Stadtpark

Oerding-Konzerte: "Das ist in Minuten eskaliert"

Kennt den Kiez wie seine Hosentaschen:  Johannes Oerding.

Kennt den Kiez wie seine Hosentaschen: Johannes Oerding.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Johannes Oerding kam ohne Plattenvertrag nach Hamburg. So wurde er zu einem der erfolgreichsten deutschen Popstars.

Ein roter VW-Bulli ächzt über die Landstraßen am Bodensee. Vorne sitzt ein Landarzt-Elternpaar aus Geldern-Kapellen am Niederrhein, beide qualmen, was das Zeug hält. Hinten fünf Kinder wie die Orgelpfeifen, sie singen im Dunst aus Schweiß, Zigaretten, Öl und Benzin, stundenlang. Sie sind gut, allesamt.

Aber wie einst bei den Jackson Five sticht der Jüngste doch heraus. Wenn er als Fünfjähriger in Wirtshäusern „Ich bin ein rheinischer Junge“ und andere Gassenhauer und Karnevalslieder singt, fallen allen sein Stimmumfang, seine Betonung, sein Timing und sein Ausdruck auf. Auch nach dem Stimmbruch bleibt das Talent erhalten, auf Klassenfahrten und Ausflügen mit den Pfadfindern ist er im Bus hinten auf der „Rockerbank“ die lebende Jukebox, die Wünsche erfüllt. Los, Lagerfeuer-Johnny, Altbierlied! „Ja sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier …“

"Konturen" war Johannes Oerdings erste Nummmer eins

So stellt sich Johannes Oerding die ersten Minuten eines biografischen Spielfilms im Stil von „Walk The Line“ oder „Lindenberg! Mach dein Ding“ über seine Karriere vor, auch wenn er noch nicht daran glaubt, dass so ein Film irgendwann mal gedreht werden würde. Aber jetzt, viele Jahre nach den langen, singfreudigen Urlaubsfahrten mit der Familie, ist er mit sechs erfolgreichen Alben und ausverkauften Hallen-Tourneen Hamburgs populärster Star nach Udo Lindenberg.

Sein aktuelles Album „Konturen“ war 2019 auch mithilfe der TV-Sendung „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ seine erste Nummer eins nach den Plätzen vier, drei und zwei der Vorgänger. „Peter Maffay hat 19 Nummer-eins-Alben, das ist jetzt mein nächstes Ziel“, sagt Oerding und lacht. Als würde er es nicht ernst meinen.

Romantisierender deutscher Pop trifft Hausverbot

Wir sitzen im kleinen Hinterhof-Gärtchen der eigentlich geschlossenen Kiez-Kneipe Hausverbot an der Friedrichstraße, eine berüchtigte Metal-Kaschemme, die Alban Qoku betreibt. Das gespielt immer schlecht aufgelegte, jeden beschimpfende, aber herzensgute und großzügige Unikum hat für das Interview mit Johnny, wie ihn Freunde und seine Crew nennen, nicht nur seinen Laden aufgeschlossen, sondern brutzelt im Ofen eine Art albanische Tapas-Auswahl, die in ebenso endlosen Reihen auf den Tisch wandert wie die Kurzen-Gläser mit Albans Hausmarke „Saint Ginger“.

Dieser Ingwerlikör ist in Hamburgs Musikszene bereits der neue „Jägermeister“. Dass Alban Johnny fleißig einschenkt, will was heißen: Für den romantisierenden deutschen Pop von Johannes Oerding gäbe es im Hausverbot eigentlich – Hausverbot ...

Oerding kann sich in Michael Jackson verwandeln

Aber Oerding hat eben eine unfassbare Stimme, er kann sich förmlich in Michael Jackson und Prince verwandeln, er schreibt seine Lieder ohne die Hilfe von 40-köpfigen Produzenten- und Texterteams, er hat sich für seine Karriere nie verbogen – und er ist als Junge vom Dorf stark am Glas. Das nötigt auch Alban Respekt ab.

Und viele, für die Oerding Konzerte eröffnete oder die er als Gastsänger auf der Bühne besuchte, waren beeindruckt: Peter Maffay, Joe Cocker, Ich + Ich, Simply Red, Scorpions. Nur insgeheim haben sie manchmal ein mulmiges Gefühl, denn Oerding gibt auf der Bühne kein Halbgas und singt Duettpartner, ohne es zu wollen, durchaus an die Wand. „Kehle aus Gold“ nennt ihn Udo Lindenberg.

Abstecher in Elbschlosskeller benötigt vorherige Planung

In der Öffentlichkeit kann sich Johannes Oerding zu seinem Leidwesen wie Udo nur noch ohne seinen markanten Hut halbwegs frei bewegen. Ein Konzertbesuch oder Abstecher ins Hausverbot, in die Daniela Bar oder in den Elbschlosskeller bedeutet vorherige generalstabsmäßige Planung der schnellsten Schritte von der Wohnung in der Schanze bis zu den Kumpels in der hintersten dunklen Ecke eines Biergartens.

Oft ist „Happy“ dabei, ein Hamburger Türsteher und der Moses, der – wenn es ungemütlich wird – das Meer auf dem Weg teilt. Das ist ein Preis des Erfolges, den Oerding, so loyal wie gesellig, ungern zahlt. Nett angesprochen werden ist kein Problem, aber dauernd ungefragt gefilmt und irgendwo hochgeladen und zum Shitstorm freigegeben zu werden ist sehr unangenehm. Aber auch dafür hat er lange gekämpft, „und die meisten sind wirklich lieb und gut erzogen“.

