Hamburg

Sascha Kriegel, der Steuermann im digitalen Planetarium

| Lesedauer: 10 Minuten
Matthias Schmoock
Sascha Kriegel  im Planetarium Hamburg.

Sascha Kriegel im Planetarium Hamburg.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Multimediale Animationen, 3-D-Klang, Laserstrahlen: Hamburgs Sternensaal im Stadtpark ist einer der modernsten der Welt.

Hamburg. Beim Besuch des Planetariums in Hamburg schauen naturgemäß alle immer nach oben. Das ist am Eingang schon so – und natürlich erst recht in der Kuppel. Dabei würde sich auch der Blick nach unten hinter die dortigen Kulissen lohnen.

Hier, im Tiefgeschoss, schlägt in einem Seitenflügel quasi das technische Herz des Hauses. Und es ist in den vergangenen Jahrzehnten immer größer und wichtiger geworden. Man muss es so sehen: Hamburgs Planetarium kann seinen Besuchern immer noch das bieten, was es ihnen schon in den ­1980er- und 1990er-Jahren geboten hat – aber eben auch noch hundertmal mehr.

Wer seine Gäste dauerhaft an sich binden will, kann den Strom der Zeit nicht an sich vorbeifließen lassen. Es gilt, Neues – oft auch Spektakuläres – zu entwickeln, um angesagt zu bleiben und erfolgreich mitzuschwimmen, heutzutage mehr denn je. Dass Hamburgs Planetarium das erfolgreichste der Republik ist, kommt nicht von ungefähr. Dafür musste eine Menge getan werden, wie schon die Zeitleiste auf der Homepage deutlich macht.

Ein paar Stichworte: Im Jahr 2001 wurde Europas größte Indoor-Laser­anlage eingebaut, 2003 kam nach einer aufwendigen Modernisierung die Wiedereröffnung als erstes Hybrid-Planetarium Deutschlands. Dann im Jahr 2013 der wohl größte Schritt: Mit der Einführung des Spatial-Sound-Wave-Systems hatte Hamburg das weltweit erste Planetarium mit 3-D-Sound und 3-D-Bild.

Laien würden sein Refugium als eine Art Labor bezeichnen

Das viel zitierte Pfund, mit dem das Team im Stadtpark seitdem wuchern kann, sind seine Fulldome-Shows: spektakuläre Präsentationen voller atem­beraubender Effekte, die Ausflüge in alle möglichen Lebensbereiche abdecken und dabei alles Wissenswerte zwischen Erde und Himmel vermitteln. Herrscher über dieses Technikreich ist Sascha Kriegel, offizielle Bezeichnung: Leitung Content und Technik. Laien würden sein Refugium im Bauch des Planetariums als eine Art Labor bezeichnen, in dem sich Tische mit Bildschirmen mit Regalen voller Kabelsalat abwechseln.

Entscheidend ist: Kriegel hat hier den Überblick – und verliert ihn auch nie. Gut gelaunt arbeitet er permanent am Stehpult, malträtiert diverse Tastaturen, trinkt Fruchtsaft und pendelt zwischen ein paar Monitoren hin und her wie ein Kunstmaler an der Staffelei. Vor seinem schmalen Fenster auf Höhe des Fußwegs bewegen sich ein paar Rhododendren im Wind, doch man fragt sich, ob Kriegel schon jemals Zeit und Muße hatte, sie zu betrachten.

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Doch Kriegel ist kein einsilbiger Nerd, sondern, ganz im Gegenteil, sehr zugewandt und mitteilsam. Dem gebürtigen Kölner obliegt die Programmierung von „Dig­i­star 6“ – dem Echtzeit-Kosmos-Simulator, der seit 2017 im Planetarium Großes produziert. Um die digitale Projektion mit dem analogen Zeiss-Sternenprojektor zu synchronisieren, hat Kriegel eine Software entwickelt, die beide Systeme miteinander verbindet. Als Ergebnis kann „Digistar“ den Zeiss automatisiert steuern. Hoch und breit wie zwei nebeneinander stehende schwarze Kühlschränke sieht der „Digi“ aus, von Kriegel fast liebevoll getätschelt. Ohne dieses hochtechnisierte Kraftpaket, so viel muss klar sein, hätte das Planetarium nicht seine heutige Bedeutung.

Zu Kriegels Geschäft gehört die Produktion von digitalen Inhalten mit Grafik- 3-D- und Audioprogrammen, außerdem die Planung und Konzeptionierung neuer Shows und sonstiger Veranstaltungen in enger Absprache mit Planetariumschef Thomas W. Kraupe. Ein Blick in das umfangreiche Programm aus der Vor-Corona-Zeit zeigt, wie stark das Angebot in den vergangenen Jahren ausgeweitet wurde und welchen hohen Stellenwert die Shows inzwischen im Planetarium haben. Neben dem eher „klassischen“ Bereich „Unser Kosmos“ gehören heute auch „Unsere Welt“ und „Unsere Stars“ dazu. Zu Recht stolz ist man im Planetarium darauf, dass damit die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung längst aufgelöst sind, dass die Shows neben Wissenschaft und Technik nun auch Musik und Kunst bieten können.

50 Jahre Electronic-Space-Musik von Jean-Michel Jarre

Sascha Kriegels Finger fliegen über die Tastatur, er findet sich unter mehreren Hundert Dateien buchstäblich spielend zurecht. Ein paar willkürlich angeklickte Beispiele sind „Sound of Space – eine Klang­reise durchs All“ oder „Die Jagd durch die Dimensionen“ und versprechen „neue 360-Grad-Wissenschaftserlebnisse“. „Planet Jarre – The 360° Experience“ bietet 50 Jahre Electronic-Space-Musik von Jean-Michel Jarre als audio­visuelles Erlebnis mit Sternen, Licht und Laser.

