Hamburg

Corona-Protest: "Die Kultur wird zu Grabe getragen"

Fabian Segebrecht, Tanja Voßwinkel-Fischer, Dirk Wöhler und Borhen Azzouz (v.l.) demonstrieren vor dem Hamburger Rathaus.

Fabian Segebrecht, Tanja Voßwinkel-Fischer, Dirk Wöhler und Borhen Azzouz (v.l.) demonstrieren vor dem Hamburger Rathaus.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Die Veranstaltungsbranche beklagt, dass ihre Arbeit kaum bemerkt würde: "Man hat uns in der Corona-Krise total vergessen."

Hamburg.  Fünf vor Zwölf, wie eine Warnung gern metaphorisch umschrieben wird, sei es in der Corona-Krise schon lange nicht mehr. „Es gilt längst Alarmstufe Rot. Allein in Hamburg stehen mehr als 10.000 Jobs auf dem Spiel, bundesweit sind durch die coronabedingten Ausfälle in unserer Branche rund 1,5 Millionen Existenzen bedroht“, sagt Borhen „Bo“ Azzouz, der im Harburger Binnenhafen seinen Betrieb Sub-events, eine Firma für Veranstaltungstechnik, führt. Als Vorstandsvorsitzender des kürzlich gegründeten Deutschen Eventverbandes hatte Azzouz am Mittwochmittag zu einem Protestzug zum Rathaus aufgerufen, um die Politik auf die Nöte der Veranstaltungsbranche hinzuweisen.

Es war, um die Symbolik zu untermauern, also fünf nach zwölf Uhr, als sich der Demonstrationszug am Hauptbahnhof in Bewegung setzte. Auf mehr als 500 Teilnehmer hatte der Veranstalter gehofft, gekommen war wegen des stürmischen Regenwetters nur gut die Hälfte. „Hauptsache, die Aktion findet überhaupt statt“, sagte Tanja Voßwinkel-Fischer in Anspielung auf Proteste in Bremen und Hannover, die zeitgleich hätten stattfinden sollen, wegen der örtlichen Witterungsverhältnisse jedoch kurzfristig abgesagt wurden.

Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise von der Politik "total vergessen"

Seit 16 Jahren leitet Tanja Voßwinkel-Fischer eine PR-Agentur in der HafenCity. Sie habe erfolgreich Messen und Musikfestivals organisiert ­– bis zum 16. März, bis zum Lockdown. „Meine drei Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und es fehlt komplett die Perspektive. Mindestens bis Ende des Jahres ist alles abgesagt“, sagt die Selbstständige. Ein halbes Jahr könne man vielleicht von seinen Rücklagen leben, wenn man in der Vergangenheit gut gewirtschaftet habe. „Aber die Insolvenzwelle rollt an, einige haben aufgegeben.“

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„Wir bauen die Bühnen auf, wir sorgen fürs Licht, wir liefern das Essen, wir buchen die Künstler – wir sorgen also dafür, dass Veranstaltungen gelingen“, sagt Borhen Azzouz bei der Kundgebung. Doch aufgefallen sei diese Arbeit jenseits des Rampenlichts kaum. „Man sieht uns nicht und deshalb hat uns auch die Politik in der Coronakrise total vergessen.“ Die Branche habe schlicht keine Lobby gehabt – deshalb habe er mit neun Mitstreitern aus Hamburg und Berlin vor drei Wochen den Deutschen Eventverband ins Leben gerufen. „Ich gebe jetzt Gas, ich habe ja Zeit.“

Symbolisch die Kultur zu Grabe getragen: "Die Branche stirbt gerade"

Hatte er an Wochenenden vor Corona bis zu vier Veranstaltungen, die er mit Technik ausstatte, so ist der Kalender nun schon seit 225 Tagen leer und füllt sich auch kaum. „Dass man gar nicht weiß, wann und wie es wieder losgeht, das macht die Lage schwierig“, sagt auch Fabian Segebrecht, Auszubildender im dritten Lehrjahr bei Sub-events. „Der Job ist super, die Branche cool, aber sie stirbt irgendwie gerade.“

Symbolisch wurde daher ein Sarg, in dem die „Kultur“ zu Grabe getragen wurde, vor das Rathaus gerollt. „Andere Branchen sprechen von Umsatzeinbußen. Das mag auch dramatisch sein, aber bei uns kommt gar nichts mehr rein“, rief Dirk Wöhler, Präsident des Berufsverbands der Discjockeys mit mehr als 1200 Mitgliedern. Niemals habe er sich im Laufe seiner mittlerweile 26 Jahre andauernden Karriere einen solchen Stillstand vorstellen können. „Wir waren immer in Bewegung, allein meine Firma war jedes Wochenende auf 30 Events beschäftigt.“

Zentrale Forderung: ein Rettungsdialog mit Bund und Ländern

Der sechststärkste Wirtschaftszweig Deutschlands sei in Gefahr, deshalb müssten die Stimmen der Branche gehört und deren Botschaft gelesen werden. Auf einem 16 Quadratmeter großen Banner, das am 9. September Bundespolitikern in Berlin überreicht werden soll, hinterließen dann auch viele Teilnehmer des Protests ihre Forderung. Ein zentraler Wunsch: der „Rettungsdialog“ mit Bund und Ländern.

Corona-Krise: Bürgermeister Tschentscher zur Lage in Hamburg

Ein Politiker zumindest suchte am Mittwoch schon das Gespräch mit den Vertretern der Veranstaltungsbranche: Dennis Thering, von den Veranstaltern versehentlich als Roland Heintze angekündigt, betonte, wie wichtig die Branche für eine Stadt wie Hamburg sei, die vom Dom bis zu den Messen und Sportereignissen für viele erfolgreiche Veranstaltungen stehe. „Niemand darf unverschuldet in die Insolvenz geraten, Arbeitsplätze dürfen nicht verloren gehen“, so der neue CDU-Fraktionschef.

Hamburger wollen als Nächstes in Berlin demonstrieren

Grundsätzlich handele es sich eher um ein bundespolitisches Thema, so Thering, aber auch den Hamburgischen Senat könne man durchaus in die Pflicht nehmen: „Es wäre zum Beispiel denkbar, einen Hilfsfonds für die lokalen Betriebe der Branche aufzusetzen.“ Gerade erst habe er mit seinem guten Freund Peter Gade gesprochen, der die Tanzschule Ring 3 betreibt, so der Politiker in seiner Ansprache. „Der hatte auch enorme Einbußen und die Bälle sind alle abgesagt. Er weiß auch nicht, wie er weiter über die Runden kommen soll. Mir sind die Nöte der Veranstaltungsbranche also durchaus bekannt“, so Thering unter Applaus der Demonstrierenden. Während Gastronomen auf Außer-Haus-Service ausweichen könnten, gebe es für die Veranstaltungsbranche keine Optionen.

Für den 9. September hat der Deutsche Eventverband nun möglichst viele Vertreter der Branche nach Berlin eingeladen, um dort vor dem Bundestag zu protestieren. „Nur wenn wir gesehen und gehört werden, wird sich unsere Situation verbessern“, sagt Borhen Azzouz.