Wildes Hamburg

Rehe tauchen in Stadtgärten auf – ein Experte sagt, warum

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Ein Reh steht in einem Garten und frisst Früchte von einem Blutpflaumenbaum.

Ein Reh steht in einem Garten und frisst Früchte von einem Blutpflaumenbaum.

Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB

Die als scheu geltenden Tiere wurden bereits häufig in einer Straße in Bramfeld und auf dem Ohlsdorfer Friedhof gesichtet.

Hamburg. Nicht weit vom Ohlsdorfer Friedhof entfernt berichten Anwohner von regelmäßigem Besuch in ihren Gärten: Rehe kommen in der Straße Am Stühm in Bramfeld regelmäßig bis direkt vors Haus.

Nun sollen dort freilaufende Hunde am Sonnabendnachmittag ein Reh aufgestöbert und gehetzt haben. Das berichteten Augenzeugen dem Abendblatt. Später wurde ein Reh in einem Garten gesichtet – heftig schnaufend.

Bramfeld: Freilaufende Hunde sollen Rehe gehetzt haben

"Das geht gar nicht, dass Hunde ein Wildtier hetzen", sagt Andreas Kinser, stellvertretender Leiter Natur- und Artenschutz der Deutschen Wildtierstiftung in Hamburg. Er empfiehlt, den Hundebesitzer direkt auf das Geschehen anzusprechen.

"Der Hund folgt seinem Jagdtrieb und büxt aus. Den meisten Tierhaltern tut das dann auch leid und sie geben beim nächsten Mal besser acht." Kinser ist zuversichtlich, dass es dem Reh gut gehe. "Rehe sind gute Kurzstreckensprinter, die sich bei Gefahr schnell verdrücken."

277 Wildtierunfälle in Hamburg registriert

Nach Schätzung der Deutschen Wildtierstiftung in Hamburg leben etwa 3000 Rehe im Stadtgebiet Hamburg – Tendenz zunehmend. Gezählt habe sie bisher niemand. "Von den Jägern erlegt wurden in der vergangenen Jagdsaison aber etwa 1200 Rehe", sagt Kinser. Er geht zudem von einer hohen Mortalität aus. So werden Rehe auch immer wieder Opfer des Straßenverkehrs.

Laut Polizei gab es im vergangenen Jahr 277 Wildunfälle in Hamburg. "Betroffen sind vor allem die ländlichen Gebiete wie Finkenwerder, Allermöhe oder Wellingsbüttel", sagt Polizeisprecher Rene Schönhardt. Aber auch ein Wildunfall im Zentrum der Stadt fällt in die Statistik.

Zuletzt war am 24. Juni in der Abenddämmerung ein Reh am Berner Heerweg in Farmsen-Berne vom Auto angefahren und so schwer verletzt worden, dass es von seinen Qualen erlöst werden musste.

Kontakt mit Mensch oder Hund bedeutet Stress

Aber was treibt die Tiere in die Stadt? "Rehe verhalten sich sehr territorial", sagt Wildtierexperte Kinser. Nicht jedes Reh findet im Grünen sein eigenes kleines Revier. Und so würden sie auch auf städtische Gärten ausweichen. "Der bietet zudem ein breites Nahrungsangebot."

Rehe sind laut Kinser – wie Füchse und Kaninchen auch – extrem anpassungsfähig. Die Tiere würden dennoch versuchen, dem Menschen aus dem Weg zu gehen. "Jeder Kontakt mit Mensch oder Hund bedeutet für sie Stress."

Ausgetreute Menschenhaare halten Rehe fern

Junge Rosenknospen und Triebe von Apfelbäumen ziehen Rehe in die Gärten. Auch Stiefmütterchen, Tulpen und Erdbeeren scheinen einen besonderen Reiz auszuüben. Ausgestreute Haare von Mensch oder Hund, Pfeffer auf den Beeten oder reflektierende CDs in den Bäumen halten eigentlich scheuen Tiere nicht auf Dauer fern.

"Die Tiere sind lernfähig. In vielen Fällen gewöhnen sich die Rehe nach ein paar Tagen an die Störquellen", sagt Kinser. Manschetten können junge Bäume vor Wildverbiss schützen. Auch Hunde mögen Rehe nicht. "Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich genüsslich zurückzulehnen und den Anblick zu genießen." Um Rehe aus dem Garten fern zu halten würden sonst nur 1,50 Meter hohe Zäune helfen.

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Und selbst dann finden die Tiere einen Weg, diese Hürde zu nehmen. "Wir beobachten immer wieder Rehe auf dem Ohlsdorfer Friedhof, die vom Alsterlauf her kommen", sagt Lutz Rehkopf, Pressesprecher des Friedhofes. "Dabei ist das Tor abends verschlossen." Bei viel Verbiss werden sie auch erschossen. Aber das komme eher selten vor, so Rehkopf.

Das soll Rehe aus dem Garten fernhalten:

  • Gegen Rehe, die Beete plündern, sollen verschiedene Mittel helfen, zum Beispiel „Wildstop“. Das Konzentrat mit Blutmehl wird verdünnt aufgesprüht. Der Geruch soll Wildtiere vertreiben.
  • Einen Liter Buttermilch mit fünf Litern Wasser mischen und auf die Blumen gießen. Die Säure soll die Tiere abschrecken.
  • Primeln, Hyazinthen, Narzissen, Bellis, Vergissmeinnicht und Veilchen mögen Rehe ebenfalls nicht.
( ade )

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