Neue Interviewreihe

„Wer die Corona-Krise meistert, kann alles meistern“

| Lesedauer: 15 Minuten
Matthias Iken
Der Ökonom Prof. Dr. Thomas Straubhaar lehrt an der Universität Hamburg und ist der Autor mehrerer Bücher , zuletzt erschien ein Plädoyer für ein Grundeinkommen.

Der Ökonom Prof. Dr. Thomas Straubhaar lehrt an der Universität Hamburg und ist der Autor mehrerer Bücher , zuletzt erschien ein Plädoyer für ein Grundeinkommen.

Foto: Marcelo Hernandez

Wie wird das Virus die Welt verändern? Der Ökonom Thomas Straubhaar fordert im Abendblatt eine ökologische Wende.

Hamburg. Die Corona-Krise ändert alles – unsere Art zu leben, unsere Wirtschaft, unsere Innenstädte, unsere Mobilität, unsere Kultur. In einer Interviewreihe wollen wir über den Wandel sprechen, über Risiken, aber auch Chancen. Den Anfang macht der renommierte Ökonom Thomas Straubhaar, der sich schon frühzeitig in der Corona-Krise zu Wort gemeldet hat und vor den Folgen des Shutdowns warnte. Mit der Schriftstellerin Juli Zeh, dem Virologen Alexander Kekulé oder dem früheren Staatsminister Julian Nida-Rümelin forderte er Ende April im „Spiegel“ mit dem Aufsatz „Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich“ Öffnungen ein.

Hamburger Abendblatt: Herr Straubhaar, wird unser Leben je wieder so, wie es vor Corona war?

Thomas Straubhaar: Da gibt es zwei Antworten: Sie lautet Ja, wenn es darum geht, ob wir wieder glücklich werden und unbesorgt unser Leben genießen können. Sie heißt Nein, wenn es darum geht, ob alles wieder so werden wird, wie es vor der Krise war. Das hoffe ich im Übrigen auch: In jeder Krise liegen große Chancen für notwendige Veränderungen. Und diese Chancen müssen wir jetzt ergreifen.

Welche Chancen sollen das sein?

Straubhaar: Es wird uns dank Corona endlich wieder bewusster, dass wir als Menschen sterblich sind und dass das Leben ein vergängliches Geschenk ist. Das Bewusstsein um die existenziellen Risiken ist wichtig – es sollte dazu führen, unser Leben intensiver zu gestalten. Das philosophisch-ethische Moment – also die Sinnfrage des Daseins – ist etwas verloren gegangen, in den letzten Jahrzehnten haben wir uns zu sehr auf eine Erhöhung des materiellen Lebensstandards konzentriert.

Hat uns Corona auf uns selbst zurückgeworfen?

Straubhaar: Ja. Und es hat Mängel aufgezeigt im Gesundheitswesen, im Bildungswesen, aber auch bei der Globalisierung. Es war noch nie so spannend, nach neuen Wegen zu suchen wie heute.

Die Daten sind mehr als spannend, sie sind explosiv – in manchen Volkswirtschaften sehen wir zweistellige Rückgänge der Wirtschaftsleistung.

Straubhaar: Diese Zahlen sollte man nicht überbewerten, das sind kurzfristige Schwankungen. Wir haben uns in den letzten Jahren viel zu sehr auf diese Daten fixiert. Wir sollten stärker auf qualitative und weniger auf quantitative Daten blicken: Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht das Maß aller Dinge. Einen möglichen Einbruch von im schlimmsten Fall zehn Prozent werden wir in diesem Ausmaß nicht bei der Beschäftigung oder unserem Lebensstandard spüren. Die Corona-Krise trifft die ganze Welt – und Österreich, die Schweiz und Deutschland sind am besten damit klargekommen. Ökonomie hat viel mit Relationen – also Abwägungen – zu tun. Meine Hypothese ist, dass sich im Vergleich zu den anderen Volkswirtschaften unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Rest der Welt wegen Corona sogar verbessern wird. Wir werden 2021 und 2022 einen großen Teil der Verluste wieder aufholen. Deshalb bin ich mir sicher: Bei allem Schrecken werden wir in Deutschland mit einem blauen Auge davonkommen.

