Bundesweite Studie

Bildungsvergleich: Hamburg pirscht sich an Bayern heran

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Peter Ulrich Meyer
Hamburg war bei Schülerleistungsvergleichen wie Pisa oder Iglu jahrelang Schlusslicht zusammen mit den Stadtstaaten Berlin und Bremen. Nun hat sich die Hansestadt in der Spitzengruppe etabliert (Symbolbild).

Hamburg war bei Schülerleistungsvergleichen wie Pisa oder Iglu jahrelang Schlusslicht zusammen mit den Stadtstaaten Berlin und Bremen. Nun hat sich die Hansestadt in der Spitzengruppe etabliert (Symbolbild).

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa

Die Hansestadt hat sich gegenüber 2013 am zweitstärksten verbessert. Wo Hamburgs größte Stärken und Schwächen liegen.

Hamburg/Berlin. Es ist nicht mehr überraschend, dass Hamburg in Ländervergleichen beim Thema Bildung gute Plätze belegt, aber ein Satz wie dieser lässt doch aufhorchen: „Die leistungsfähigsten Bildungssysteme haben Sachsen und Bayern, gefolgt von Thüringen, Hamburg, Baden-Württemberg und dem Saarland.“ So steht es im sogenannten Bildungsmonitor 2020 der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), der am Freitag veröffentlicht wurde.

Hamburg, jahrelang bei Schülerleistungsvergleichen wie Pisa oder Iglu Schlusslicht zusammen mit den Stadtstaaten Berlin und Bremen, hat sich in der Spitzengruppe etabliert. Gegenüber dem Vorjahr hat sich Hamburg noch einmal um einen Platz auf Rang vier verbessert. Im Langzeitvergleich seit 2013 entwickelte sich der Stadtstaat am zweitstärksten – nur das Saarland legte noch mehr zu.

Bildungsvergleich: In die Auswertung fließen 93 Indikatoren

Am Ende der Skala rangieren Berlin, Brandenburg, Bremen und Sachsen-Anhalt. Das Institut der deutschen Wirtschaft erstellt die umfangreiche Studie im Auftrag der INSM jährlich seit 2004. Die Initiative wird von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert.

In dieser Studie wird explizit eine bildungsökonomische Sichtweise eingenommen. Es steht im Blickpunkt, welchen Beitrag das Bildungssystem leistet, um den Wohlstand zu sichern, Aufstiegsmöglichkeiten für den Einzelnen zu schaffen und Teilhabe zu gewährleisten. In die Auswertung fließen 93 Indikatoren ein. Dazu zählen:

  • Ganztagsschulausbau
  • Betreuungsrelationen an Schulen
  • Schulabbrecherquoten
  • Förderinfrastruktur für lernschwächere Schüler
  • Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen
  • Leistungsfähigkeit des Bildungssystems in Mathematik
  • Naturwissenschaften
  • Textverständnis
  • Effizienz der eingesetzten Ressourcen

Hamburgs Schüler haben gute Englischkenntnisse

Die größten Stärken Hamburgs liegen in den Bereichen Internationalisierung und der sogenannten Inputeffizienz. Englisch lernen 97,4 Prozent der Grundschüler und 91,2 Prozent der Berufsschüler – das sind bundesweite Spitzenwerte. Die Hamburger Schüler haben insgesamt ein überdurchschnittliches Hörverständnis in der englischen Sprache. Positiv vermerken die Autoren des Bildungsmonitors, dass in Hamburg die Sachausgaben an den Schulen im Vergleich zu den Personalausgaben sehr hoch sind.

Dass in Hamburg 98,4 Prozent der Grundschüler an einer offenen oder gebundenen Ganztagsschule lernen, bedeutet Platz eins unter den Ländern. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 42 Prozent. Auch in der Sekundarstufe I liegt der Stadtstaat mit einem Wert von 97,6 Prozent ganz vorn.

