Hamburg

Keine Autos, keine Ampeln – der Radschnellweg kommt

Thorsten Schmidt (links) und Timo B. Kranz oberhalb der Trasse für den Radschnellweg an dem U-Bahnhof Fuhlsbüttel.

Thorsten Schmidt (links) und Timo B. Kranz oberhalb der Trasse für den Radschnellweg an dem U-Bahnhof Fuhlsbüttel.

Foto: Reiffert/GRÜNE Fraktion Nord

Die Route soll von Norderstedt über alte Güterbahntrasse nach Alsterdorf führen. Ein Abschnitt ist komplett kreuzungsfrei.

Hamburg. Fünf Kilometer am Stück durch Hamburg radeln, ohne an einer Kreuzung oder Ampel anhalten zu müssen und ohne auch nur einem Auto zu begegnen? Das klingt bislang nach Utopie, soll aber Realität werden – auf dem Radschnellweg von Bad Bramstedt über Norderstedt nach Alsterdorf.

Die Route soll auf Hamburger Gebiet weitgehend auf der ehemaligen Güterbahntrasse parallel zur U 1 verlaufen – dieser favorisierte Trassenvorschlag ist das Ergebnis einer Machbarkeitsuntersuchung, die jetzt im Mobilitätsausschuss der Bezirksversammlung Hamburg-Nord vorgestellt wurde. „Bedingt durch die Lage auf dem Bahndamm beziehungsweise im Einschnitt werden Radler*innen so auf über fünf Kilometer Länge keinem einzigen Auto begegnen und weder an Kreuzungen noch an Ampeln anhalten müssen“, teilten die Grünen in Nord mit und freuten sich: „Das wäre einmalig in Hamburg!“

„Der Radschnellweg ist ein Quantensprung für den Radverkehr im Norden Hamburgs“, sagte Timo B. Kranz, Fraktionsvorsitzender der Nord-Grünen, die eine Koalition mit der SPD anführen. „Gerade Pendlerinnen und Pendler – mit oder ohne E-Bike – werden es zu schätzen wissen, die fünf Kilometer in nur zwölf bis 15 Minuten zurücklegen zu können. So wird Radfahren hier ähnlich schnell wie die U-Bahn – mit mehr Flexibilität an den Endpunkten.“

Radschnellweg-Projekt hat noch einige Hürden zu nehmen

Thorsten Schmidt, stellvertretender Fraktionschef und verkehrspolitischer Sprecher, räumte ein, dass das Projekt noch einige Hürden zu nehmen hat: „Dieses Ziel in einer gewachsenen Stadt zu erreichen ist wirklich ambitioniert. Es wird auch nicht leicht werden, die Flächen für den Radschnellweg frei zu räumen – noch sind sie Teil des Ausgleichs des Baus der Flughafen-S-Bahn. Aber es lohnt sich.“ Seine Fraktion werde sich besonders für gute Anschlüsse an das vorhandene Straßennetz auch außerhalb dieses Kernstücks einsetzen“, so Schmidt. „Gerade der Übergang von der U-1-Trasse zum Veloroutennetz sollte von sehr hoher Qualität sein.“

Nach Darstellung der Grünen wurden alternative Trassen als weniger geeignet verworfen, etwa entlang des Flughafens oder über die Veloroute 4. Nächste Schritte seien eine detaillierte Machbarkeitsuntersuchung sowie ein Maßnahmen- und Umsetzungskonzept. Zum Jahresende solle die Öffentlichkeit erneut über den Projektstand informiert werden. Stand jetzt sei geplant, dass der Radschnellweg zwischen Foßberger Moor im Norden und Wellingsbütteler Landstraße im Süden parallel zur U 1 auf der alten Güterbahntrasse verlaufen soll – als mindestens vier Meter breiter Zweirichtungsradweg.

