Hamburg

Vom Marihuana-Dealer zum Englischlehrer

| Lesedauer: 6 Minuten
Friederike Ulrich
Der Amerikaner Milton Miller hat sich in Hamburg eine neue Existenz aufgebaut. Er lebt auf St. Pauli und ist Trainer für Englisch als Geschäftssprache.

Der Amerikaner Milton Miller hat sich in Hamburg eine neue Existenz aufgebaut. Er lebt auf St. Pauli und ist Trainer für Englisch als Geschäftssprache.

Foto: Marcelo Hernandez

Milton Miller lebt seit 2002 in Hamburg. Nun hat er ein Buch über seine kriminelle Familie und seine Jugend geschrieben.

Hamburg.  Der durchtrainierte schwarze Hüne, der seinen Cappuccino mit Hafermilch umrührt, hört am liebsten Mozart und Beethoven, hat gute Umgangsformen, lehrt Wirtschaftsenglisch und drückt sich auch außerhalb des Unterrichts sehr gewählt aus. Rein äußerlich hat er so gar nichts zu tun mit dem heranwachsenden Milton aus dem Buch, das vor ihm liegt.

Der wuchs im Getto von Oakland, Kalifornien, auf – in einer Familie, deren Mitglieder alle im Drogen- und Prostitutionsmilieu tätig waren. Doch der Milton Miller im Café am Schulterblatt ist derselbe, der als Jugendlicher seinen Mitschülern in Kalifornien selbst gedrehte Joints verkauft und mit seinem Onkle Wayne Süchtige mit Crack und Marihuana beliefert hat.

Milton Miller und seien Familie dienten der Großmutter

Über seine Kindheit und Jugend hat der 49-Jährige, der seit 2002 in Hamburg lebt, ein Buch geschrieben. „Wie Ameisen auf Zucker“ hat er es genannt und in Eigenregie herausgebracht. Der Titel ist nicht etwa eine rassistische Anspielung auf Schwarze, die in einer weißen Gesellschaft auffallen. Sondern die Ameisen sind die Mitglieder seiner Familie. „Jeder von uns hatte seine ganz spezielle Aufgabe. Wir haben uns, oft rücksichtslos, genommen, was wir kriegen konnten. Und damit unserer Königin gedient: meiner Großmutter.“

Carlene Harviston, Tochter einer Weißen und eines indianisch-jamaikanischen Vaters, betrieb in Oakland ein Bordell – ganz allein, ohne einen Mann. Ihre fünf Kinder, Miltons Mutter Judy Marie, ihre Schwestern Lynn und Jennifer, sowie die Brüder Wayne und Irving, waren alle von verschiedenen Vätern. „Ich glaube, es waren alles Kunden, denn als Bordell-Chefin waren ihre Dienste besonders gefragt“, so Miller. Die ganze Familie sei in den Betrieb eingebunden gewesen: seine Mutter habe die Mädchen rangeschafft, seine Tanten im Haus Ordnung gemacht und die Prostituierten kontrolliert, sein Onkel Wayne habe Drogen und Potenzmittel für die Kunden beschafft. Alle waren drogenabhängig, konsumierten Crack, Kokain und Marihuana. „Nur mein schwuler Onkel Irving hatte nichts mit dem Business zu tun. Er meinte immer, meine Familie sei nichts für mich – und starb leider mit 40 an HIV“, erzählt Miller in nahezu perfektem Deutsch, mit breitem amerikanischen Akzent.

Als er 15 Jahre alt war, erschoss sich seine Mutter

Als er 15 Jahre alt war, erschoss sich seine Mutter. Zu ihrer Drogenabhängigkeit war eine Depression gekommen: Sie vermutete, an Krebs erkrankt zu sein und hatte zudem ihren Job bei der Berkley University verloren, wo sie in der Zimmervermittlung tätig war. Der junge Milton fand sie, als er nachts von einer Party nach Hause kam. „Ich hatte zum ersten Mal ein Mädchen geküsst und wollte ihr davon erzählen“, so Miller der seine schöne Mutter trotz allem vergöttert hatte. Aus dem Höhenflug wurde ein steiler Abstieg, als er sie in ihrem Schlafzimmer liegen sah. Mit halb weggeschossenem Schädel.

Seinen Zusammenbruch, den Verrat der Großmutter und seiner Onkel und Tanten (die ihm von den Sachen seiner Mutter nur ein Bild aus ihrer Zeit als Model ließen), den seines Vaters (der ihn um das Geld brachte, das ein Anwalt wegen der unrechtmäßigen Kündigung der Universität eingeklagt hatte), seinen Werdegang als Profi-Basketballspieler in der zweiten Liga (er hatte ein entsprechendes Stipendium bekommen) und schließlich seine Umsiedlung nach Deutschland beschreibt Miller in seinem Buch. Fünf Jahre hat er dafür gebraucht. Die Idee entstand während des Coachings, mit dem er nach seiner Ankunft in Hamburg die Vergangenheit aufarbeitete.

Und so tauchen in seiner Biografie immer wieder Reflektionen und Beschreibungen der gewonnenen Erkenntnisse auf und geben dem Erzählten dadurch eine Art Struktur. Es ist als Selbstveröffentlichung beim Dienstleistungsverlag Tredition erschienen (ISBN 978-3-347-04003-8). Doch er habe das Buch nicht vorrangig aus therapeutischen Gründen geschrieben, sagt Miller. „Ich will anderen Mut machen, die aus ähnlich unterprivilegierten Kreisen kommen. und ihnen zeigen, dass man es schaffen kann, wenn man nur will.“

Nach Hamburg kam er wegen seines Vaters

Nach Hamburg sei er damals seines Vaters wegen gekommen, erzählt Miller. Der hatte seine zweite Frau und die gemeinsamen Kinder verlassen und war von San Francisco nach Uelzen gezogen – einer Freundin wegen, die er drüben in Kalifornien kennengelernt hatte. Seinen Namen, ebenfalls Milton Miller, habe er schon vorher in Karim Akbar geändert. „Nachdem er sich auch von seiner deutschen Freundin getrennt hat, ist er nach Hamburg gezogen und hat hier bei Reemtsma Wirtschaftsenglisch unterrichtet“, erzählt Miller. „Ich habe mich für ihn verantwortlich gefühlt. Außerdem wollte ich meinen Horizont erweitern – ich hatte bis dahin ja nur Sport gemacht.“

Karim Akbar ist mittlerweile gestorben, und Miller selber Vater zweier 14-jähriger Zwillingsmädchen aus einer früheren Beziehung. Er hat mehrere Jobs als Englischlehrer und fühlt sich bei seiner jetzigen Freundin und deren Familie „angekommen“. Doch er will noch mehr: Der Stoff für zwei weitere Bücher schwirrt ihm schon im Kopf herum. „Jetzt suche ich einen richtigen Verlag, der mich dabei begleitet.“ Auch einen Film könne er sich vorstellen – am liebsten mit Fatih Akin als Regisseur, sagt Miller.

„Menschen wie ich, die zu einer Minderheit gehören, müssten sich ihre Nische suchen. Bei meinem Freund Jared Dibaba ist es das Plattdeutsche. Ich will die Botschaft weitergeben, dass niemand seiner Herkunft wegen zum Kriminellen werden muss. Man hat es selber in der Hand.“Einen Verlag finden, einen Film drehen, vielleicht sogar mal bei Markus Lanz auf der Bühne sitzen, warum sollte Milton Miller nicht auch diese Träume verwirklichen können? Hätte man ihm in seiner Jugend prophezeit, wo er mal landet – der Junge aus dem Getto hätte es auch nicht geglaubt.

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