Grundschulen: Auf einen Lehrer kommen 13,1 Kinder

„In Hamburg sind die Schüler-Lehrer-Relationen insbesondere an den Grundschulen besonders gut. Hamburg erzielt hier den besten Wert aller Länder“, heißt es im Bildungsmonitor. Auf einen Lehrer kommen an der Grundschule rechnerisch 13,1 Kinder – Bundesdurchschnitt: 15,9. Auch an den Stadtteilschulen weist die Lehrer-Schüler-Relation im Ländervergleich sehr gute Werte auf. Grund- und Stadtteilschulen (Sekundarstufe I) liegen bei den erteilten Unterrichtsstunden auf Platz eins. Die Klassengröße wird dagegen als durchschnittlich bewertet.

Ein bekanntes Problem des Hamburger Schulsystems ist auch den Autoren des Bildungsmonitors nicht entgangen: Die Neuntklässler erreichen in der jüngsten Kompetenzerhebung in den Naturwissenschaften nur den vorletzten Platz. Nur etwas besser war das Ergebnis im Fach Mathematik. In den Naturwissenschaften erreichten 12,1 Prozent der Neuntklässler nicht den Mindeststandard (Bundesschnitt: 9,2 Prozent). Auch in Mathematik und Lesen sind die Risikogruppen laut Bildungsmonitor überdurchschnittlich hoch. Das Problem besteht ausweislich der Schülerleistungstests, auf die sich die Studie beruft, bereits bei den Viertklässlern.

Schwachpunkt an Hamburgs Schulen: Naturwissenschaften

Immerhin: In Hamburg müssen etwas weniger Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen – 6,3 Prozent – als im Bundesschnitt mit 6,6 Prozent. Auch bei den Absolventen des Berufsvorbereitungsjahrs liegt Hamburg mit 61,9 Prozent über dem Durchschnitt (53,4 Prozent). Als Manko wertet der Bildungsmonitor, das in Hamburg nur 13,9 Prozent der Studierenden einen ingenieurwissenschaftlichen Abschluss machten (Bund: 19 Prozent). Unterdurchschnittlich ist auch der Anteil der Absolventen in Mathematik und Naturwissenschaften. „Mit 8,7 Prozent belegt Hamburg hier den letzten Platz aller Bundesländer (Bundesdurchschnitt: 13,8 Prozent)“, heißt es in der Studie.

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„Naturwissenschaften und Mathematik sowie Lesen bleiben weiterhin die großen Schwachpunkte an Hamburgs Schulen. Trotz kleinerer Fortschritte schneidet Hamburg hier immer noch schlecht ab“, sagte Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Nordmetall und AGV Nord. Das schlechte Abschneiden in den MINT-Fächern und die überdurchschnittlich großen Risikogruppen seien mangelhaft. „Hier muss die Schulbehörde endlich mit voller Kraft aktiv werden, am besten in Kooperation mit der Wirtschaft, um mehr Praxis in die Theorie zu bringen“, so Fickinger.

Besonders lobenswert in Hamburg: die Ganztagsbetreuung

Dennoch seien die norddeutschen Industriearbeitgeber generell mit der Entwicklung Hamburgs zufrieden. „Die Verbesserung von Platz fünf auf Platz vier zeigt, dass in der Hansestadt vieles gut läuft“, sagt Fickinger. Besonders lobenswert seien der Fremdsprachenunterricht, die Ganztagsbetreuung und die Schüler-Lehrer-Relation an Grundschulen.

Die Autoren des Bildungsmonitors haben auch die Auswirkungen der Corona-Krise mit den zeitweisen Schulschließungen untersucht. „Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass das Bildungssystem in Deutschland, besonders im Bereich der digitalen Ausstattung, massive Defizite aufweist“, sagte INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. Jahrelange Versäumnisse der Politik und „träges Handeln der zuständigen Bildungsbehörden“ müssten Kinder, Jugendliche und ihre Eltern jetzt ausbaden.

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