Aus der lebenden Jukebox von der „Rockerbank“ im Bus wird Ende der 90er der Sänger der Schülerband Groovekeller, die im Keller unter der Drogenberatungsstelle der Caritas in Kevelaer haust. Nach einem Stadtfestauftritt im Sauerland unterschreibt er mit 18 Jahren seinen ersten Künstlervertrag mit einem zufällig anwesenden Hamburger Produzenten. Als Johannes Oerding.

Ohne Plattenvertrag nach Hamburg

Auch wenn der Name nicht nach Rock ’n’ Roll klingt, steht er bis heute dazu, nicht den Weg eines Peter Makkay (Peter Maffay), Andreas Frege (Campino) oder Jan Vetter (Farin Urlaub) gegangen zu sein, obwohl es am Anfang vielleicht ein Nachteil war. „Jolius oder so was wollte man mich mal nennen. Aber ich will im normalen Leben wie auf der Bühne sein. Auch wenn das bedeutet, einiges aushalten zu müssen.“

Alle Plattenfirmen, bei denen Oerding vorstellig wird, winken ab. Auch die, die ihn später doch mit Kusshand nimmt. Vielleicht sollte er doch etwas Vernünftiges aus seinen Studien „aus der Not heraus“ machen, BWL in Düsseldorf und Internationales Marketing in Venlo.

Aber es gibt keinen Plan B. Ohne Plattenvertrag zieht Johannes Oerding nach Hamburg, die Musikmetropole mit Clubs im Überfluss, in die er sich schon beim ersten Besuch verliebte: „Ich fuhr mit 17 über die Kennedybrücke zu einem Konzert von Soulounge mit Roger Cicero. Als er ,How Come U Don’t Call Me Anymore‘ von Prince sang, wusste ich: Das will ich auch machen. In dieser Stadt. Sechs Jahre später war ich dann Sänger in dieser Band.“

2009 trat Oerding bei "Inas Nacht" auf

Johannes Oerding, Hutträger des Jahres 2019, arbeitet beeindruckt von Roger Cicero, Hutträger des Jahres 2015, an seiner Technik und singt, wo immer ein Mikro steht. Er schlägt sich die Nächte in Angie’s Nightclub oder in Studios unter der Talstraße um die Ohren – und die Stadt der Pop-Netzwerke hat ihre Ohren überall.

Ein Hausnachbar in Barmbek-Süd ist Pop-Perlentaucher und Labelbetreiber Michy Reincke, der erste Anschubhilfen gibt. Und dann kommt das Angebot, 2009 in Ina Müllers TV-Show „Inas Nacht“ aufzutreten. „Ich wusste erst nicht, wer diese Frau überhaupt ist“, erzählt Oerding, „was dann folgte, wäre wohl die romantische Szene in meinem Spielfilm.“ Johnny Cash trifft auf June Carter.

„Kunst kennt keine Demokratie"

Bis heute sind die beiden auch kreativ ein Paar. Derzeit arbeitet Oerding wieder mit an Ina Müllers neuem Album. Eigentlich ist er musikalischer Einzelkämpfer, „Kunst kennt keine Demokratie, hat mein erster Plattenboss gesagt“, und für ihn ist es sowohl Stärke als auch manchmal Schwäche, immer zu wissen, wo es langgehen soll.

Die Band, seit 16 Jahren an seiner Seite, schätzt allerdings die Zielstrebigkeit und den Ehrgeiz, denn die Ergebnisse liegen offen: Seit 2009 wurden die Platten immer populärer, die Bühnen größer, von „Erste Wahl“ bis „Konturen“, vom Knust über die Große Freiheit in die Sporthalle und in die Barclaycard Arena.

Stadtpark ist Joannes Oerdings zweites Wohnzimmer

Auch der Stadtpark ist schon sein zweites Wohnzimmer geworden, und vom 20. August an spielt er unter Corona-Auflagen 15 Abende lang auf einer neu errichteten, nach allen Seiten offenen Bühne vor jeweils 1000 Gästen auf Sitzplätzen. „Es hängen noch 150.000 Arena-Tickets für unsere schon dreimal verlegte Konturen-Tour an den Kühlschränken, und bis dahin will ich nicht warten. Als die Verordnung 1000 Gäste erlaubte, haben wir uns sofort hingesetzt und überlegt, wie wir die in den Stadtpark kriegen.“

Es soll das komplette Gegenteil der Arena-Tour werden, mit anderen Songs, neuen Arrangements, zurück zu den Wurzeln, zurück in die Jugendtage, als Johannes Oerding der „Lagerfeuer-Johnny“ war. Trotzdem hat ihn die Resonanz, die aus drei Abenden fünfmal so viele machte, überrascht. „Das ist in Minuten eskaliert. Ich glaube, dass ein paar Leute beleidigt sind, aber ohne unsere Idee, die wir mit der Karsten Jahnke Konzertdirektion entwickelt haben, hätte es vielleicht gar keine Veranstaltung dieses Jahr im Stadtpark gegeben.“ Stattdessen können sich Konzertfans nach den ersten Konzerten von Lea und Lina Larissa Strahl auch noch auf MoTrip, Selig, Faber und Thees Uhlmann freuen.

Es ist Zeit zu gehen für Johannes Oerding. „Was ist los?“, warnt Alban und schwenkt drohend die Ingwerschnaps-Buddel. Er bleibt noch und muss doch weg. Weiter, immer weiter. So war es schon immer. Nicht wenige beschreiben Johannes Oerding als Mensch, der von beiden Seiten der Kerze für die Musik und das Leben als Musiker brennt. Manche Künstler landen in der Asche, manche erheben sich daraus wieder. „Der Absturz gehört ja auch immer zu diesen Filmen, aber den habe ich noch vor mir, wenn überhaupt“, verspricht Oerding. Sein Auto lässt er stehen.