Altona

Zu viele Süchtige? Nachbarn wehren sich

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Peter Wenig
Das „Stay Alive“: Die FDP-Politikerin Katarina Blume fordert mehr Schutz für Anwohner.

Das „Stay Alive“: Die FDP-Politikerin Katarina Blume fordert mehr Schutz für Anwohner.

Foto: Marcelo Hernandez

Drogenberatung „Stay Alive“ ist anerkannt, aber es gibt häufig Streit mit Anwohnern. Entscheidung der Stadt hat Konflikt angeheizt.

Hamburg.  Die ersten Klienten kommen am späten Vormittag. Um 11:30 Uhr öffnet sich die Tür des „Stay Alive“. Der Name trifft es: „Bleib am Leben“. Wer die Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige an der Virchowstraße in Altona besucht, kämpft meist seit Jahren mit der Sucht. Im „Stay Alive“ können Drogenabhängige mitgebrachte Drogen unter Aufsicht konsumieren. Benutzte Spritzen werden getauscht, Experten beraten über Wege aus der Sucht, unterstützen bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Job.

Schon bevor sich der erste Abhängige im Herbst 2012 in der ehemaligen Gewürzmühle eine Spritze setzte, gab es Streit um das „Stay Alive“. Anwohner und Gewerbetreibende, organisiert in einer Bürgerinitiative, machten mobil gegen den Umzug der Einrichtung aus der Davidstraße. Sie verfehlten allerdings die notwendige Zahl von Unterschriften für einen Bürgerentscheid.

Anwohner beschweren sich über „Stay-Alive“-Klienten

Die Konflikte reißen seitdem nicht ab. Anwohner beschweren sich über „Stay-Alive“-Klienten, die sich auf privaten Grundstücken aufhalten, dort mitunter ihre Notdurft verrichten. Regelmäßig treffen sich Anwohner zum bereits vor dem Umzug eingerichteten runden Tisch mit Vertretern der Einrichtung, der zuständigen Behörden und der Polizei. Die Protokolle, die das Abendblatt einsehen konnte, gleichen Klageschriften. Es geht um Diebstähle, Handgreiflichkeiten, Drogenkonsum vor der Einrichtung, Dealen auf der Straße, Beleidigungen und Spritzenfunden.

Befeuert wird der Streit nun durch eine politische Entscheidung: Die Bezirksversammlung Altona hatte im September 2019 die Stadt aufgefordert, für zunächst zwei Jahre die Stelle eines Straßensozialarbeiters zu finanzieren. Dieser sollte sich vor allem um die Klienten des „Stay Alive“ kümmern, die sich im Umfeld der Einrichtung aufhalten. „Ziel ist der Erhalt der Akzeptanz für die Einrichtung und das Bestreben, die Belastungen für die Anlieger nicht über das erträgliche Maß anwachsen zu lassen“, hieß es in dem Antrag. Doch die Senatsbehörden haben diese Forderung abgelehnt.

Entsetzen und Wut bei Anwohnern

Auf Abendblatt-Anfrage erklärt die Sozialbehörde, dass man „weiter mit den Beteiligten im Gespräch sei, um Möglichkeiten einer stärkeren Vernetzung und Kooperation der verschiedenen Akteure zu erörtern“: Weiter heißt es: „Die bloße Ergänzung von Kapazitäten, beispielsweise eine zusätzliche Stelle, ohne konzeptionellen Rahmen und passende Anbindung, wird keinen wirksamen Effekt erzielen.“ Stattdessen beabsichtige die Sozialbehörde „Angebote der Straßensozialarbeit im gesamtstädtischen Kontext weiterzuentwickeln“. Dabei beziehe man „natürlich auch die Situation im Bezirk Altona mit ein“. Im Übrigen ließe sich auch durch „intensivierte Straßensozialarbeit nicht gänzlich verhindern, dass sich Personen im Umfeld des „Stay Alive“ aufhalten“.

Seit der Ablehnung ist die Stimmung an der Virchowstraße noch angespannter. Laut Protokoll der Sitzung des runden Tisches vom Frühjahr reagierten die Anwohner auf die von einem Behördenvertreter überbrachte Nachricht mit Entsetzen und Wut, sprachen von „Hohn und Unverschämtheit“. Ein Anwohner erklärte: „Ich möchte mich wieder sicher fühlen und nicht Junkies begegnen, die mit Spritzen und Messern auf mich zukommen.“ Nach der Entscheidung der Behörde sei für ihn der „runde Tisch Zeitverschwendung und komplett sinnlos“.

Katarina Blume kann den Unmut der Anwohner verstehen

Katarina Blume, Fraktionschefin der FDP Altona, kann den Unmut der Anwohner verstehen: „Die Lage hat sich dort deutlich verschärft. Hier muss endlich etwas unternommen werden.“ Das „’Stay Alive‘ leiste gute und wichtige Arbeit“. Aber es sei nicht zu akzeptieren, dass Anwohner und Gewerbetreibende derart belastet würden: „Ich habe hier auch schon Menschen beobachtet, die auf der Straße Crack rauchen oder sich Spritzen setzen. Die lagen dann komatös auf dem Bürgersteig.“ Dies sei für das Umfeld unzumutbar, vor allem angesichts des Jugendzentrums in direkter Nachbarschaft. Völlig inakzeptabel sei, dass vor der Einrichtung gedealt werde: „Hier geht es um Kriminalität.“