Also müssen wir uns nicht Bange machen lassen?

Straubhaar: Exakt! Zurück zum Zahlenbeispiel: Vielleicht gehen unsere Einkommen um zehn Prozent zurück. Aber auch auf der Ausgabenseite werden wir gezwungenermaßen die Konsumausgaben zurückfahren – wir fahren nun an die Ostsee, statt nach Thailand zu fliegen, wir kaufen weniger planlos ein und gehen weniger aus. Das verursacht zwar eine Umsatzminderung – es macht aber viele nicht unbedingt ärmer, sondern nur etwas bescheidener.

Für eine exportorientierte Wirtschaft sind es aber keine guten Nachrichten, wenn Absatzmärkte wegbrechen …

Straubhaar: Das ist richtig. Aber Corona hat dieses Problem jetzt nur verschärft und es nicht erschaffen. Unsere Abhängigkeit von China beispielsweise ist schon vorher viel zu weit gegangen, da hätten wir längst vorsichtiger sein muss. China will keine Marktwirtschaft in unserem westlichen Sinne sein, sondern die Märkte beherrschen. Der Volksrepublik geht es um China first – das ist nicht unredlich, aber wir sollten es wissen in allem, was wir mit China tun. China hat inzwischen eine solche Marktmacht, dass es andere Länder auf seine Spur zwingen kann.

Dann würde die Pandemie, die aus China kam, am Ende China nutzen?

Straubhaar: Nicht, wenn wir die richtigen Lehren ziehen. Wir haben zu sehr auf kurzfristige Geschäfte gesetzt und zu wenig die langfristigen Folgen berücksichtigt – das ändert sich jetzt – das sieht man am besten, wenn man sich die breite Unterstützung für Fridays for Future vor Augen führt. Deutschland und Europa werden sich genau überlegen, was es bedeutet, wenn eine Parteidiktatur wie China Monopolist auf vielen Märkten werden sollte. Diese Probleme wären aber sowieso gekommen. Da sage ich: Lieber früher als später – noch sind wir wirtschaftlich stark genug, um zu reagieren und eigene Wege zu gehen etwa bei der Digitalisierung, wo wir nach gemeinsamen europäischen Lösungen suchen müssen, um ein respektables Gegengewicht zu China in die Waagschale werfen zu können.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Sind unsere Gesellschaften wirklich stark genug?

Straubhaar: Bis vor einem halben Jahr hätte ich Ihre Skepsis geteilt – ich hielt uns für zu träge. Aber die letzten Monate sind eine absolute Erfolgsgeschichte für das deutsche Modell. Bei allen Schwächen waren wir in der Lage, über Nacht ohne großes Murren das gesellschaftliche Leben kaltzustellen und die Wirtschaft einzufrieren. Das haben die Menschen mitgetragen. Wenn ein gemeinsamer Wille besteht, lässt sich auch ein gemeinsamer Weg für gute Problemlösungen finden. Wer die Corona-Krise meistert, kann alles meistern. Das ist doch die Corona-Botschaft, die uns allen das notwendige Selbstvertrauen zur Zukunftsbewältigung gibt!

Für Hamburg sieht es aber ökonomisch eher finster aus – als Hafenstadt, als Luftfahrtstandort und Touristenziel. Gilt Ihr Optimismus auch für die Hansestadt?

Straubhaar: Absolut. In diesen disruptiven Tagen müssen wir uns von alten Modellen trennen. Was in der Vergangenheit gut und richtig war, ist kein Garant mehr für künftige Erfolge. Wir dürfen nicht alten Rezepten nachtrauern. Die Globalisierung mit Massengütern aus Billiglohnländern hat ihren Zenit überschritten; der Hafen mit seiner bisherigen Wachstumsstrategie hat keine Zukunft. Auch den Flugzeugbau müssen wir kritischer sehen – wir haben die externen Effekte der Luftfahrt viel zu stark ausgeblendet, wir haben das Fliegen trotz der hohen ökologischen Kosten noch subventioniert. Um Fliegen zum billigen Massenprodukt für alle zu machen, haben die Bevölkerungen insgesamt draufgezahlt. Hersteller und Fluggesellschaften haben schon vor Corona kaum mehr Geld verdient und sich deshalb in einen Kostenwettbewerb gestürzt. Sollten wir den Kindeskindern eine Welt hinterlassen, die nur Kosten drücken kann – oder eine Welt, die neue Technologien und Fortschritt schafft? Das muss auch für Hamburg die Konsequenz sein. Wir müssen für eine smarte, coole und grüne Stadt sorgen, in der die Menschen gern leben und arbeiten, die innovativ ist, neue Techniken entwickelt und auch weiterhin eine Exzellenzuniversität hat, die neues Wissen schafft und neue Märkte erobert.