Oder wie es das Programm ankündigt: eine Reise zu Jarres größten musikalischen Schöpfungen. „Queen Heaven – The Original“ heißt eine andere Show, die sich im wahrsten Sinne des Wortes rund um die legendäre britische Pop-Band dreht. Versprochen wird „ein gigantisches 360-Grad-Rundumspektakel im Re­trostil mit vielen originalen Musik-, Bild- und Videoaufnahmen sowie Licht- und Laser­effekten“.

3 Fragen

  • 1. Was ist Ihr wichtigstes persönliches Ziel für die nächsten drei Jahre? Gesund zu bleiben und den Glauben an das Vorhandensein von gesundem Menschenverstand bei den Menschen nicht zu verlieren.
  • 2. Was wollen Sie in den nächsten drei Jahren beruflich erreichen? Meine Position nutzen, um dazu beizutragen, dass das Hamburger Planetarium technisch Spitze bleibt und noch mehr mit anderen Kultureinrichtungen und Hochschulen zusammen produziert und erforscht.
  • 3. Was wünschen Sie sich für Hamburg in den nächsten drei Jahren? Ich sehe Hamburg auf dem Weg zu einer modernen, umweltfreundlichen Wissensmetropole mit einer sehr starken Industrie und wünsche der Stadt, dass sie auf diesem Weg soziale Probleme wie die für viele Menschen unbezahlbaren Mieten in den Griff bekommt.

Mehr geht eigentlich gar nicht. Musik- und Lichtshows kennt so ziemlich jeder – aber wohl kaum, wenn sie zugleich in 3-D-Bildern und mit 3-D-Sound rüberkommen. Anders als im Kino sitzt der Zuschauer hier inmitten des Geschehens, da er die Bilder nicht nur vor sich hat, sondern in der 360-Grad-Projektion ringsherum.

Das Showprogramm fordert die Sinne der Besucher über alle Maßen, Insider sprechen von „Immersion“. Das bedeutet: Die Zuschauer sollen während ihres Aufenthalts quasi komplett in eine andere, unendliche Welt hineingezogen werden, und das kann nicht selten eine Art Achterbahnfahrt der sinnlichen Wahrnehmung auslösen.

Überhaupt nicht mit Kino zu vergleichen

„Das ist zum Beispiel überhaupt nicht mit Kino zu vergleichen“, sagt Kriegel. „Beim Kino hast du vorne die Leinwand mit den Begrenzungen oben unten und an den Seiten. Bei den Shows geschieht alles um dich herum, und du bist gleichzeitig mittendrin. Auch der Sound kommt nicht von vorne oder von der Seite, sondern von überall.“ Gerade Erstbesucher seien mitunter geradezu überwältigt, berichtet Kriegel, „weil sie so etwas noch nie erlebt haben“. Um die Gäste dabei nicht zu überfordern, müssen die Shows auf maximal 50 bis 60 Minuten begrenzt werden, die für Kinder und Jugendliche sind noch etwas kürzer. 90 oder 120 Minuten seien psychisch und physisch zu anstrengend, wissen Experten, und laut Kriegel habe sich auch noch nie jemand über die Länge einer Performance beschwert.

Dank der Shows ist es dem Planetarium gelungen, die klassischen Kundenstämme zu halten – und neue hinzuzugewinnen. Kriegel fasst es so zusammen: „Früher ging man in zwei Phasen ins Planetarium: erst als Kind, später dann als Erwachsener mit dem eigenen Kind oder Enkelkind.“ Inzwischen finde auch die Altersstufe dazwischen regelmäßig den Weg in den Stadtpark – mal in Gestalt von Pink-Floyd-Fans, mal als Literaturliebhaber.

Kriegel studierte Multimedia Production­ an der Fachhochschule Kiel. Der gebürtige Kölner lebt in Eilbek und kam während des Studiums vor zwölf Jahren erstmals aktiv mit einem Kuppelsaal in Berührung – mit dem Mediendom der FH Kiel, der auch als Planetarium genutzt werden kann. Seitdem hat ihn dieser Arbeits­bereich nie wieder losgelassen. Aktuell steht er einem kleinen Produktionsteam vor, das die Shows für das Planetarium erstellt, bearbeitet und pflegt. Außerdem ist er für die freien Mitarbeiter zuständig, die den Großteil der Veranstaltungen als Techniker und Moderatoren betreuen.

„Glücklicherweise kann ich selbst in allen Bereichen aktiv mitarbeiten, denn ich bin eher Praktiker als Theoretiker“, bekennt der 47-Jährige. Immer wieder betont er, dass ohne Rückkopplung mit Thomas W. Kraupe vor Ort gar nichts funktionieren würde, und ständig stellt er im Gespräch sein Mitarbeiterteam heraus. Doch klar ist auch: Ohne Kriegel, der bei den Shows so gut wie nie öffentlich in Erscheinung tritt, liefe erst recht nichts – jedenfalls nicht so flott und erfolgreich wie zurzeit. Von Burn-out oder dem Bedürfnis nach Work-Life-Balance ist bei Kriegel nichts zu merken. Vermutlich ist seine Arbeit sein Leben – oder zumindest ein wichtiger Teil davon. Auf jeden Fall macht sie ihm Spaß. Und dass man ihn „machen lässt“, wie er sagt, liegt eben auch nur daran, dass er alles kann, was von ihm erwartet wird.

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