Hamburg

Unterricht fast wie vor Corona – ein großes Experiment

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Peter Ulrich Meyer
So war es vor den Ferien: Annegret Philipp, Lehrerin für Mathematik und Englisch, unterrichtet  Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse der Grundschule  Wielandstraße – und trägt dabei ein Visier.

So war es vor den Ferien: Annegret Philipp, Lehrerin für Mathematik und Englisch, unterrichtet Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse der Grundschule Wielandstraße – und trägt dabei ein Visier.

Foto: Christian Charisius / dpa

Das Schuljahr in Hamburg startet – aber was ist von Donnerstag an die neue Normalität für Schüler, Lehrer und Eltern?

Hamburg. Wenn Schulleiter Mathias Morgenroth-Marwedel am 6. August nach dem Ende der Sommerferien seine Schule, die Stadtteilschule Blankenese, betritt, dann startet ein Experiment, das bislang ohne Beispiel ist. Es ist der Versuch, an den Schulen nach den Monaten der coronabedingten Schulschließungen und Einschränkungen wieder Normalität einkehren zu lassen. „Uneingeschränkter Regelbetrieb“ heißt das im Jargon der Schulbürokraten. Damit ist gemeint: Der komplette Unterricht findet in der Schule statt, und es gibt (wie vor Corona an fast allen Hamburger Schulen) eine Ganztagsbetreuung mit Kantinenessen.

Die Ankündigung von Schulsenator Ties Rabe (SPD) eine Woche vor dem Start des neuen Schuljahres war eindeutig: Alle Schülerinnen und Schüler, alle Klassen und Jahrgangsstufen kehren in die Schule zurück – zunächst einmal, wie hinzugefügt werden muss, denn über die nahe Zukunft des Schulbetriebs entscheidet auch die weitere Entwicklung der Infektionszahlen in Deutschland, in Hamburg und nicht zuletzt in den einzelnen Schulen.

Es ist diese aufgrund der Launen der Pandemie fortdauernde Ungewissheit, die den Experimentcharakter der Wiederöffnung der Schulen unterstreicht. Von Morgenroth-Marwedel und seinen Schulleiterkollegen, von allen Lehrerinnen und Lehrern und nicht zuletzt von den Schülern und Eltern wird die Corona-Krise weiterhin viel Flexibilität verlangen.

„Nichts wird mehr sein wie vorher.“

„Ich persönlich bin sehr hoffnungsvoll und gehe mit begründeter Zuversicht in das neue Schuljahr“, sagt Morgenroth-Marwedel, aber er fügt hinzu: „Nichts wird mehr sein wie vorher.“ Dabei denkt der Schulleiter nicht nur an die Fragilität aller Entscheidungen in Zeiten der Pandemie, sondern gewinnt der Lage durchaus auch positive Aspekte ab: „Die Sehnsucht nach Schule ist größer geworden, je länger sie nicht stattgefunden hat.“ Er schließt in diese Beobachtung die Schülerinnen und Schüler ausdrücklich ein.

Sehnsucht der Schüler nach Schule – das ist selbst für erfahrene Pädagogen doch eher eine überraschende Erfahrung. Morgenroth-Marwedel hält es für möglich, dass das Verlusterlebnis zu einer Neubewertung von Schule führen könnte. „Wir wollen die Türen öffnen für diejenigen, für die Schule wichtig ist. Die Schule ist eine soziale Einrichtung, ein sozialer Ort. Es geht dann nicht nur um Deutsch, Englisch und Mathematik“, sagt der Schulleiter, der natürlich weiß, was die monatelange Phase des schulischen Lockdowns für die Familien bedeutete und wie wichtig der Neustart des Schulunterrichts auch unter diesem Aspekt ist: „Viele Eltern waren am Rand mit ihrem Nervenkostüm.“

Der letzte reguläre Schultag dieses Jahres war der 28. Februar – danach begannen die Märzferien, die in Hamburg nicht ohne Grund Skiferien heißen. Zwei Wochen später – viele Rückkehrer aus dem Urlaub hatten sich mit dem neuen Coronavirus angesteckt und Hamburg zu einem frühen Hotspot gemacht – blieben die Schulen geschlossen. In keinem anderen Bundesland dauerte die Pause des gemeinsamen Unterrichts in Klassen- und Fachräumen so lange wie an Alster und Elbe. Nie seit den Tagen des Zweiten Weltkrieges fiel in Hamburg die Schule so lange aus wie 2020.