Reicht das, um die Zukunft zu gestalten?

Straubhaar: Wir müssen Visionen entwickeln, wie wir 2030, 2040 leben wollen. Dafür benötigen wir eine politische Strategie. Sie soll Ziele, nicht Wege vorgeben. Das Potenzial der Umsetzung haben wir: Wir haben – bei allen Mängeln – ein gutes Bildungssystem, ein gutes Gesundheitssystem, ein funktionierendes politisches System, eine offene Bürgergesellschaft und die finanziellen Mittel. Es gibt nichts, was uns hindern kann, besser zu werden. Wir müssen es nur wollen.

Sehen Sie diese Strategie in Hamburg?

Straubhaar: Zumindest kann Corona uns helfen, diese Strategie zu entwickeln. Dafür müssen wir mit Umland und Bürgergesellschaft über die Ziele debattieren und Meilensteine definieren. Hamburg muss diesen Zukunftsplan entwickeln. Es geht dabei nicht um Großplanungen und –projekte früherer Zeiten, sondern um Modelle, wie wir leben, wohnen, arbeiten wollen – und dabei eben auch um Sinnfragen. Digitalisierung und Datenökonomie – mit ihrer künstlichen Intelligenz und dem immensen Potenzial zur Optimierung von Problemlösungen werden uns dabei unterstützen, die richtigen Wege zu finden. Immerhin zeigen die Bestrebungen in Bezug auf Hamburg als Wasserstoffmetropole, wohin die Reise gehen kann. Das ist eine Vision und könnte ein Cluster schaffen, an dem große Wertschöpfungsketten hängen. Wir sollten nur nicht den Fehler machen, allein auf diese Technologie zu setzen. Die Energieversorgung der Zukunft sollte ökologisch sein, Ökologie ist das Ziel, Ökonomie der Weg! Da kann Wasserstoff dabei herauskommen, vielleicht aber auch etwas anderes.

Das sind die Corona-Regeln für Hamburg:

  • Privat können bis zu 25 Personen zu Feiern zusammenkommen, egal aus wie vielen Haushalten. Treffen in der Öffentlichkeit sind auf 10 Personen aus beliebig vielen Haushalten begrenzt.
  • Alle Kinder dürfen in einem eingeschränkten Regelbetrieb wieder die Kitas besuchen.
  • Nach dem Ende der Sommerferien am 6. August können wieder alle Schüler einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Dennoch sollen Einschränkungen wie die bisherigen Abstandsgebote vorsichtshalber erhalten bleiben.
  • Unter Auflagen sind wieder Veranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern im Freien und 650 Teilnehmern in geschlossenen Räumen zulässig.
  • Für größere Versammlungen gibt es keine Teilnehmerbegrenzung mehr. Es wird jeweils der Einzelfall mit Blick auf Hygiene- und Abstandsregeln geprüft.

Nun drohen wegen Corona zunächst einmal Verteilungskämpfe, zwischen Arm und Reich, Jung und Alt …

