassen in den Distanzunterricht müssen, sind Eltern und Lehrkräfte wieder in der gleichen Situation wie im März. Es kann nicht sein, dass Rabe und Bürgermeister Peter Tschentscher das Thema Infektionsgeschehen und Homeschooling auch nach sechs Monaten noch immer nicht genügend priorisieren." Die Politik verfahre nach dem Prinzip Hoffnung.

Viele Schulen sind auf digitalen Unterricht nicht vorbereitet

"Wir Eltern brauchen endlich einen verlässlichen Plan, wie unter Quarantäne-Bedingungen ein Distanzunterricht aussehen wird", sagte Kuricová. Die Schulbehörde erklärte, dass es diesen Plan bereits gebe. Er sei vor Beginn des Schuljahres an die Schulen verschickt worden und habe in Grundzügen bereits im Juni vorgelegen.

Laut Kuricová gibt es an vielen Hamburger Schulen gebe es noch immer kein Internet. Ein Großteil habe bis heute kein WLAN. Falls doch, sei die Verbindung oft so schlecht, dass sie nicht in den Klassenräumen ankomme. Digitale Präsentationstechniken könnten folglich nicht eingesetzt oder geübt werden. An vielen Schulen seien gar keine Geräte vorhanden, weder für den Präsenz- noch für den Fernunterricht. An anderen Schulen seien Endgeräte nicht einsatzfähig, weil die entsprechende Software und IT- Spezialisten für die Inbetriebnahme fehlten.

Dazu erklärte die Schulbehörde: "Die Kritik ist überholt, weil wir bereits an Lösungen arbeiten." Man arbeite an der "sehr zügigen Ausstattung derjenigen Grundschulen, die derzeit noch kein flächendeckendes WLAN haben."

Corona-Regeln an Hamburgs Schulen (Stand: 3. August):

  • Maskenpflicht an weiterführenden Schulen für alle Beteiligten, ausgenommen im Unterricht
  • Schüler und Beschäftigte müssen grundsätzlich den Mindestabstand einhalten
  • Schulen müssen eine entsprechende Wegführung und feste Areale auf den Pausenhöfen organisieren
  • Während des Unterrichts gilt die Abstandspflicht nicht
  • In besonderen Fällen können Schüler verschiedener Klassen miteinander lernen, etwa in Oberstufen- oder Wahlpflichtkursen
  • Schüler verschiedener Jahrgangsstufen müssen weiterhin untereinander den Mindestabstand einhalten
  • In Sport, Schwimmen, Musik und Theater sind große Abstandsregeln einzuhalten und Körperkontakte zu vermeiden
  • Schüler und Beschäftigte mit besonderen gesundheitlichen Risiken können sich per Attest vom Präsenzunterricht befreien lassen
  • Kranke Schüler sowie Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten, die keinen negativen Test vorweisen können und noch nicht in Quarantäne waren, werden umgehend nach Hause geschickt und dürfen die Schule vorerst nicht betreten
  • Bei Fernunterricht muss die Schule wöchentlich Telefongespräche mit den Schülern organisieren und den Austausch von Arbeitsbögen, Arbeitshefte, Bücher und handschriftlicher Arbeiten garantieren
  • Schulen müssen bis zu den Herbstferien in jeder Woche den vollständigen Unterricht erteilen
  • Projektwochen, Ausflüge, auswärtige Besuche sowie weitere Schulaktivitäten sind bis zu den Herbstferien nur erlaubt, wenn sie nicht zu Lasten der regulären Unterrichtsstunden gehen
  • Klassenreisen sind bis zu den Herbstferien untersagt

Schulbehörde: Für 140 Schulen gibt es bereits einen IT-Support

Kuricová überzeugt das offenbar nicht. „Uns Eltern macht es wütend, dass die Schulbehörde die Situation vor Ort nicht wahrzunehmen scheint,“ sagte sie. „Wir fordern, dass endlich ein Dialog mit den Eltern stattfindet. Bislang hat die Schulbehörde jede Gesprächsanfrage unserseits ignoriert." In diesen Dialog würde Kuricová weitere Forderungen mitbringen: Einheitliche Standards für die Ausstattung der Schulen, Einrichtung eines IT-Supports für Schulen, pädagogischen Support mit Springer-Lehrkräften, Schulungen für die Lehrerschaft und das Einüben des Umgangs mit den Endgeräten im Unterricht.

Laut Behörde gibt es für 140 Schulen bereits einen IT-Support, mit dem eine private Firma beauftragt sei. Für den technischen Support und die Wartung der Geräte seien zusätzliche 3,5 Millionen Euro in den Haushalt eingestellt worden.

CDU: Corona-Dschungel an Hamburgs Schulen aufräumen

Auch die CDU-Bürgerschaftsfraktion übt Kritik und fordert, das Rot-Grün den "Corona-Dschungel an Hamburgs Schulen" aufräumt. Die Christdemokraten werfen dem Schulsenator vor, bei seiner Zwischenbilanz wichtige Fakten außen vorgelassen zu haben. "Noch immer fehlen an Hamburgs Schulen Masken und Visiere für Lehrkräfte, die Anweisungen der Schulbehörde treffen kleckerweise und sehr kurzfristig ein und sind unklar formuliert", sagte die CDU-Schulexpertin Birgit Stöver am Donnerstag.

Rabe lasse die Schulen und Lehrkräfte bei der Umsetzung vor Ort allein. "Auch eine einwandfreie Kommunikation mit den Gesundheitsämtern wurde noch immer nicht etabliert und Transparenz im Umgang mit Corona-Verdachtsfällen und -Infektionen an Hamburgs Schulen ist für den rot-grünen Senat weiterhin ein Fremdwort", so Stöver. Die Liste, was auch nach über einem Monat Regelschulbetrieb nicht rund läuft, sei lang. Daher fordert die CDU-Fraktion, das Regelungschaos im Schulbereich schnellstmöglich aufzuräumen.“