Hamburg

Michael Wollenberg: Ein Spitzenkoch sieht rot

Der Koch Michael Wollenberg mit Anwalt Christopher Posch vor dem Amtsgericht Hamburg Barmbek

Der Koch Michael Wollenberg mit Anwalt Christopher Posch vor dem Amtsgericht Hamburg Barmbek

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

War sein Sushi nicht tiefgefroren? Michael Wollenberg bestreitet Vorwurf und droht mit „Enthüllungen“ über die Gastro-Szene.

Hamburg. Schon vor Beginn dieser denkwürdigen Verhandlung steht Michael Wollenberg mächtig unter Dampf. Nach einer Lebensmittelkontrolle im März 2019 hat die Staatsanwaltschaft den Hamburger Spitzenkoch erneut wegen „Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch“ vor das Amtsgericht Barmbek gebracht: Als Chef des Restaurants Eichenkrug soll Wollenberg nicht dafür gesorgt haben, dass Sushi – roher Fisch – mindestens 24 Stunden vor der Verarbeitung bei einer Temperatur von 20 Grad eingefroren gewesen sei. Der Gourmetkoch weist den Anklagevorwurf zurück.

Wollenberg hat gerade zwei seiner Restaurants geschlossen. Im Marlin ließ er den Mietvertrag auslaufen, der Eichenkrug steht zum Verkauf, behalten hat er nur das Wattkorn in Langenhorn. Diese „ständigen Kontrollen, diese Schikane der Behörden“, sagt der Angeklagte vor dem Gerichtssaal, seien ein gewichtiger Grund gewesen, warum er die beiden Lokale überhaupt geschlossen habe. Er mache jetzt vor allem in Immobilien – das bringe Geld und schone die Nerven.

Michael Wollenberg spricht so laut, dass Lebensmittelkontrolleur ihn hört

Der Promi-Wirt spricht so laut, dass ein als Zeuge geladener und vor dem Gericht wartender Lebensmittelkontrolleur genau weiß, wer gemeint ist. „Für solche Menschen stelle ich mich nicht mehr 16 Stunden hinter den Herd“, schimpft der 56-Jährige mit Blick auf den Mann. Poltern mag bei Wollenberg dazugehören – in der Küche kreiert er Gerichte auf Weltklasseniveau. Einst erkochte er sich gar den Titel „Prix de Poisson Bocuse“, bester Fischkoch der Welt.

Im Gerichtssaal setzt sich fort, was vor der Tür so fulminant begann. „Ich komme mir vor wie ein Tanzbär, der in die Manege geführt wird“, sagt er. Schon in früheren Prozessen hat Wollenberg ein Talent für meinungsstarke Auftritte erkennen lassen. Seinem Erfolg tat das keinen Abbruch. So wurde etwa im Vorjahr ein Verfahren wegen Versicherungsbetrugs gegen ihn ohne Auflage eingestellt. Auch gegen den am Montag verhandelten Vorwurf hat sich Wollenberg zur Wehr gesetzt.

Ursprünglich hatte das Gericht einen Strafbefehl über 4000 Euro gegen den Spitzenkoch erlassen – Wollenberg legte Einspruch ein. Der 55-Jährige fühlt sich im Recht: „Die Kühlkette wurde immer eingehalten“, sagt er.

Thai-Dolmetscherin für einen Filipino

Bevor der Prozess richtig in Gang kommt, gibt es schon den ersten Ärger. An der Tür klopft es, eine Frau betritt den Raum, während Wollenbergs Hausmeister gerade im Zeugenstand erzählt, wie er den tiefgekühlten Fisch zwei- bis dreimal pro Woche vom Wattkorn zum Eichenkrug transportiert hat – stets vorschriftsmäßig. Sie sei Dolmetscherin für Thailändisch, sagt die Frau, aber der ebenfalls als Zeuge geladene Sushi-Koch aus dem Eichenkrug, dessen Aussage sie übersetzen solle, stamme von den Philippinen.

Amtsrichterin Heike Valentin, bekannt für ihre klaren Worte, fragt sich laut, ob Wollenberg seine Mitarbeiter überhaupt kenne. Schließlich habe sein Verteidiger den Mann als Zeugen hören wollen und ihn als Thailänder vorgestellt. Wollenberg entgegnet, er wisse nicht, woher genau seine Mitarbeiter kommen, im übrigen spreche der Sushi-Koch „gebrochen Deutsch“. Dann lohne sich ohne Dolmetscher auch eine Befragung nicht, sagt die Richterin, was wiederum Verteidiger Christopher Posch ärgert: „Sie nehmen das Ergebnis vorweg, bevor der Zeuge überhaupt gehört wurde.“ Dann eskaliert die Situation.

Richterin: "Das ist mir jetzt egal"

Für das Verfahren gegen Wollenberg ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts maßgeblich. Am 11. März entschied Karlsruhe, dass die sogenannte Blankettstrafvorschrift, die mittelbar auch Wollenbergs Fall betrifft, verfassungsgemäß ist. Das war nicht allen Prozessbeteiligten am Montag bekannt. Auf einen Wink der Staatsanwältin, Karlsruhe habe über die Vorlage entschieden, sagt Richterin Valentin: „Das ist mir jetzt egal.“ Sie wolle den Zeugen hören.

Auf Verteidiger Posch wirken die Worte der Richterin indes wie ein starkes Stimulans. „Ich glaube nicht, was ich da gerade gehört habe“, sagt Posch, „Ihnen ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes egal?“ Der Anwalt will gerade ein Befangenheitsgesuch gegen Valentin zu Papier bringen, als die Richterin die Verhandlung unterbricht, weil draußen Bauarbeiter lautstark mit einer Flex herumhantieren. Nach nicht einmal einer Stunde ist die irrwitzige Sitzung vorüber. Fortsetzung folgt.

Vor dem Saal verfestigt sich der Eindruck, dass nicht nur rohem Fisch eine Abkühlung gut tut. Wollenberg, noch immer schwer in Fahrt, sagt, er arbeite an einer Art Biografie, gespickt mit Enthüllungen über die Hamburger Politik und die Gastro-Szene. „Einige Leute werden sich warm anziehen müssen“, sagt er und verabschiedet sich höflich.