Wie kontrovers um den richtigen Kurs gestritten wurde, zeigte sich auch am Abitur

In der ersten Phase wurde an Schulen lediglich eine Notbetreuung in der Zeit von 8 bis 16 Uhr für die Kinder von Eltern angeboten, die aus beruflichen oder familiären Gründen darauf angewiesen waren. Erst vom 27. April an wurden die Schulen nach Klassenstufen schrittweise wieder geöffnet. Es war eine eingeschränkte Rückkehr in die vertraute Umgebung, denn nur ein Teil der Unterrichtsstunden sollte in der Schule stattfinden. Beim anderen Teil blieb es dabei, dass die Schüler nach Anleitung zu Hause lernen sollten. Für diese Form pädagogischer Vermittlung prägte sich der Begriff Fernunterricht ein.

Viele Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Eltern sahen vor allem die gesundheitlichen Risiken der zahllosen Begegnungen, die nun in der Schule wieder möglich sein würden. Anderen kam der Neustart viel zu spät und zu zaghaft, weil die Verhältnisse zu Hause schwierig und beengt waren, zumal auch die meisten Eltern im Homeoffice arbeiteten (und arbeiten). Wie kontrovers um den richtigen Kurs gestritten wurde, zeigte sich auch am Abitur: Schulsenator Ties Rabe (SPD) verschob die schriftlichen Prüfungen um ein paar Wochen und setzte die reguläre Reifeprüfung letztlich gegen massive Widerstände und Bedenken auch wegen angeblich unzureichender Vorbereitung durch. Das Abitur verlief dann allerdings – unter Einhaltung der Abstandsregeln – erstaunlich reibungslos. Am Ende erreichten die Abiturienten 2020 den besten Gesamtnotenschnitt seit Jahren.

Aber: Schon die schrittweise Rückkehr zum Unterrichtsbetrieb in der Schule vor den Sommerferien war eine Gratwanderung, schließlich hätten Virusinfektionen in größerer Zahl die Bemühungen schnell zu Fall bringen können. Schulsenator Rabe hatte dennoch Mitte Juni angekündigt, im Gleichklang mit acht anderen Bundesländern den Regelunterricht in den Grundschulen und den fünften und sechsten Klassen der weiterführenden Schulen nach den Sommerferien sicher wieder aufnehmen zu wollen. Für die höheren Klassen sei das immerhin wahrscheinlich. Der Druck auf die verantwortlichen Politiker, die Schulen aufgrund von psychologischen, sozialen und familiären Aspekten wieder zu öffnen, war sehr groß.

Im Unterricht gibt es keinen coronabedingten Mindestabstand und keine Maskenpflicht

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach daraufhin davon, dass dieser Schritt zwar „aus pädagogischen Gründen ausgesprochen wünschenswert“ sei. Dennoch sei es falsch, „die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsrisikos und zum Gesundheitsschutz leichtfertig aufzugeben“. Dabei geht es der GEW vor allem um die Einhaltung des Abstandes von 1,5 Metern in allen Unterrichtssituationen. Aus diesem Grund fand vor den Sommerferien der reduzierte Präsenzunterricht nur in kleinen Gruppen mit bis zu 15 Schülern statt. Nur wenn diese Regel fällt, das hat Rabe immer wieder deutlich gemacht, ist der komplette Regelbetrieb an Schulen überhaupt möglich. Wenn Schüler im Abstand von 1,5 Metern zueinander sitzen sollten, müssten die Klassen wieder geteilt werden – räumlich wie personell sind die Schulen dafür bei vollem Präsenzunterricht nicht ausgestattet.

Jetzt kommt es so, wie Rabe es angekündigt hat: Im Unterricht gibt es keinen coronabedingten Mindestabstand und keine Maskenpflicht, und es bleibt bei der üblichen Klassengröße, die vor der Pandemie auch galt: zwischen 19 und 27 Schülerinnen und Schülern, je nach Klassenstufe und Schulform. Der Umgang mit der Abstandsregel wie mit den Hy­gieneauflagen insgesamt wird also eine der ersten Bewährungsproben sein, wenn die Schulen wieder öffnen.

Die Schulbehörde hat dazu ein Konzept erarbeitet, das sich um den Begriff der Kohorte dreht. Damit sind Gruppen von maximal rund 120 Schülerinnen und Schülern gemeint, für die die Abstandsregeln nicht gelten sollen. Zwischen den einzelnen Kohorten allerdings schon. Bei einer vier- oder fünfzügigen Schule umfasst eine Kohorte in der Regel einen Jahrgang. An kleinen Schulen wie der Grundschule Cranz mit insgesamt nur 84 Schülern gibt es dagegen nur eine Kohorte.