Straubhaar: Ja, das ist ein Problem. Bekanntlich kommt zuerst das Fressen, dann die Moral … Früher war es vor allem wichtig, die Voraussetzung zu schaffen, wirtschaftlich voranzukommen, Arbeitsplätze zu sichern und Märkte zu besetzen. Nun wird das Thema Verteilung wichtiger – es wird die 20er-Jahre prägen. Digitalisierung birgt die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft. Einige nutzen sie zum Vorteil, andere fallen zurück, weil sie da nicht mehr mithalten können. Für mich ist das eine der großen Enttäuschungen der Corona-Krise. Mit welcher Laxheit, mit welcher Selbstgerechtigkeit die alternde Gesellschaft ihre eigenen Interessen über die Interessen der kommenden Generationen gestellt hat. Ganz anders als Jüngere sind Senioren ökonomisch kaum durch die nun folgende Wirtschaftskrise betroffen oder gar bedroht – die meisten müssen sich weder Sorge um Jobverlust noch Rente machen. Es bleibt für mich skandalös, wie leichtfertig wir die Jüngeren um Bildungschancen gebracht haben, mit welcher Nonchalance wir über Monate Schulen geschlossen haben. Das sollte den Jüngeren Warnung sein.

Auch Europa steckt tief in Verteilungskämpfen …

Straubhaar: Angela Merkel hat mich hier positiv überrascht, weil sie die Verantwortung eines starken Deutschlands zur Solidarität mit dem übrigen Europa zu nutzen bereit ist. Corona hat die Spaltung Europas vertieft. Südeuropa hat menschliche Tragödien erlebt und nun noch größere Probleme als zuvor. Das schürt jene Emotionen, die politisch schwer zu handhaben sind.

Sie haben zu Beginn der Krise befürchtet, die ökonomischen Folgen würden schlimmer als Corona selbst. Ist Ihr Optimismus nun wieder gewachsen?

Straubhaar: Die damalige Einschätzung halte ich unverändert für richtig. Aber nach einer gewissen Schockstarre hat Deutschland zuletzt vieles richtig gemacht – die emotionalen Ängste haben wir unter Kontrolle bekommen und zurück zu rationalen Entscheidungen gefunden. Wir sind aus dem Lockdown des Verzichts auf ein Abwägen gottlob schnell herausgekommen. Da hat uns der gesunde Menschenverstand der Massen geholfen. Einen zweiten Lockdown von Wirtschaft und Gesellschaft wird es nicht geben, sondern wir werden lokal und sektoral reagieren. Das stimmt mich zuversichtlich.

Plötzlich waren Milliardensummen da, um die Wirtschaft und die Beschäftigen zu retten. Das wird die öffentlichen Haushalte lange belasten.

Straubhaar: Ja, es birgt aber auch die Chancen, den Sozialstaat radikal neu zu gestalten, weil sich viele alte Weisheiten als vollkommen überlebt erweisen. Eine vertiefte Debatte über das Grundeinkommen ist so eine Chance, die Corona uns eröffnet. Viele Menschen wurden über Nacht unverschuldet in ihrer Existenz bedroht, obwohl sie vieles richtig gemacht haben – als kleine Selbstständige, Kulturschaffende, Friseure, Gastronomen. Mit den Zuschüssen haben wir ihnen nun zu Recht ein Art Grundeinkommen zugestanden – oft richtigerweise auch komplett bedingungslos. Es lohnt sich, diesen Weg weiterzugehen.

Wie hat sich Ihr Leben als Universitätsprofessor verändert?

Straubhaar: Nach Corona muss auch an den Universitäten jeder Stein einmal umgedreht werden. Wir haben bei der viel beschworenen Einheit von Forschung und Lehre viel zu lange business as usual betrieben und uns seit Humboldts Zeiten eigentlich kaum verändert. Auch deshalb haben wir die Chancen der Digitalisierung in der Lehre weitgehend verschlafen. Nun erkennen wir das Potenzial. Das wird meinen Beruf verändern.

Wie wird sich die Universität verändern?

Straubhaar: Die Massenuniversität, die mit Tausenden von Lehrkräften an Hunderten Hochschulen in den Grundlagenfächern alle mehr oder weniger dasselbe unterrichten, hat keine Zukunft. Überleben wird eine kleine Anzahl von exzellenten Forschungsuniversitäten. Sie werden spezielle forschungsorientierte Lehrangebote für den eigenen Nachwuchs und ein paar andere anbieten. Die Lehre im Sinne einer akademischen Berufsausbildung für Massen von Studierenden wird jedoch nicht zu deren Kernaufgaben gehören.

Nächster Teil: Der Pianist Sebastian Knauer

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