Prozess in Hamburg

Zweijährige schluckt Antipsychotikum: Eltern angeklagt

Prozess in Hamburg: In der Wohnung der Eltern in der HafenCity schluckte die Zweijährige eine Tablette eines hochpotenten Neuroleptikums (Symbolbild).

Prozess in Hamburg: In der Wohnung der Eltern in der HafenCity schluckte die Zweijährige eine Tablette eines hochpotenten Neuroleptikums (Symbolbild).

Foto: picture alliance / dpa Themendienst / Mascha Brichta

Das Mädchen erlitt schwere motorische Störungen. Hamburger Staatsanwaltschaft wirft den Eltern fahrlässige Körperverletzung vor.

Hamburg. Die letzten Minuten, bevor ihr Prozess losgehen soll, liest die Angeklagte noch in ihrem Koran. Vielleicht braucht sie in diesem Moment den Zuspruch, einen Trost, den sie in den Zeilen findet? Farideh E. und ihr Mann sollen dafür verantwortlich sein, dass es ihrer kleinen Tochter sehr schlecht ging. Zwei Jahre war das Kind alt und vollkommen ahnungslos, dass es sich in Gefahr begibt, als es zu den kleinen runden Pillen griff. Vielleicht hat die Tochter gedacht, es wären Bonbons?

Tatsächlich hat das kleine Mädchen keine Süßigkeiten geschluckt, sondern mindestens eine Tablette eines hochpotenten Neuroleptikums, also eines Medikaments zur Behandlung akuter und chronischer schizophrener Symptome. Durch die Antipsychotikum-Pille erlitt das Kleinkind Bewusstseinseintrübungen, schwere motorische Störungen und musste im Krankenhaus behandelt werden, heißt es in der Anklage vor dem Amtsgericht, wo sich nun die Eltern der heute Fünfjährigen verantworten müssen.

Zweijährige schluckt Psychopharmaka der Mutter

Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter Farideh E. und dem Vater Golbudin H. wegen des Vorfalls vom 29. August 2017 fahrlässige Körperverletzung vor. Sie hätten in ihrer Wohnung in der HafenCity besagte Psychopharmaka, die der Mutter verordnet worden waren, offen liegen gelassen, heißt es in der Anklage. Bei ordnungsgemäßer Aufbewahrung hätten Schäden für das Kind vermieden werden können.

Zu einem früheren Gerichtstermin waren die Angeklagten nicht erschienen. Daraufhin hatte die Richterin einen Strafbefehl, also ein schriftliches Urteil ohne Hauptverhandlung, erlassen, gegen den das Paar Einspruch eingelegt hat. Deshalb jetzt der Prozess.

Prozess: Eltern müssen 600 Geldstrafe zahlen

Die Aussage der Angeklagten erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wegen der psychischen Erkrankung seiner Mandantin, wie der Anwalt geltend macht. Anschließend allerdings empfiehlt die Amtsrichterin, den Einspruch gegen den Strafbefehl zumindest teilweise zurückzunehmen. Das machen die Eltern des kleinen Mädchens, so dass es nur noch um die Höhe der Geldstrafe geht. Am Ende werden der Vater und die Mutter jeweils zu 60 Tagessätzen à fünf Euro verurteilt. Die gesamte Geldstrafe beträgt also 600 Euro.

Die Vorwürfe, hochpotente Medikamente so aufbewahrt zu haben, dass sie für ihr Kind zugänglich waren, weckt Erinnerungen an den Fall Chantal. Die Elfjährige wurde am 16. Januar 2012 tot in ihrem Bett aufgefunden.

Der Fall Chantal: Die Geschichte eines viel zu kurzen Lebens

Chantal war an einer Methadon-Vergiftung gestorben. Das Mädchen hatte eine Tablette eingenommen, die ihre drogenabhängigen Pflegeeltern in der Wohnung herumliegen lassen hatten.