Hamburg

Ernst Voss: Ein Leben für den Schiffbau

| Lesedauer: 7 Minuten
Matthias Schmook
 Ernst Voss

 Ernst Voss

Foto: Blohm + Voss Shipyards

Vor 100 Jahren starb Ernst Voss, der mit Hermann Blohm ein Weltunternehmen aufbaute. Erinnerungen an einen beispiellosen Aufstieg.

Hamburg. Als Ernst Voss am 12. Januar 1842 als jüngster Sohn eines Hufschmieds in Fockbek bei Rendsburg geboren wird, scheint sein Lebensweg vorgezeichnet. Der schmächtige Junge, eines von sechs Geschwistern, muss schon früh in der väterlichen Schmiede mithelfen. Gemeinsam mit 150 anderen Kindern wird er bis zu seinem 14. Lebensjahr in der örtlichen Dorfschule von einem einzigen Lehrer mehr schlecht als recht unterrichtet, der nur das Nötigste vermittelt. Eine weiterführende „Rektorschule“ besuchte Voss lediglich ein Jahr lang.

Der Junge ist nach heutigen Begriffen zweifellos hochbegabt, kann ungewöhnlich gut zeichnen und hat früh ein überragendes technisches Verständnis. Mit der zunächst zögerlichen Unterstützung seines sehr strengen Vaters absolviert­ Ernst Voss eine Maschinenbaulehre in Rendsburg. Nebenbei bildet er sich in einem heute kaum noch nachvollziehbarem Maß weiter – oft bis an den Rand seiner Kräfte. Die reguläre Arbeitszeit dauert damals von sechs bis 19 Uhr, hinzu kommen rund zwei Stunden Fußweg.

Als Junge jeden Tag 15 Stunden für die Arbeit

Voss ist 15 Stunden täglich auf den Beinen. Er schläft rund fünf Stunden, isst nur eine Mahlzeit. Neben der regulären Arbeit büffelt er mit Unterstützung des Rendsburger Arbeitervereins vor allem sonntags unter anderem Englisch, Mathematik und Stenografie. Mit 18 baut er aus eigenem Antrieb und ohne Anleitung eine Dampfmaschine, die er in Fockbek der staunenden Dorfgemeinschaft vorführt. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie heutige Eltern auf diese verblüffende Leistung reagieren würden. Voss erinnert die Reaktion seines Vaters später so: „Mein Vater sagte nicht viel, nickte aber mit dem Kopfe und meinte: ,Das hast du gut durchgeführt.‘“

Glücklicherweise erkennen die Eltern die Begabung des Jungen und lassen ihn den eingeschlagenen Weg weitergehen. Fleiß, Zähigkeit und enormer Sachverstand bringen Voss überall Anerkennung ein, und dank seiner umgänglichen, unprätentiösen Art schließt er schnell Freundschaften. Er besteht alle Abschlüsse mit Auszeichnung, nach nur sechs Semestern wird er in Zürich Diplom-Ingenieur­. Lehrmeister, Dozenten und Firmeninhaber empfehlen ihn weiter.

Die Werft heute

  • Der Name Blohm + Voss ist bis heute erhalten, aber die Firmenstruktur hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Familie Blohm sukzessive aus der Firma zurückgezogen.
  • Nachdem zunächst der Thyssen-Konzern bei Blohm + Voss eingestiegen war, wurde das Unternehmen aufgeteilt, einzelne Betriebsteile separat verkauft.
  • 2012 übernahm der britische Investor Star Capital Partners den zivilen Schiffbau, der Maschinenbaubereich ging 2013 an die schwedische SKF-Gruppe.
  • Im Jahr 2016 übernahm dann überraschend die Bremer Lürssen-Gruppe die Traditionswerft. Blohm + Voss setzt heute neben der Reparatur von Schiffen sowie Maschinen- und Anlagenbau vor allem auf den Bau von Mega-Yachten.

Voss wird protegiert, sein Aufstieg beginnt. Im Jahr 1876, Voss ist inzwischen selbstständiger Lloyds-Sachverständiger in Hamburg, bekommt er in seinem Kontor an der Kleinen Reichenstraße Besuch von dem knapp sechs Jahre jüngeren diplomierten Schiffbau-Ingenieur Hermann Blohm, der gerade aus England nach Hamburg zurückgekehrt ist. Der Sohn eines reichen Lübecker Überseekaufmanns hat ehrgeizige Zukunftspläne, und in Glasgow war ihm Voss mehrmals eindringlich empfohlen worden. Die beiden sind auf einer Wellenlänge – fachlich sowieso, aber auch menschlich.

