Stutthof-Prozess

Jugendgericht urteilt in Hamburg über Ex-KZ-Wachmann

KZ-Überlebender über Stutthof-Wachmann: "Er ist ein Mörder"

Im Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann des NS-Konzentrationslagers Stutthof soll am Donnerstag in Hamburg das Urteil fallen. Ein polnischer Überlebender des Lagers fordert nun eine "gerechte Strafe" für den 93-Jährigen.

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Der inzwischen 93-Jährige ist der 5230-fachen Beihilfe zum Mord angeklagt. Das Urteil wird am Donnerstag erwartet.

Hamburg. In einem der mutmaßlich letzten Prozesse wegen der Verbrechen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazizeit wird am Donnerstag vor dem Hamburger Landgericht das Urteil erwartet. Die Richter entscheiden über den Fall des heute 93-jährigen Bruno D., der im Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher für mehrere Monate als SS-Wachmann im Lager Stutthof diente und sich dadurch laut Anklageschrift der 5230-fachen Beihilfe zum Mord schuldig machte.

Die Staatsanwaltschaft forderte in dem Verfahren, das wegen des Alters des Angeklagten zur Tatzeit vor einer Jugendkammer läuft, drei Jahre Haft. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, viele Urteile dürften 75 Jahre nach Kriegsende nicht mehr folgen. Die Aufarbeitung von NS-Verbrechen, die in den vergangenen Jahren noch einmal Schwung gewann, neigt sich wegen des Alters der Beschuldigten dem Ende zu.

Staatsanwaltschaft: Angeklagter habe systematischen Mord unterstützt

Auch in dem Hamburger Verfahren müssen die Richter nun in erster Linie klären, wie die Rolle des Angeklagten in der mörderischen Maschinerie des Holocausts strafrechtlich einzustufen ist. Auch der Angeklagte bestreitet nicht, dass er 1944 und 1945 im Alter von 17 und 18 Jahren als Wachmann in Stutthof war. Die Meinungen darüber, welche Mitschuld er trägt, gehen aber weit auseinander.

Für die Staatsanwaltschaft steht außer Frage, dass D. durch den Wachdienst auf den Türmen rund um das KZ den von der NS-Führung initiierten systematischen Massenmord unterstützte, wobei ihm das Ausmaß der Verbrechen bewusst gewesen sei. Zugleich meint sie, dass er die Chance gehabt hätte, sich dem Dienst zu entziehen.

Persönlich konfrontiert mit einem Staatsverbrechen von derartiger Dimension „reicht es nicht mehr aus, wegzuschauen und auf das Ende zu warten“, sagte Oberstaatsanwalt Lars Mahnke in seinem Plädoyer. Dann müsse „Schluss sein mit der Loyalität gegenüber Verbrechern“. Ein Soldat habe umgehend den Dienst zu verweigern.

Angeklagter fordert Verständnis für seine damalige Lage

Der Angeklagte und sein Verteidiger dagegen fordern Verständnis für die Lage des damals teils noch minderjährigen Beschuldigten, der sich in einer für ihn unauflösbaren Zwangslage befunden habe. Er hätte „mit Sicherheit“ die Chance genutzt, sich dem Dienst in Stutthof wieder zu entziehen, sofern ihm dieses möglich gewesen wäre, sagte D. am Montag in seinem letzten Wort vor dem Gericht.

Auch Verteidiger Stefan Waterkamp bezweifelte, dass sein Mandant von Möglichkeiten einer Rückversetzung zur Wehrmacht gewusst habe. Auch mit Blick auf die damalige „Befehlshörigkeit“ habe schlicht nicht erwartet werde können, dass ausgerechnet ein in seinem Wesen ungefestigter Jugendlicher „aus der Reihe tanzt“.

In Stutthof wurden Gefangene unter katastrophalen Bedingungen festgehalten

In Stutthof hielt die SS mehr als hunderttausend Gefangene unter katastrophalen Bedingungen fest, um sie durch Krankheiten, Hunger und Sklavenarbeit langsam zu ermorden. Viele der Gefangenen waren Juden, das Lager diente auch als Vernichtungslager. Es gab dort eine Gaskammer und eine heimtückisch getarnte Genickschussanlage.

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Auch D. leugnet die Zustände in Stutthof nicht. In seinem letzten Wort entschuldigte er sich bei allen, „die durch diese Hölle des Wahnsinns gegangen sind“. Ein wichtiges Argument der Verteidigung ist aber, dass D. das Ausmaß der Verbrechen im Inneren des Lagers erst durch Berichte von Opfern und Gutachtern im Prozess erfasst habe. Während seines Dienstes im äußeren Wach- und Sperrgürtel habe er diesen Bereich gar nicht betreten dürfen.

Das sorgte für Empörung unter den Überlebenden, die auch von einer Entschuldigung angesichts dieser Einschränkungen nichts wissen wollen. „Ich möchte seine Entschuldigung nicht, ich brauche sie nicht“, betonte der ehemalige polnische Gefangene Marek Dunin-Wasowicz (93), einer der Nebenkläger (siehe Video oben).