Leitartikel

Corona: Von Hamburg lernen heißt vorsichtig bleiben

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Lockerungen in kleinen Schritten - was der Senat in der Pandemie besser macht als andere Bundesländer.

Hamburg. Wenn man Hamburg für seinen Umgang mit der Corona-Krise eine Schulnote geben müsste, dann wäre das eine Zwei plus. Deutschland ist insgesamt gut durch die Krise gekommen, Hamburg fast sehr gut. Dabei hat die Stadt am Anfang­ der Pandemie wie wenige andere Bundesländer unter den Reiserück­kehrern gelitten, die auch beim sommerlichen Zwischenhoch das Hauptproblem waren beziehungsweise sind. Beides hätte man wissen, auf beide Situationen hätte sich Hamburg besser einstellen können – und macht es jetzt mit Blick auf die Herbstferien. Die dafür getroffenen Regeln, Stichwort: keine Lohnfortzahlung für alle, die nach einer Reise in ein Risikogebiet in Quarantäne müssen, werden hoffentlich dafür sorgen, dass ein erneuter Anstieg der Infektionen nach der Urlaubszeit im Oktober ausbleibt.

Tschentscher hat aus Erkenntnissen richtige Schlüsse gezogen

Hamburg ist durch Reiserückkehrer besonders belastet: Durch die Internationalität der Stadt und durch die hohe Kaufkraft reisen viele und oft. Dass Hamburg die Corona-Zahlen trotzdem so gut in den Griff bekommen hat, spricht für die bei uns beschlossenen Maßnahmen. Und für die Politiker, die sie verantworten. Während sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder als „Held der Krise“ feiern lässt, in Wahrheit aber mehr über richtige Strategien spricht, als sie zu liefern, ist es bei Hamburgs Bürgermeister (und bei allen Regierungschefs im Norden) umgekehrt. Peter Tschentscher hat den Vorteil, dass er als Arzt eine Pandemie und den Umgang damit besser beurteilen kann als andere.

Er hat als Politiker aus seinen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse gezogen und ist auch dann ruhig geblieben, wenn es um ihn herum hektisch wurde. Das war und ist vielleicht die größte Stärke des gesamten Hamburger Senats, der immer den Eindruck vermittelt, die Lage im Griff zu haben. Das gilt für Tschentscher genauso wie für Schulsenator Ties Rabe, für Finanzsenator Andreas Dressel, für die inzwischen ausgeschiedene Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks – und für Melanie Leonhard (alle SPD).

Kita-Management der Sozialsenatorin war eindrucksvoll

Wenn es tatsächlich so etwas wie eine (politische) Heldin in der Corona-Krise gibt, dann ist es die Sozialsenatorin, die seit Kurzem auch für die Gesundheitsbehörde verantwortlich ist. Ihr Management der Hamburger Kitas, die zu keinem Zeitpunkt ganz geschlossen waren, sondern immer eine Notbetreuung anboten, war eindrucksvoll. Während in anderen Bundesländern noch über die Bedeutung der Kinder für den Verlauf der Pandemie gestritten wurde, machte sich Leonhard stark für eine schrittweise Ausweitung der Betreuung, entwickelte entsprechende Konzepte für ganz Deutschland.

Lange bevor die Kitas ihren Regelbetrieb wieder aufgenommen haben, wurden in Hamburg bereits Zehntausende Jungen und Mädchen wieder betreut. Die Kinder waren glücklich, die Eltern mussten keine Kita-Beiträge zahlen, die Erzieher standen offenbar hinter den Konzepten, die aus der Behörde kamen (und die gut mit Experten wie zum Beispiel Kinderärzten abgestimmt waren). Inzwischen sind die Kitas einer der Bereiche, die quasi reibungslos laufen.

Das Hamburger Konzept ist aufgegangen

Und Leonhard? Die macht den Job der Gesundheitssenatorin mit, als hätte sie Jahre gehabt, um sich darauf vorzubereiten. Ihre Stärke ist auch hier die Mischung aus Ruhe, Souveränität und argumentativer Stärke – das Gegenteil des bayerischen Macher-Sprechs. So eine Testpanne wie ihrer Ministerkollegin in Bayern wäre Leonhard nie passiert: Weil sie es von Anfang für eine schlechte Idee hielt, einfach so viel zu testen, wie es geht. Inzwischen geben ihr nicht nur die Lage in Deutschland mit Laboren, die am Rande ihrer Möglichkeiten stehen, recht, sondern auch Experten wie der Berliner Virologe Christian Drosten.

Von Hamburg lernen, heißt nicht immer siegen lernen, wie wir aus dem Fußball wissen. Wenn es um die Bekämpfung des Coronavirus geht, ist das anders. Von Hamburg lernen, heißt aber auch, vorsichtig zu bleiben. Kleine Lockerungsschritte gehen, abwarten, wie sie sich auswirken, erst dann über weitere Maßnahmen sprechen. Das Konzept ist aufgegangen. Ja, es erfordert von uns allen mehr Geduld. Aber langfristig wird es uns schneller in ein halbwegs normales Leben zurückbringen als viele, viele andere Länder.