Urlaub vor der Haustür

Nachts allein auf dem Bunker – mit der Stadt zu Füßen

Bei Nacht wirkt der Sleeperoo-Würfel mit seinen großen Panorama-Fenstern besonders einladend.

Bei Nacht wirkt der Sleeperoo-Würfel mit seinen großen Panorama-Fenstern besonders einladend.

Foto: Lars Hansen

Auch in der Metropolregion gibt es viele Möglichkeiten für erholsame Tage. Heute: Zelten auf dem Wilhelmsburger Energiebunker.

Hamburg. Zwar komme ich dem Bunker schon ganze 185 Zentimeter entgegen. Doch er ragt immer noch imposante 40 Meter über meinem Kopf empor. Das soll also für heute Nacht mein Zuhause sein. Nicht der gesamte 80 Jahre alte Betonklotz, sondern ein zeltartiger Würfel auf der Bunkerbrüstung, ein sogenannter „Sleeperoo“. Davon gibt es 61 in ganz Deutschland verteilt – alle an Standorten, an denen man für gewöhnlich nicht übernachten kann oder darf, wo man höchstens wild campen könnte, wenn man das denn noch mag und sich traut. Almwiesen und Strände sind dabei, aber auch Museen oder Motodrome.

Susann führt mich auf den Bunker. Sie ist der „Host“, die Gastgeberin des Sleeperoo-Würfels auf dem Energiebunker. Jeder Sleeperoo-Standort hat so einen Host. Meistens haben diese ein Café, eine Pension oder einen Bauernhof in der Nähe und bieten den Gästen dort auch ein Frühstück an. Susann betreibt mit ihrem Mann Joel das Café „Vollmundig“ 200 Meter vom Bunker entfernt. Auch direkt auf dem Bunker gibt es ein Café, aber das hatte schon vor Corona sehr ungewöhnliche Öffnungszeiten und jetzt erst recht. Deshalb suchte Sleeperoo neue Gastgeber und fand Susann und Joel. Hoch geht es mit dem Fahrstuhl. Susann hat einen Schlüssel dafür. „Morgen früh musst du aber die Treppe nehmen, wenn du gehst“, erklärt sie mir.

Der Ausblick haut einen um

Der zum Stadtteilkraftwerk umgebaute einstige Flakbunker beherbergt zwar eine Ausstellung und das besagte Bunkercafé, aber beides ist bereits geschlossen und der Bunker damit auch. Das bringt gleich die nächste Einschränkung mit sich: Man kann den Betonklotz wohl verlassen, aber nicht wieder betreten. Die einzige offene Tür ins Bunkerinnere ist oben beim Sleeperoo und führt zum Ausstellungsraum, wo auch die Toiletten sind.

Als ich das zum ersten Mal las, wollte ich meine Übernachtungspläne hier einstampfen, aber dann entschloss ich mich, die Herausforderung anzunehmen. „Wir haben Standorte, an denen man viel unternehmen kann und solche wie diesen, an denen man sich zurückziehen kann“, sagt Martina Peters, die die Öffentlichkeitsarbeit für Sleeperoo betreibt. „Viele nehmen die – sozusagen nicht verplanbare Zeit – als gewonnene Freizeit ohne Programm, um die Zeit mit sich oder dem Partner zu genießen, mit einem Glas Wein den Sonnenuntergang oder Sternenhimmel zu beobachten oder endlich mal wieder ein Buch zu lesen. Die Erlebnisse sind tatsächlich sehr unterschiedlich.“ Oben angekommen, haut mich der Ausblick um. Mal wieder, denn ich bin nicht zum ersten Mal hier oben. Aber heute Nacht gehört mir die ganze Galerieallein – und ich werde das genießen.

Der Schlafwürfel hat große Fenster für den Ausblick

Der Sleeperoo steht auf der Nordseite des quadratischen Klotzes, mit Blick auf die bekannte Hamburger Skyline: Michel, Fernsehturm, Elphi, Jacobi, Katharinen, Nicolai, Petri. Im Vordergrund der Turm der Wilhelmsburger Emmaus-Kirche und etwas dahinter rechts Immanuel auf der Veddel. Nach Süden geht der Blick nach Harburg, nach Westen gen Hafen und im Osten sind Georgswerder, Rothenburgsort und ganz am Horizont Mümmelmannsberg auszumachen.

Susann erklärt mir den Schlafwürfel. Er besteht aus einem stabilen Kunststoffrahmen, der mit einer dicken Zeltplane bespannt ist, die zur Seite, nach vorn und nach oben große Panoramafenster hat. Die kann man von innen verhängen, in meinem Fall muss man das ja aber nicht. In dem Rahmen gibt es Staufächer. Ansonsten befindet sich im Würfel ein breites Bett, Bettzeug, Beleuchtung und ein Überlebenspaket. Das haben mir nicht die Gastgeber gepackt, sondern das Sleeperoo-Team. Mit einem Zahlenschloss am Reißverschluss lässt sich das Zelt abschließen, erklärt mir Susann, um sich dann zu verabschieden.

Bunkergäste haben einen Logenplatz

Es ist 19 Uhr. Ich bin nun allein auf dem Bunker. Erst einmal drehe ich drei Runden. Michel, Köhlbrandbrücke, Harburg, Rothenburgsort. 400 Schritte zeigt mein Zähler pro Runde an. Für mein Tagesziel muss ich noch einige Runden drehen. Weiter unten ist mehr Bewegung. Bunkergäste haben einen Logenplatz über dem Basketballfeld/Bolzplatz neben dem Jugendzentrum. Hier wird gespielt, solange es halbwegs hell ist, und gar nicht mal schlecht.