Schulbehörde arbeitet an Aktualisierung des „Muster-Corona-Hygieneplans“

Wie wirksam kontrolliert werden kann, dass sich die Schüler unterschiedlichen Alters im alltäglichen Gewusel in den Gebäuden und auf dem Schulgelände nicht zu nahe kommen, ist eine offene Frage. Auf Unverständnis bei Lehrern, aber auch Eltern trifft in diesem Zusammenhang, dass die Schulbehörde für die Flure, die Treppenhäuser und die Schulhöfe lediglich empfiehlt, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Eine Maskenpflicht gibt es – außer für Schulbesucher wie zum Beispiel Eltern – im Gegensatz zu anderen Ländern nicht. Manchen ist das zu lax.

Lehrerinnen und Lehrer müssen untereinander den Mindestabstand etwa im Lehrerzimmer, bei Konferenzen oder in der Teeküche einhalten, sie haben auch Kontakt zu Schülern unterschiedlicher Jahrgänge. Im Unterricht muss der Abstand zwischen Lehrer und Schülern dagegen nicht eingehalten werden. Noch arbeiten die Beamten in der Schulbehörde an einer Aktualisierung des „Muster-Corona-Hygieneplans“, auf dessen Basis die Schulen dann ihre eigenen Hygienepläne aufstellen sollen.

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Immerhin ist wenige Tage vor dem Schulstart für die materielle Ausstattung zum Virenschutz gesorgt: Zusätzlich zu den 135.000 sogenannten Alltagsmasken aus Stoffmaterial, die schon vor Wochen an die Schulen verteilt wurden, hat die Behörde noch einmal 30.000 FFP2-Masken und Plexiglas-Visiere geordert, die auch dem passiven Schutz des Trägers dienen.

Lehrer, die sich befreien lassen wollen, brauchen ein Attest

Die Lehrer dürfen die Masken oder Visiere auch im Unterricht tragen – das ist selbstverständlich auch keinem Schüler verboten. Grundsätzlich sind die Pädagogen verpflichtet, am Präsenzunterricht in der Schule teilzunehmen. Eine Weigerung aus Angst vor dem Virus sieht der Gesetzgeber nicht vor. Allerdings können sich Lehrer mit einem ärztlichen Attest vom Präsenzunterricht befreien lassen, wenn aufgrund von Erkrankungen eine erhöhte Gefährdung besteht. Wie viele Lehrer diesen Weg gehen werden, ist noch nicht geklärt. Erst wenn am 3. August die Präsenztage beginnen, bei denen die Lehrer in der Schule anwesend sein müssen, wird erkennbar sein, wie viele Pädagogen ein Attest vorlegen.

Im zurückliegenden Schuljahr konnten sich Lehrer, die einer der Covid-19-Risikogruppen angehören, also zum Beispiel 60 Jahre und älter sind, durch eine einfache Erklärung vom Kontakt mit Schülern und Kollegen in der Schule befreien. An einzelnen Schulen wurden Ausfallquoten von bis zu 30 Prozent registriert, insgesamt dürfte der Durchschnitt aber deutlich niedriger gelegen haben. Von den über 60-Jährigen sollen sich laut Stichproben nur zwei bis drei Prozent dem Präsenzunterricht verweigert haben.

Abi-Zeugnis wie im Autokino
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Jetzt hat die Behörde durch die Einführung der Attestpflicht die Hürde erhöht und behält sich ausdrücklich vor, die Kriterien noch einmal zu verschärfen. Vorläufig gilt allerdings die Aussage eines Behördensprechers: „Wir gehen aufgrund von Erfahrungswerten zu Schuljahresende und aufgrund der guten personellen Ausstattung der Hamburger Schulen davon aus, dass der reguläre Schulbetrieb auf jeden Fall sichergestellt werden kann.“

Was, wenn Eltern sich aus Sorge vor einer Infektion weigern, ihr Kind in die Schule zu schicken?

In Schleswig-Holstein haben nach Angaben der dortigen GEW 780 der rund 28.000 Lehrkräfte ein Attest für eine Befreiung vom Unterricht in der Schule vorgelegt. Nach einer betriebsärztlichen Überprüfung seien davon nur 32 Atteste akzeptiert worden. Eine solche Überprüfung ist in Hamburg (noch) nicht vorgesehen.

Vorstellbar, aber in der Dimension bislang ebenfalls nicht abzuschätzen, ist der Fall, dass sich Eltern aus Sorge vor einer Infektion weigern, ihr Kind in die Schule zu schicken. Grundsätzlich gilt die Schulpflicht. In Sachsen, das die Grundschulen schon im Juni wieder komplett geöffnet hatte, kamen 95 Prozent der Kinder in die Schulen, obwohl die Schulpflicht dort zunächst ausgesetzt war. Experten gehen davon aus, dass von den fünf Prozent, die der Schule fernblieben, etwa die Hälfte „echte“ Erkrankungen waren und die anderen coronabedingt zu Hause blieben.

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