Deutlich mehr Neuinfektionen

Urlauber bringen Corona nach Hamburg: Was das bedeutet

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Daniel Herder und Matthias Popien
Sieben Bewohner der Geflüchtetenunterkunft an der Walddörferstraße wurden positiv auf Covid-19 getestet. Nun wird das Gelände von einem Sicherheitsdienst bewacht.

Sieben Bewohner der Geflüchtetenunterkunft an der Walddörferstraße wurden positiv auf Covid-19 getestet. Nun wird das Gelände von einem Sicherheitsdienst bewacht.

Foto: Michael Arning

Der Anstieg von Neuinfektionen ist so stark wie zuletzt Mitte Mai. Unterkunft von Geflüchteten betroffen, dazu kommen Reiserückkehrer.

Hamburg. Bei vielen Hamburgern dürfte sich in den vergangenen zwei Monaten das Gefühl verfestigt haben, die Stadt habe das Schlimmste schon überstanden, zumal die täglich gemeldeten Zahlen zu Neuansteckungen mit dem Coronavirus zwischen „nicht vorhanden“ und „verschwindend gering“ pendelten. Doch von Mittwoch auf Donnerstag ermittelte die Stadt plötzlich wieder 24 Neuinfektionen – das sind zwei mehr als in den vergangenen sechs Tagen insgesamt, der höchste Wert seit Mitte Mai.

Es ist zwar zu früh, um vom Beginn einer zweiten Welle zu sprechen, für die der Senat allerdings schon jetzt Vorkehrungen trifft. Doch die neuen Zahlen lassen auch die Sozialbehörde aufhorchen. „Wir werden abwarten müssen, wie sich das Infektionsgeschehen in den nächsten Tagen entwickelt“, sagte eine Sprecherin. Die jetzt ermittelten Infektionen seien jedenfalls noch gut einzugrenzen.

Fast ein Drittel der gemeldeten Neuansteckungen geht auf einen Ausbruch in einer Wandsbeker Wohnunterkunft für Geflüchtete zurück. Sieben Bewohner seien positiv auf Covid-19 getestet worden, teilte die Sozialbehörde mit. Dabei handelt es sich nach Abendblatt-Informationen um die Unterkunft an der Walddörferstraße mit rund 300 Plätzen.

Quarantäne: Bewohner werden mehrfach getestet

Zurzeit sind auf dem Gelände und in der Umgebung auffällig viele Wachleute zu sehen. Rot-weiße Flatterbänder und Einkaufswagen versperren den Zugang zur Anlage. Die Testergebnisse hätten am Mittwoch vorgelegen, daraufhin seien die ersten Maßnahmen getroffen worden, teilte das Bezirksamt Wandsbek auf Anfrage mit.

„Um eine Ausbreitung zu vermeiden, hat das zuständige Gesundheitsamt für alle Bewohner eine mindestens zweiwöchige Quarantäne angeordnet. Zudem werden nun alle Bewohner mehrfach getestet“, teilte die Sozialbehörde mit.

Damit solle geprüft werden, wie viele Menschen über die aktuell bestätigten Fälle hinaus betroffen sind und welche Kontaktketten bestehen. Betroffen seien 277 Bewohner, die vom Unterkunfts­betreiber fördern & wohnen mit Lebensmitteln versorgt werden müssen.

Türkei-Urlauber bringen Corona nach Hamburg

Zieht man die sieben positiv auf Covid-19 Getesteten aus der Unterkunft ab, bleiben 17 weitere Neuinfektionen. Was hat es damit auf sich? Auf Abendblatt-Anfrage sagte die Sozialbehörde dazu, der vergleichsweise starke Anstieg gehe insbesondere auf Reiserückkehrer aus Risikogebieten zurück. „Ein Großteil davon kam aus der Türkei“, sagte eine Sprecherin.

In den vergangenen Tagen hätten sich viele Urlauber bei den Gesundheitsämtern gemeldet, um einen Corona-Test machen zu lassen. Die positiv Getesteten und alle anderen Rückkehrer aus Risikogebieten sind verpflichtet, sich in eine 14-tägige Quarantäne zu begeben. Wer sich nicht daran hält, riskiert ein Bußgeld von bis zu 10.000 Euro.

Corona-Tests für Reisende am Flughafen?

Um den Viren-Import zu begrenzen, könnte es auch am Hamburger Flughafen bald Coronatests für Reisende aus ausländischen Risikogebieten geben. Eine endgültige Entscheidung dürfte am heutigen Freitag fallen. Am Mittwoch konnte bei einer Telefonkonferenz der Gesundheitsminister der Länder zunächst keine Einigung erzielt werden.

„Es ist aus unserer Sicht nötig, sich über solche Tests zu unterhalten“, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde. Die Situation an den Flughäfen sei „kritisch“. „Rückkehrer aus ausländischen Risikogebieten stellen ein wesentliches Risiko für ein Anwachsen der Infektionstätigkeit in Hamburg dar“, so Helfrich.

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Am heutigen Freitag müssen die Gesundheitsminister noch diverse offene Fragen klären. Unklar ist etwa, wer die Kosten für den Test am Flughafen trägt. Ebenso muss eine Einigung in der Frage erzielt werden, ob die Tests freiwillig sind oder vorgeschrieben werden.

Sollten mit ihnen im Wesentlichen rückkehrende Sommerurlauber aus Risikogebieten kontrolliert werden, müsste das Flughafen-Testzentrum rasch aufgebaut werden. Denn in knapp zwei Wochen enden die Hamburger Sommerferien.

Corona: Kommt die zweite Welle in Hamburg?

Ob die Zahl der Neuinfektionen wieder auf ein insgesamt höheres Niveau springt, hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem eben von der Frage, wie sich die Zahl der positiv auf Corona getesteten Urlaubsrückkehrer in der Statistik niederschlägt. Aber auch lokale Ausbruchsherde könnten den weiteren Pandemie-Verlauf beeinflussen.

So wird heute das Ergebnis einer Reihentestung von Bewohnern und Mitarbeitern eines Pflegeheims in Bramfeld erwartet. Am Dienstag hatte das Gesundheitsamt die Tests angeordnet, nachdem das Coronavirus bei einem Bewohner nachgewiesen worden war.

Viel dürfte aber auch von der Disziplin der Hamburger abhängen – mit der war es zuletzt am Wochenende nicht weit her: Hunderte junge Menschen auf dem Kiez und im Schanzenviertel scherten sich beim Feiern kein Stück um das Abstandsgebot. Der Senat plant deshalb ein Alkoholverkaufsverbot für einzelne Straßen.

Corona-Einordnung: Kein Grund zur Panik

Zum aktuellen Stand: Die Zahl der in Hamburg positiv getesteten Menschen liegt bei 5274, rund 5000 gelten laut Robert-Koch-Institut (RKI) als genesen. Pro 100.000 Einwohner haben sich in den vergangenen sieben Tagen 2,6 mit dem Corona-Virus infiziert – das sind zwar doppelt so viele wie am Mittwoch. Allerdings liegt der Grenzwert, ab dem der Senat über erneute Einschränkungen zur Eindämmung beraten muss, bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Das entspräche 900 Fällen pro Woche.

In den Hamburger Krankenhäusern werden aktuell 21 an Covid-19 erkrankte Patienten behandelt – drei mehr als am Vortag. Sieben von ihnen liegen auf Intensivstationen. Die Zahl der Todesopfer liegt laut Institut für Rechtsmedizin unverändert bei 230. Das RKI, das unabhängig von der Todesursache alle mit dem Virus infizierten Toten erfasst, kommt weiterhin auf 261.

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