Ein Stück weiter links zieht sich die Veringstraße schnurgerade durch den Wilhelmsburger Westen, das immer schicker werdende Reiherstiegviertel. Entlang der Veringstraße finden sich Restaurants, Bars, Cafés und Läden. Auch das „Vollmundig“ liegt an diesem Quartiersboulevard.

Es gibt viel zu sehen

Wer auf dem Bunker übernachtet, sollte unbedingt hier bummeln, bevor es nach oben in die Einsamkeit geht. In der befinde ich mich jetzt. Das Schloss brauche ich gar nicht, denn außer mir ist ja niemand hier. Ich inspiziere das Überlebenspaket. Eine Sleeperoo-Mitarbeiterin namens Gesa hat es gepackt, steht auf dem Zettel darin. Es enthält: Biowein, etwas Wasser, Saft, bioveganen Knabberkram, Schreibzeug, einen Müllbeutel und Klopapier. Gesa hat mir auch ein Kondom eingepackt. Mein Übernachtungsgutschein gilt immerhin für zwei Personen, und Gesa kann nicht ahnen, dass ich mich nach der Buchung entschlossen habe, die Einsamkeit im Sleeperoo ganz allein auszuprobieren.

Urlaub in Zeiten des Coronavirus
Urlaub in Zeiten des Coronavirus

So richtig einsam fühle ich mich aber gar nicht: Um mich herum lebt die ganze Stadt. Auch, wenn die Basketballspieler nach Hause gegangen sind, gibt es viel zu sehen: An der Elphi beginnen die Fenster zu leuchten, der Channel-Tower im Harburger Binnenhafen glitzert im Sonnenuntergang, der Wilhelmsburger Wasserturm am Krankenhaus Groß Sand zeichnet sich scharf im Gegenlicht ab, und auf der Köhlbrandbrücke bewegen sich rechts rote und links weiße Lichter in einer ruhigen Dauerhaftigkeit.

Orangeroter Sonnenaufgang über Rothenburgsort

Der Bio-Rotwein ist gar nicht schlecht. Zwei Pappbecher davon gönne ich mir vor dem Zähneputzen und genieße dabei den Blick über die Stadt. Der ist immer wieder anders, je weiter der Abend fortschreitet. Hier gehen Lichter aus, da an; hier bewegt sich etwas, dort wird es ruhig. Nur die Köhlbrandbrücke schläft nie.

Tipps für die Umgebung:

  • Umgebung: Unbedingt den Nachmittag vor oder den Vormittag nach der Bunkernacht für einen Bummel durch den Wilhelmsburger Westen einplanen. Hervorragend frühstücken kann man sowohl im Café „Vollmundig“, Veringstraße 97, als auch in der „Kaffeeliebe“, Am Veringhof 23a. Nachmittags bieten beide Cafés tolle Kuchen.
  • Der Bunker: Der 42 Meter hohe und 57 Meter lang wie breite Betonbunker ist baugleich mit dem auf dem Heiligengeistfeld. Beide waren Flugabwehrstellungen und sind so stabil gebaut, dass man sie nicht abbrechen konnte, ohne die Umgebung zu gefährden. Der Wilhelmsburger Bunker dient mit Sonnenkollektoren außen und einem gigantischen Heißwasser-Speicherkessel innen seit 2013 der Energiegewinnung und -bevorratung.

Aber ich. Nach Zähneputzen und Katzenwäsche im Herrenklo des Bunkers – mehr Sanitäreinrichtungen gibt es nur bei wenigen Sleeperoos – sowie einigen Seiten Kriminalroman kuschle ich mich kurz nach Mitternacht unter die Decke und schlafe ein, während leichter Nieselregen auf der Plane ein Geräusch macht, das das Zelten erst besonders gemütlich erscheinen lässt. Kaum zu glauben, dass hier vor 80 Jahren Dutzende Soldaten angestrengt in den Himmel blickten, um im Ernstfall von hier aus auf angreifende Bomber zu schießen.

Selbst die Hochhäuser von Problemvierteln sehen im Morgenlicht bezaubernd aus

Um halb fünf piept mein Handy. Ich habe mir den Wecker auf Sonnenaufgang gestellt. Das war keine schlechte Idee: Die Regenwolken sind weg, und knallorange leuchtet der Himmel über Rothenburgsort. Selbst die Hochhäuser ausgemachter Problemviertel sehen im Morgenlicht bezaubernd aus. Dennoch zieht es mich nach einiger Zeit wieder in den kuscheligen Schlafwürfel. Bis 9 Uhr bleibe ich noch auf dem Bunker, drehe ein paar Runden auf der Galerie – mache mich dann an den Abstieg. Die Nacht allein mit der ganzen Stadt hat mich beeindruckt. Trotzdem ist es schön, wieder Menschen zu sehen. Vor allem, wenn sie einem ein tolles Frühstück servieren, wie Joel im „Vollmundig“.

Anreise und Kontakt:

  • Adresse: Energiebunker, Neuhöfer Straße 7, 21107 Hamburg
  • Anreise: Mit dem Auto von der A 7 über die Köhlbrandbrücke und gleich in Richtung Neuhof abbiegen dann über Neuhöfer Straße anfahren. Von den Elbbrücken über die Ausfahrt Veddel auf den Veddeler Damm, Richtung Köhlbrandbrücke. Vor der Brücke in Richtung Neuhof abbiegen dann über Neuhöfer Straße anfahren. Mit dem HVV: Metrobus 13, Haltestelle Veringstraße „Mitte“
  • Übernachtung: Kosten 170 Euro für bis zu drei Personen. Zu buchen unter www.sleeperoo.de

In der nächsten Folge geht es um die Great Lake Lodges und Glamping am Großensee