Im April 1877 wird Blohm & Voss in das Hamburger Handelsregister eingetragen

Das Ergebnis: Im April 1877 wird Blohm & Voss in das Hamburger Handelsregister eingetragen, der Bau einer gemeinsamen Werft samt Maschinenfabrik und Kesselschmiede beginnt. Der Start auf der Elbmarscheninsel Kuhwerder ist für die gleichberechtigten Partner unendlich schwierig. Das Gelände muss mühsam trockengelegt werden, wobei die Kosten völlig aus dem Ruder laufen. Lange bleiben Aufträge aus, weil die zwei Jungunternehmer „drüben auf der Viehweide“ zunächst nicht ernst genommen werden. Ein erstes Schiff können sie nur unter großen Verlusten verkaufen, immerhin kommt dadurch ihr Name ins Gespräch.

Der Durchbruch gelingt, als die beiden mit dem Mut der Verzweiflung alles auf eine Karte setzen: Nach Entwürfen von Ernst Voss lassen sie Deutschlands erstes Schwimmdock bauen, ein Projekt, für das sie ihr letztes Geld zusammenkratzen: Hermann Blohm setzt sein gesamtes Erbe und Darlehen seiner beiden Brüder dafür ein. Der Coup gelingt. Die Auftragslage bessert sich schnell, und schon bald gehören Reedereien wie Hamburg Süd und die Woermann-Linie zu Stammkunden, von 1890 an auch das Reichsmarine-Amt. Im Jahr 1908 bedeckt das Werftgelände die 30-fache Fläche der ursprünglichen Anlage.

Bemerkenswert: Obwohl Hermann Blohm und Ernst Voss von Herkunft und Wesensart sehr verschieden waren, gab es auf ihrem langen gemeinsamen Weg nie eine persönliche Krise. Ihre Freundschaft überdauerte den holperigen Einstieg ins Werftgeschäft, die ersten schwierigen Jahre, und sie zerbrach auch nicht, als beide wohlhabend und hoch angesehen waren. Lange teilten sich die zwei ein Büro, und über rund 40 Jahre trafen sie sich morgens zum Frühstück, um über das Unternehmen und Privates zu sprechen. Blohm kümmerte sich vor allem ums Geschäftliche und repräsentierte die Firma erfolgreich nach außen. Voss, der zeitlebens seine schlichte Ausdrucksweise pflegte und bis zuletzt für die Werftarbeiter ansprechbar blieb, hielt sich im Hintergrund und beschäftigte sich – wie gehabt – ausschließlich mit den technischen Aspekten.

Ernst Voss’ Leben blieb nicht frei von Schicksalsschlägen

An seinem Lebensende bilanzierte Voss, dass der Erfolg der Werft „durch unentwegte, nicht rastende Arbeit“ errungen worden sei. Protektion von außen habe es nie gegeben. „Mein Freund Hermann Blohm und ich haben uns immer gut verstanden und uns auch gegenseitig ergänzt. Dadurch wurde ein inniges Zusammenarbeiten erst möglich Ohne solch inniges gegenseitiges Verstehen und Wertschätzen wäre das Werk sicherlich nicht gelungen.“

Ernst Voss’ Leben blieb nicht frei von Schicksalsschlägen. Seine erste Ehefrau, Lina Kalkmann, war nicht nur seine große Liebe, er wurde auch von ihrer wohlhabenden Familie herzlich aufgenommen, was damals keine Selbstverständlichkeit war. Doch Lina starb schon 1874, unmittelbar nach der Geburt der Tochter Helene, und Voss’ Schwager und bester Freund, mit dem er ursprünglich ein gemeinsames Unternehmen aufbauen wollte, starb im Deutsch-Französischen Krieg. Noch als alter Mann schreibt der ansonsten eher nüchtern-sachliche Voss in seinen Lebenserinnerungen von seiner „heiß geliebten Frau“.

Mittlerweile in zweiter Ehe verheiratet, zieht sich Voss 1913 aus dem Unternehmen zurück und stirbt sieben Jahre später. Sein Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist noch erhalten. Die Dampfmaschine, die er als 18-Jähriger gebaut hatte, stand übrigens bis zuletzt in seiner Villa in Hochkamp.

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