Kreuzende Straßen wie Wördenmoorweg und Krohnstieg würden entweder unterquert oder auf einer Brücke überquert (etwa Hohe Liedt und Foorthkamp). Daher müssten auch einige Brücken eigens für den Radschnellweg neu gebaut werden. Auch Anschlüsse des Radschnellwegs an die angrenzenden Straßen seien teilweise geplant.

CDU ist mit den Plänen einverstanden

Die oppositionelle CDU ist mit den Plänen einverstanden. „Das ist ein sehr sinnvolles Konzept, über das wir uns freuen“, sagte die verkehrspolitische Sprecherin der Bezirksfraktion, Caroline Mücke-Kemp, dem Abendblatt. Sie verwies darauf, dass ihre Fraktion schon länger dafür plädiert hatte, die alte Güterbahntrasse zu nutzen. Sie sei sich zwar nicht sicher, ob auf dieser durchgängig die Mindestbreite von vier Metern erreicht werde, aber dass nach Aussage der Planer keine Bäume gefällt werden müssten, sei ein Pluspunkt, so Mücke-Kemp. „Es wird allerdings noch einige Jahre dauern, bis das Projekt umgesetzt wird, die Pläne sind ja noch nicht einmal abgeschlossen.“

Da der Radschnellweg teilweise auf dem gleichen Damm verlaufen soll wie die U-Bahn, gelten die Anschlüsse an das umliegende Radwegenetz als Herausforderung. Nach Einschätzung der Grünen könnten überall dort, wo die Trasse von der Dammlage in einen Einschnitt übergeht, solche Anschlüsse an die angrenzenden Straßen hergestellt werden. Nördlich und südlich der U-Bahn-Trasse sollen vorhandene Straßen beziehungsweise die dort verlaufenden Radwege zum Schnellweg aufgewertet werden.

Nach Auskunft von Grünen-Verkehrsexperte Schmidt ist die kreuzungsfreie Ausgestaltung dabei nur eine von mehreren Möglichkeiten: „Auch eine Fahrradstraße oder sogar ein sehr breiter ,normaler‘ Hochbordradweg an einer Hauptverkehrsstraße können Führungsformen des Schnellweges sein.“ Südlicher Endpunkt des Schnellweges solle in jedem Fall die Kreuzung Rathenaustraße/Sengelmannstraße in Alsterdorf sein. Von dort verlaufen die Velorouten 4 und 5 weiter in Richtung Innenstadt und Barmbek.

Ambitionierter Plan des Senats

Die Radschnellwege sind Teil des ambitionierten Plans des Senats, das Radfahren in und um Hamburg attraktiver zu machen und so mehr Menschen zum Umsteigen zu bewegen. Sie sind quasi die „Zubringer“, auf denen die Radler auch aus dem Umland in die Stadt gelangen sollen (und umgekehrt hinaus), wo sie sich dann auf 14 Velorouten und kleinere Radwege verteilen.

Lesen Sie auch:

Daher läuft die Koordinierung der Radschnellwege auch über die „Metropolregion Hamburg“, zu der sich die Hansestadt mit vielen Umland-Kreisen zusammengeschlossen hat. Die Gesellschaft fördert das nach ihren Angaben „derzeit größte länderübergreifende Radschnellwege-Projekt in Deutschland“ mit rund einer Million Euro. Seit 2017 werden Voruntersuchungen, an denen sich die Bürger auch beteiligen konnten, für neun Radschnellwege durchgeführt, von denen sieben nach Hamburg führen.

„Radschnellwege sind keine Rennstrecken für Profis, sondern in erster Linie moderne und attraktive Wege für den Alltagsverkehr und für Pendlerinnen und Pendler“, wirbt die Metropolregion für das Konzept. Der große Vorteil sei, dass man schneller vorankomme und dadurch weitere Strecken fahren könne: „Die Geschwindigkeit entsteht dabei jedoch nicht durch schnelleres Fahren, sondern durch den Abbau von Barrieren für den Radverkehr.“