Die Entscheidung der Senatsbehörden, die von der Bezirksversammlung gewünschte Sozialarbeiter-Stelle abzulehnen, hält Katarina Blume für einen schweren Fehler: „Dieser Sozialarbeiter hätte mit dafür sorgen können, dass sich die Junkies nicht mehr auf umliegenden privaten Grundstücken aufhalten.“

Anwohner klagt über ständigen Lärm

Wäre es besser, wenn die Einrichtung wieder umziehen würde? Mehrere Anwohner würden dies begrüßen. „Die Struktur im Umfeld hat sich geändert. Es entstehen immer mehr Wohnungen. Diese Einrichtung passt nicht mehr hierher.“ Eine Therapeutin sagt, dass sich viele ihre jungen Klienten beim Weg in die Praxis lieber begleiten lassen. Ein Anwohner klagt über ständigen Lärm: „Wir haben hier inzwischen ein Dauergeschrei und -gepöbel. Mittlerweile kommen massenhaft Junkies vom Hauptbahnhof hier nach Altona. Es läuft aus dem Ruder.“ Ein Gewerbetreibender berichtet, dass Kunden den Weg scheuen.

Christine Tügel kennt diese Vorwürfe, sie ist regelmäßig beim runden Tisch dabei. Das Vorstandsmitglied des Vereins Jugendhilfe, der neben dem „Stay Alive“ auch das „Drob Inn“ am Hauptbahnhof betreibt, verweist auf gesellschaftliche Probleme: „Es liegt nicht an Drogenhilfe-Einrichtungen wie dem ,Stay Alive‘, dass es in Hamburg Drogenkonsum gibt. In dieser Stadt leben viele drogenabhängige Menschen. Diese Menschen brauchen Hilfe.“ Die Arbeit ihres Vereins diene auch der Sicherheit: „Die Zahl benutzter Spritzen im öffentlichen Raum wäre viel höher, wenn es unsere Einrichtungen nicht geben würde.“ Ihr seien kaum Straftaten bekannt, die Klienten im Umfeld des „Stay Alive“ begangen haben sollen: „Wenn es gelegentlich zu Auseinandersetzungen kommt, dann finden diese fast immer unter den Klienten statt. Außenstehende werden darin fast nie verwickelt.“

Sie sieht die Verelendung als Folge wachsender Obdachlosigkeit. „Es gibt in Hamburg eine dramatische Wohnungsnot. Dagegen muss die Stadt mehr tun.“ Man könne den Menschen nicht verbieten, sich auf der Straße aufzuhalten.

Polizei zeigt Präsenz

Unterstützung erhält Christine Tügel von einer Institution, von der man es nicht erwarten würde: von der Polizei. „Vielen Anwohnern wäre es am liebsten, wenn das ’Stay Alive‘ umziehen würde. Und dies möglichst weit entfernt. Aber so eine Einrichtung macht keinen Sinn in Stadtteilen, in die Suchtkranke nicht hinfahren“, sagt Andreas Nieberding, Leiter der zuständigen Wache in Altona. Die Virchowstraße sei „definitiv kein Schwerpunkt bei Drogenkriminalität“. Es gebe zwar vereinzelt Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, „aber nicht annähernd in dem Ausmaß wie teilweise in anderen Bereichen der Stadt.“

Dennoch nehme man sehr wohl „die Wahrnehmungen und Sorgen der Anwohner ernst“. Deshalb zeige man die nötige Präsenz, reagiere sofort, wenn Zwischenfälle gemeldet würden. Aber man müsse „nun mal mit Suchtkranken im öffentlichen Raum leben“.

Dann wird der erfahrene Beamte grundsätzlich: „Ich bin sehr froh, dass es Einrichtungen gibt wie das ’Stay Alive‘. Denken Sie nur an die Zustände in den 1990er-Jahren im Umfeld des Hauptbahnhofs, wo es ständig öffentlichen Drogenkonsum gab.“ In der Tat setzten sich vor 20 Jahren am Hauptbahnhof Junkies Spritzen, der Drogenhandel florierte, die Polizei schaute weg. Vor allem die Angst um die Sicherheit kostete Rot-Grün 2001 die Macht im Rathaus: Ole von Beust und Rechtspopulist Ronald Barnabas Schill, der sich als „Richter Gnadenlos“ inszenierte, triumphierten. Diese Zeiten seien zum Glück vorbei, sagt Nieberding: „Jetzt erfolgt dieser Konsum in einem kontrollierten Umfeld. Jetzt gibt es solche Hilfeeinrichtungen, dies ist viel angenehmer und sicherer für alle Beteiligten.“

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Für alle Beteiligten? Die Anwohner sehen das anders: „Diese Strategie geht auf Kosten unserer Lebensqualität.“ Die Polizei komme zwar zügig, wenn man melde, dass sich Junkies auf Privatgrundstücken herumtreiben oder auf der Straße Drogen konsumieren. „Aber wenn die Beamten wieder abrücken, haben wir fünf Minuten später die gleiche Situation. Die Politik lässt uns im Stich.“

In den kommenden Jahren dürfte die Diskussion um den Standort des „Stay Alive“ zunehmen. Denn nur ein paar Steinwürfe von der Einrichtung entfernt baut die Stadt eines der großen Vorzeigeprojekte in der Bildungspolitik: Auf dem Schulcampus Struenseestraße entstehen zwei Gymnasien und eine Grundschule für 2000 Schüler und 250 Lehrer. Katarina Blume sagt: „Das kann einen als Kommunalpolitikerin nicht kaltlassen. Die Frage, ob sich diese Drogeneinrichtung noch an der richtigen Lokation befindet, muss gestellt werden.“

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