Hamburg

Familienvater fristlos gekündigt – wegen Pfandflaschen

Wegen einiger Pfandflaschen, die der Betroffene einem Obdachlosen geschenkt hat, wurde ihm fristlos gekündigt.

Wegen einiger Pfandflaschen, die der Betroffene einem Obdachlosen geschenkt hat, wurde ihm fristlos gekündigt.

Foto: picture alliance/dpa

Versicherer setzt Sachbearbeiter wegen Diebstahls von Firmeneigentum vor die Tür. Vor Gericht will der Betroffene nicht ziehen.

Hamburg. Malte Jakob (Name geändert) hatte kein Glück in der Corona-Zeit: Erst sei seine Ehe in die Brüche gegangen, dann habe er auch noch seinen Job bei einem Versicherer in der City verloren – wegen ein paar Pfandflaschen. So erzählt es Malte Jakob. Am 10. August sei er zum Chef gerufen worden, der habe mündlich die fristlose Kündigung ausgesprochen und sie mit dem „Diebstahl von Unternehmenseigentum“ begründet. Gemeint waren die Pfandflaschen. Einen Tag nach dem Gespräch hatte der Sachbearbeiter dann die fristlose Kündigung im Briefkasten – ohne Begründung.

Im Gespräch mit dem Abendblatt wirkt Jakob verzweifelt, spricht von einer finanziellen Notlage, in die er nun geraten sei. Sein wahrer Name ist dem Abendblatt bekannt, ebenso der Name der Firma. Er stehe jetzt vor einer ungewissen Zukunft, habe zwei Kinder (2, 6) zu versorgen. Der aus seiner Sicht lapidare Anlass für den Jobverlust habe ihn „schockiert“. Jakob spricht von einer „herabwürdigenden Maßnahme“. Außerdem habe er die Pfandflaschen ja nicht genommen, um sich zu bereichern.

Pfandflaschen schenkte er einem Obdachlosen

Jakobs vermeintliches Fehlverhalten liegt drei Wochen zurück. Am Ende einer Nachtschicht, gegen 7.30 Uhr, habe er die Küche aufgeräumt. Weil dort mal wieder Chaos herrschte, habe er – wie schon so oft zuvor – selbst Hand angelegt. Als er den Putzraum öffnete, habe er eine Ikea-Tasche mit Pfandflaschen entdeckt, gefüllt mit seinen eigenen Flaschen, den Flaschen der Kollegen und „vielleicht fünf oder höchstens zehn“, die der Firma gehörten, so Jakob. Er habe sie im Zuge der Aufräumaktion bloß entsorgen wollen. Und wie schon mehrmals in der Vergangenheit habe er die Pfandflaschen am Jungfernstieg einem Obdachlosen geschenkt.

Zwei Wochen später, bei der mündlichen Kündigung im Büro des Chefs, sei ihm dann mitgeteilt worden, dass eine Überwachungskamera aufgezeichnet habe, wie er mit der vollen Tasche das Büro verlassen habe und mit der leeren zurückgekommen sei. „Und da hieß es, ich hätte Unternehmenseigentum gestohlen.“ Hinter der Kündigung vermutet Jakob jedoch einen anderen Grund: Vielleicht habe sich das Unternehmen in der Corona-Krise auf diese Weise nur (unliebsamer) Mitarbeiter entledigen wollen.

Anschuldigungen seien Vorwand

Das Abendblatt hat dem Unternehmen mehrere Fragen zu den Umständen der Kündigung geschickt – sie blieben alle unbeantwortet. Auch auf Kontaktversuche per Telefon und E-Mail reagierte die Firma nicht. Am Montag einigte sich der Versicherer jedoch mit Jakob auf eine ordentliche Kündigung. Danach wollte Jakob auch nicht mehr mit dem Abendblatt sprechen. Zunächst hatte er angekündigt, Kündigungsschutzklage zu erheben und „notfalls bis vor das Bundesarbeitsgericht“ zu ziehen.

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Der Hamburger Arbeitsrechtler Rolf Geffken hätte zum Gang vors Gericht geraten. „Anschuldigungen wie in diesem Fall werden häufig zum Vorwand genommen für eine Kündigung, die aus einem ganz anderen Anlass erfolgt.“ Zwar lasse es das Gesetz zu, dass Arbeitgeber Kündigungen auch bei geringwertigen Sachen aussprechen und sich dann auf das beschädigte Vertrauensverhältnis zum Beschäftigten berufen. Selbst das Aufladen des eigenen Handys am Firmenstromnetz könne da mitunter zum Problem werden, sagt der Rechtsanwalt. Er habe vor langer Zeit einen Hausmeister vertreten, der in einer Behördenkantine eine Scheibe Käse gegessen hatte – und daraufhin entlassen wurde.

Es komme aber, wie der jahrelange Kampf der Kassiererin „Emmely“ zeige, darauf an, ob eine Kündigung verhältnismäßig sei. „Emmely“ wurde gefeuert, weil sie zwei liegen gebliebene Pfandbons über 1,30 Euro eingelöst hatte. Sie hatte 31 Jahre bei dem Unternehmen gearbeitet – eine Abmahnung, so das Bundesarbeitsgericht, hätte hier ausgereicht.